Weihnachten analog

Kinderbuch | Sophie Härtling (Hg.in): Die schönsten Lieder zur Weihnachtszeit

Längst schon betätigen wir nur noch kleine Schalter und schon leuchten Lichter, duftet Gebäck, erklingen Lieder. Wir leben digital, vielleicht gibt es demnächst Weihnachten 3.0 und 4.0 mit Weihnachtsbaum-Hologrammen und statt des Weihnachtsmanns zischen Drohnen mit roten Zipfelmützen über die Dächer und schießen Geschenke in die Schornsteine. Man kann Weihnachten aber auch den heutigen Zeiten anpassen, ohne Traditionen aufzugeben. Und wo könnte man besser ansetzen als beim Singen? Sophie Härtling und Joëlle Tourlonias haben das Buch dazu kreiert. Von MAGALI HEISSLER

Härtling - O Tannenbaum Die schönsten Lieder zur Weihnachtszeit Denkt man an Weihnachten, kommen einer sehr schnell die dazugehörigen Lieder in den Sinn. Schließlich plärren sie uns aus jedem Lautsprecher entgegen. Man könnte sie im Schlaf singen, würde man das Schlafen nicht vorziehen. Nicht selten liegt das daran, dass man die Lieder gar nicht richtig kennt. Ein paar Zeilen, ein bisschen Melodie, der Rest ist Lalala.

Das ändert sich, wenn man in diesem Buch blättert. Schon beim Lesen der Verse erlebt man Überraschungen. Nicht wenige der Lieder erzählen eine Geschichte, von der man – kennt man nur die erste Strophe – nur den Anfang weiß. Es gibt so manches zu entdecken. Bei anderen kann man sich an Reimen freuen, an Lautmalereien. Hin und wieder wird es kitschig bis zur Albernheit, das muss man ertragen. Manchmal tut Weihnachten eben richtig weh.

Kleine warme Freuden

Die schönsten Lieder, so behauptete der Untertitel, hat Härtling ausgesucht. Die Behauptung ist nicht falsch. Es gibt Standards und Klassiker, Kunstlied, Kirchenlied, aber auch Moderneres, etwa von Rolf Zuckowski sowie eine Handvoll französischer und englischer Weihnachtslieder. Gesungen wird vom Backen und vom Tannenbaum, von Geschenken, von Hirten, Schafen und immer wieder vom Baby in der Krippe. Stern und Kerzenlicht, der würzige Duft von Gebäck, Gold und Engel, Spannung und Geheimnis um die Geschenke machen aus Weihnachten in diesem Buch eine Zeit voller kleiner warmer Freuden.

Selbst der Winter, der in einigen Liedern im Vordergrund steht, wird hier zu einer Zeit der Gemütlichkeit. Sehr harmonisch geht es zu, Fröhlichkeit herrscht, selbst wenn auf dem Berg der Wind weht oder Maria und Josef um ihren Platz in der Scheune betteln müssen. Eine fast altmodische Innigkeit wächst aus diesem Buch. Dass sie einer nicht die Luft zum Atmen nimmt, ist positiv zu vermerken.

Gegliedert ist die Sammlung in sechs Kapitel, die jeweils von einem Gedicht, passend zur Jahreszeit und zum Fest, eingeleitet werden. Paula Dehmel und Anna Richter, Morgenstern und Rilke etwa haben sie geschrieben, überraschende Fundstücke sind sie in dieser Sammlung geworden. Vorlesen und gemeinsam singen, das wird eine gemütliche Stunde zu zweit, zu dritt oder auch in größerer Runde.

Kindlich, weich und märchenhaft

Die gleiche Entschlossenheit zu Freude, Wärme, Innigkeit zeigen auch die Illustrationen. Das Gerundete herrscht, vom Kindchenschema bis zur Weichheit, die dicker Schnee allen Ecken und Kanten verleiht. Kindergesichter strahlen einer beim Betrachten entgegen, ein wenig Verschmitztheit, die Tourlonias hineingezaubert hat, verhindert, dass der Anblick gar zu putzig wird. Die dunkle Nacht – Weihnachten fällt bei uns in die dunkelste Jahreszeit – wird unweigerlich tröstlich durch einfallendes Licht erhellt, gleich, ob Menschen zur Kirche gehen, ein Auto mit Tanne auf dem Dach eine winterliche Straße entlangfährt oder ein überirdisches Wesen vom Himmel herabschwebt.

Die vorgestellte Weihnachtswelt ist eine Märchenwelt, voller süßer Dinge, süßer Geheimnisse, süßer Wunder. Diese Welt ist wunderschön anzuschauen. In den ganzseitigen Bildern kann man sich verlieren, ohne irgendwo anzustoßen und unangenehm aus dem schönen Traum zu erwachen. Einmal nur herrscht Seltsames, bei der bildlichen Interpretation des Alten – und gar nicht so leicht zu Singenden – ›Es kommt ein Schiff geladen‹. Hier erweitert sich für einmal der Blick in unerwartete Richtung.

Ein junges Publikum wird sich kaum sattsehen können an dem Band. Neben den Bildern gibt es zahlreiche Vignetten und Ausschmückungen, ein Glöckchen klingelt die Seitenzahl ein, Sterne und Lebkuchen fallen vom Himmel, Orangen kullern herum, kleine Schafe wandern munter über die Seiten. Die gesamte Weihnachts-Ikonographie liegt einer vor Augen.
Die Farben sind zart, das pastellige Dezemberlicht stand hier eher Pate als das inzwischen für diese Festzeit übliche knallige Rot und Grün.

Eine gelungene Auswahl, schön gezeichnete und kolorierte Illustrationen machen die kleine Sammlung sehr attraktiv. Auch für weniger Geübte gut zu bewältigende Notensätze sind weitere Pluspunkte. Im Anhang gibt es eine Harmonietabelle für Begleitinstrumente und eine einfache Grifftabelle für Gitarrenbegleitung. Ein bisschen schludrig ist es, dass Angaben zu den Texten weitgehend fehlen, ebenso die Quellenangaben.
Eine CD? Aber nein. Sie fehlt auch nicht. Das Buch steht für sich. Weihnachten analog. So soll es sein.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sophie Härtling (Hg.in): Die schönsten Lieder zur Weihnachtszeit
Mit Bildern von Joëlle Tourlonias
Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2016
95 Seiten. 14,99 Euro
Kinderbuch ab 5 Jahren
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