Sehnsuchtsorte

Jugendbuch | C.G. Drews: The Boy Who steals Houses

Wie soll man Fuß fassen im Leben, wenn von Anfang alles schiefgeht? Sam ist erst fünfzehn, aber er hat den denkbar schlechtesten Start erwischt. Geht es nur noch bergab? Von ANDREA WANNER.

Ein Junge mit Baseball-Cap und Schlüsselbund in der Hand liegt zusammengekauert auf dem Boden. Er ist umgeben von weiteren Schlüsseln.Die Mutter hat die Familie verlassen, als Sam noch ganz klein war. Vermutlich, weil die mit Sam und seinem zwei Jahre älteren Bruder Avery genauso überfordert ist, wie der jähzornige und gewalttätige Vater. Avery ist Autist und das Einzige, was dem Vater einfällt, wenn Avery nicht spurt, ist ihn halbtot zu prügeln. Irgendwann landet er im Gefängnis und die beiden Jungs bei ihrer Tante: einer herzlosen Frau, die die Kinder nicht will und entfernt bewährte Erziehungsmaßnahmen im Form drastischer Strafe fortsetzt. Sam kennt nur eines: seinen Bruder zu beschützen. Wenn es sein muss, vor der ganzen Welt. Das hat dramatische Folgen, denn außer Gewalt kennt Sam keine Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen. Als er einen Jungen, der Avery wehgetan hat, brutal zusammenschlägt, ist das Zuhause bei Tante Karen, das einzige, das er noch hatte, für ihn verloren. Sam landet auf der Straße – und Avery mit ihm.

Er stiehlt, damit sie überleben. Geld, damit sie sich Notwendiges kaufen können und Häuser, deren Bewohner nicht da sind, damit sie dort übernachten können. Aber da ist noch etwas anderes: Das Knacken der Schlösser und das Einsteigen in die Häuser durch ungesicherte Fenster, das Plündern des Kühlschranks und das Schlafen in fremden Betten haben noch einen anderen Sinn: Sam sucht verzweifelt ein Daheim, einen Ort, an dem er geschützt ist und sich zusammen mit Avery sicher fühlen kann.

Und so landet er in einem gelben Haus, »gelb wie Butter, Sonnenblumen und Sommertage«, das leer ist, mit Körben voller Wäsche, Bergen von Kinderspielzeug und einem ziemlichen Chaos aber so aussieht, als ob dort viele Menschen wohnen würden. Dort will er sich eine ruhige Nacht gönnen – und hat sich total verkalkuliert, denn plötzlich ist das Haus voll mit Leuten und Sam sieht kein Entkommen. Dafür ein Mädchen, Moxie. Und er wünscht sich, dieses Haus nie wieder verlassen zu müssen.

Die australische Autorin C.G. Drews erzählt die Geschichte von Sammy Lou mit viel Empathie. Sein Leben scheint ein einziger Teufelskreis auf Katastrophen, Fehlentscheidungen und Lügen zu sein. Alle prophezeien ihm die gleiche, schreckliche Karriere, die sein Vater hinter sich hat, und an deren Ende der Knast steht. Was einen beim Lesen rührt, ist das negative Bild, das der Junge von sich selbst hat. Er denkt, dass er nichts Besseres verdient habe, weil er so viel Verbotenes tut. Dabei steckt in ihm ein sensibler, mitfühlender Kerl, der immer dann ausrastet und sich nicht mehr im Griff hat, wenn er seinen Bruder verteidigt. Avery hat mittlerweile selbst eine kriminelle Karriere eingeschlagen und die Situation wird für beide immer prekärer.

365 Seiten umfasst die Story, die immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit einschiebt, Sam ein paar unbeschwerte Tage bei den De Laineys gönnt und zielsicher auf eine Katastrophe zusteuert. Was für ein Wunder soll da noch passieren? Vieles bleibt in der Schwebe in einem herzergreifenden Buch, von dem man sich nur wünscht, dass es für Sam und Avery gut ausgeht.

Und noch ein kleiner Lesetipp für alle, die Sam und Moxie in ihr Herz geschlossen haben: Eine Prequel Short Story ›The Girl Who Steals Christmas‹, die von Moxie erzählt, etwas eine Woche ehe sie Sam trifft, gibt es kostenlos auf der Homepage der Autorin.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
C.G. Drews: The Boy Who steals Houses
(The Boy Who steals Houses, 2019)
Aus dem Englischen von Britta Keil
Frankfurt am Main: Sauerländer 2022
368 Seiten, 17 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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