Wenn’s nicht mit rechten Dingen zugeht

Kinderbuch | Kerstin Lundberg Hahn: Der Schatten an meiner Wand

Ein Umzug in eine andere Stadt bringt viel Unruhe, zumal in ein Kinderleben. Ein neues Haus, eine neue Schule, eine neue Klasse. Gerade in der stimmt etwas nicht, das stellt die kleine Heldin dieser Geschichte schnell fest. Aber das ist nicht das einzige Problem. Auch im neuen Haus geht’s nicht mit rechten Dingen zu. Kerstin Lindberg Hahn erzählt in ›Der Schatten an der Wand‹ Gruseliges aus dem Diesseits wie Jenseits. Von MAGALI HEISSLER

Schatten an meiner WandMikaela, die am liebsten Micke genannt wird, ist Kummer gewöhnt, sie ist schon ein paar Mal umgezogen mit ihrer Mutter. Nun sind sie in einem winzigen Landstädtchen gelandet. Das neue Haus gefällt Micke, es wirkt gemütlich, auch wenn es recht altmodisch und ein wenig heruntergekommen ist. In Mickes Zimmer gibt es einen feuchten Fleck an der Wand. Er ist fast so groß wie Micke, und wenn sie ihn so betrachtet, sieht er ein bisschen aus, wie der Schatten eines Mädchens. Seltsam, aber zugleich passend und lustig. Klar, dass Micke »Guten Tag« sagt.
Die neue Schule ist auch seltsam und lustig. In Mickes Klasse gehen gerade mal acht Kinder. Die Lehrerin setzt Micke zu den Mädchen, das stört sie nicht, aber sie würde lieber gleich die Jungen kennenlernen. Sie spielt nämlich gern Fußball. Allerdings gibt es einen Jungen, der sich komisch benimmt. Er ist auch komisch angezogen, die anderen scheinen ihn nicht zu mögen. Das schiebt Micke aber schnell beiseite, als zwei Klassenkameradinnen ihr erklären, dass sie in ein Gespensterhaus eingezogen ist! Vor vielen Jahren ist ein kleines Mädchen, das dort wohnte, ertrunken. Seither spukt sie in dem Haus, heißt es im Städtchen. Micke ist erschrocken und fasziniert gleichermaßen. Der Schatten an der Wand!
Und schon macht sie sich auf die Suche nach der Geschichte, die dahintersteckt. Die Geschichte, das stellt sich rasch heraus, ist gruselig, hat aber auch viel mit dem zu tun, was sich in Mickes Klasse abspielt. Da wird nämlich jemand gemobbt. Bald ist Micke nicht mehr nur Detektivin auf den Spuren der Vergangenheit, sondern muss aktiv werden, um Unheil zu verhüten. Wer genau das Opfer sein wird, ist aber nicht klar. Es könnte auch Micke sein.

Gespenstisch

In Zeiten, in denen Wesen aus einer anderen Welt in Geschichten durchgängig domestiziert und in wohlfunktionierende Mitglieder der Konsumgesellschaft verwandelt werden, wäre schon eine klassische Gespenstergeschichte etwas Besonderes. Von der Erholung vor dem Wiederholen des immer gleichen ganz abgesehen. Hahn gibt sich aber nicht zufrieden damit, im Gegenteil verbindet sie die Gespenstergeschichte mit einem aktuellen Problem. Das macht diese Geschichte in zweifacher Weise zu etwas Besonderem.
Die Gespenstergeschichte für sich genommen ist ausgezeichnet gelungen. Was Micke mit dem Schatten an der Wand erlebt, ist mit höchster Kunst erzählt und rundum gespenstisch. Horror fehlt hier völlig, die Spannung ergibt sich zunächst allein aus der langsamen Entdeckung des Unheimlichen. Hahn hat dabei ein untrügliches Gefühl dafür, was sie ihren jungen Leserinnen und Lesern zumuten kann. Sie legt es nicht auf Albträume an und auch nicht auf reine Effekte, aber gute Nerven sind durchaus nicht verkehrt bei der Lektüre. Unerklärliches geschieht und es wird auch nicht rationalisiert. Dahinter steckt die große Erzählkunst der klassischen Gespenstergeschichten.
Micke ist zugleich ein Mädchen, das mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen steht. Sie hat eine Aufgabe gefunden und widmet sich energisch deren Bewältigung. Ihre Ermittlungen der Vergangenheit sind ebenso realistisch, wie die Geschichte um den Geist des ertrunkenen Mädchens gespenstisch ist. Das Hin und Her zwischen den Erzählsträngen löst Spannung und baut zugleich die Spannung einer Detektivgeschichte auf. Hahn arbeitet mit größter Sicherheit, unbeirrt, sparsam und holt trotz des engen Rahmens, den eine Kindergeschichte bietet, das Beste aus ihrem Szenario heraus.

Schuld und Vergebung

Um Micke gruppieren sich im Lauf der Handlung einige sehr überzeugend aufgebaute Erwachsene, alte Menschen, die ihr Weg in die Vergangenheit sind. Ansichten, Verhaltensweisen von vielen Jahrzehnten zuvor sind für das Kind fremd und eigentümlich, gewinnen aber schlagartig Aktualität, als Micke begreift, was sich in ihrer Klasse abspielt. Vorurteile, Gedankenlosigkeiten, das Ausweichen vor Problemen können in jedem Moment, zu jeder Zeit zur Katastrophe führen. Für das junge Publikum werden dabei die Kerngedanken, die Vergleichbarkeiten im Verhalten von Menschen früher und heute, geschickt herausgearbeitet. Hahn achtet zugleich auf die Eigenständigkeit ihrer Figuren, jede und jeder ist für das eigene Handeln verantwortlich. Das Handeln ist dabei durchaus subjektiv bestimmt. Es gibt grundsätzlich Richtiges, etwa hinsehen und nicht wegsehen, wenn jemand ausgegrenzt wird. Wie man sich aber einsetzt, bliebt jedem überlassen.
Ein großes Thema für ein Kinderbuch, das hier behandelt wird, ist die Frage von Schuld und Vergebung. Ohne Sentimentalität wird hier von Schmerz, Gewissensqualen und der Möglichkeit des Vergebens erzählt. Es geht zugleich auch um Missverständnisse und falsche Schuldgefühle. Wenn die Schulkinder am Ende innig-fröhlich von den Sommerblumen singen, ist dass Erinnerung an Vergangenes (und Vergebenes) und Mahnung an gerade überstandene Gefahren aufgrund mangelnder Achtsamkeit in einem. Die Erlösung bringt den Sommer, der Schatten ist fort. Etwas Neues kann beginnen. Micke ist in ihrer neuen Heimat angekommen.
Mit seiner Thematik wie in der Art der Darstellung ist das Buch in jeder Hinsicht gelungen. Ein modernes Kinderbuch, das seinesgleichen sucht und um das man die nächste Generation geradezu beneiden kann.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Kerstin Lundberg Hahn: Der Schatten an meiner Wand (Skuggan i väggen,2012)
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs
Hamburg: Aladin Verlag 2014
183 Seiten, 12,90 Euro
Kinderbuch ab 11 Jahren

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