Anna, wo ist deine Schwester?

in Jugendbuch

Mirjam Pressler: Wer morgens lacht (Jugendbuch ab 15)

Annas ältere Schwester Marie verschwand kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Verstanden haben sich die beiden nie. Sieben Jahre später, Anna ist inzwischen Anfang zwanzig, erkennt sie, dass sie sich erinnern muss. An Marie, an ihr gemeinsames Leben in dem kleinen Haus ihrer Eltern. Sonst droht das Trauma sie zu verschlingen. Mirjam Pressler legt mit Wer morgens lacht einen Roman vor, der tief an die schmerzlichsten Wunden rührt, die Familienbeziehungen schlagen können. Von MAGALI HEISSLER
Wer morgens lacht
Vater, Mutter, die Großmutter und zwei kleine Mädchen, ein Häuschen mit Garten am Rand einer Großstadt in den späten 1990er Jahren, das klingt nach blanker Idylle. Könnte es auch sein, nur die Verhältnisse, die sind nicht so. Der Vater wurde arbeitslos, er fand nicht mehr ins Berufsleben. Nun züchtet er Hasen, abends zieht er sich zur Whiskeyflasche zurück. Die Mutter ist Alleinverdienerin, ihr Beruf macht ihr Spaß, aber sie teilt die gesellschaftlichen Erwartungen an ein Frauenleben und leidet darunter, keinen starken Mann zu haben, der die Familie versorgt. Die Großmutter, die als Kind aus der Tschechoslowakei floh, träumt von dem verlorenen Paradies und kümmert sich um die Enkelinnen. Marie ist ihr Liebling, so wie sie der Liebling ihrer Eltern ist. ‚Goldmarie’ nennt die vier Jahre jüngere Anna ihre Schwester. Sie steht in Maries Schatten, die Großmutter liebt sie abgöttisch, eifersüchtig.

In ihren frühen Teenagerjahren verändert sich Marie, sie wird launisch, aufsässig, unkontrollierbar. Auch Anna verändert sich, Eifersucht und Neid wachsen zu umfassender Abneigung und danach langsam zu Hass. Der Tod der geliebten Omi erschüttert sie über die Maßen. Die Eltern sind unfähig zu reagieren, gleich, worauf. Maries immer auffälligeres Verhalten weiß niemand zu deuten, niemand will es auch. Als Marie eines Tages gar nicht mehr nach Hause kommt, erstarrt die Familie. Anna geht schließlich zum Studium nach Frankfurt. In der Wohngemeinschaft, vor allem in der wachsenden Zuneigung zu ihrer Mitbewohnerin, der unbefangenen Ricarda, findet sie den Mut, sich der Tragödie und damit der Frage nach ihrer Schuld zu stellen.

Dem Entsetzen ins Gesicht sehen

Die Geschichte, die Pressler erzählt, ist nicht nur voller Schmerz, sondern birgt Entsetzen. Die Familie, die sie zeigt, ist funktional, läuft in den üblichen Bahnen, tatsächlich jedoch sind alle Mitglieder traumatisiert. Jede Generation trägt einen bestimmten Schrecken in sich und pflanzt ihn der nachfolgenden Generation ein. Pressler spannt den Bogen dabei von den letzten Kriegsjahren bis heute. Sie zeigt die schrecklichen Folgen von Verdrängen. Ihre Figuren sind Meisterinnen auf diesem Gebiet, sie haben es von Kind auf gelernt. Die Großmutter hat sich ein idyllisches Kindheitsparadies gebaut und flüchtet vor den Anforderungen eines neuen Lebens in versponnene Religiosität. Ihre Tochter, die Mutter der Protagonistin Anna, entwickelt keine eigene Persönlichkeit, sondern vor allem Fluchtreflexe. Als die älteste Tochter ernsthafte Probleme hat, ist sie nicht fähig, angemessen darauf zu reagieren. Sie weicht wie gewohnt aus. Marie ist auf sich selbst zurückgeworfen, sie steht Schwierigkeiten gegenüber, die sie nicht bewältigen kann, Anna ergeht es genauso. Alle sind allein in dieser Familie, auf sich gestellt, ohne je selbstständig geworden zu sein. Im Schatten dieser Einsamkeit wuchern negative Gefühle wie giftige Schlingpflanzen, die töten, was sie berühren. Ihre Entscheidungen treffen die Figuren nur aufgrund ihrer jeweiligen Einzel-Erfahrung und die war in der Regel negativ. So werden die Entscheidungen wiederum falsch. Mit fürchterlichen Folgen. Als Anna bereit ist, sich der Vergangenheit zu stellen, sieht sie buchstäblich dem Entsetzen über eine Fehlentscheidung ins Gesicht.

Unerbittlich und konsequent

Mit diesem Buch ist Pressler zu einem Thema zurückgekehrt, das kaum eine andere Autorin mit solcher Unerbittlichkeit und Konsequenz abhandelt: dem problematischen Verhältnis von Müttern und Töchtern. Wie schon in Novemberkatzen bildet das den Kern dieser Geschichte. Männerfiguren sind eher blass, schwache Charaktere im Hintergrund, still, zurückgezogen, kaum handlungsfähig. Die Frauen sind stark, präsent, aber in ihren Lebensläufen von äußeren Einflüssen so beschädigt, dass sie sich und anderen fast nur Leid zufügen können. Die innerfamiliären Beziehungen gerade zwischen Großmutter, Enkelinnen und Mutter sind ungemein treffend dargestellt. Fürsorge, die anbindet und erstickt, rigide Frömmigkeit, Passivität innerhalb der Gruppe, Mauern aufrichten, statt Entwicklungen zu fördern, werden rasch symptomatisch. Es ist ein Kampf jeder Einzelnen gegen die andere, um Liebe, Anerkennung, Verständnis. Das sind eben die Güter, die nicht vorhanden sind in diesem Beziehungsgefüge. Nicht sehen wollen und nicht sprechen wollen werden zu tödlichen Tugenden. Pressler beschreibt sehr genaum wie Menschen verformt werden unter solchen Bedingungen. Man erschrickt beim Lesen, so klar, so offen und so überzeugend wird ein komplexes Beziehungsgeflecht seziert. Die Überzeugung, die hinter dieser Geschichte steht und die sprachliche Gestaltung machen dieses Buch zu weit mehr als einem Jugendroman. Man sollte sich vom jugendlichen Alter der Protagonistinnen nicht beirren lassen. Pressler rührt in Wer morgens lacht die schlammigen Gründe des ganz normalen Familienlebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf. Ohne Showeffekte, ohne Skurrilitäten, ohne zeitgenössischen Firlefanz zielt sie auf das dunkle Herz des kleinbürgerlichen Daseins. Und trifft ins Schwarze.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Mirjam Pressler: Wer morgens lacht
Weinheim: Beltz&Gelberg 2013
250 Seiten. 17,95 Euro
Jugendroman ab 15

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