Freundschaft

Jugendbuch | Martin Gülich: Der Zufall kann mich mal

Freunde sind das Wichtigste, jedenfalls, wenn man gerade vierzehn ist. Allerdings ist das auch das Alter, in dem Freundschaft das schwierigste ist, weil das Leben plötzlich enorm kompliziert aussieht. Martin Gülich erzählt eine solche Geschichte mit einem ganz besonderen Helden und seinem charakteristischen etwas anderen Blick auf das ganz normale Leben. Von MAGALI HEISSLER

ZufallTim liebt Bücher und Hockey. Das bringt ihm einen bösen Unfall mit dem Fahrrad ein und ein steifes Bein. Damals war er elf. Nun ist er vierzehn und lebt damit, dass sein bester Freund Remo ihn neuerdings Ahab nennt, nach dem einbeinigen Kapitän aus Melvilles ›Moby Dick‹. Er denkt ungern an den Unfall und die Folgen, lieber konzentriert er sich auf den Alltag, wenn er erzählt. Das sind vor allem die Schule, der Unterricht, die Marotten der Lehrerinnen und Lehrer, Notenprobleme. Und Jo, Mitschülerin, Fußballspielerin, aber auch, ganz plötzlich, so kommt es Tim vor, das Mädchen, das ihm Herzklopfen verursacht.

Dummerweise hat ein zweiter Freund, Luca, das gleiche Herzklopfen, wenn es um Jo geht. Während Tim sich noch bemüht, alles so zu nehmen, wie es kommt, brechen Erinnerungen und aktuelle Konflikte gleichzeitig über ihn herein. Einfach damit leben, wie mit seinem steifen Bein, bringt ihn nur in größere Bedrängnis. Eingreifen kann doch niemand von mir verlangen, denkt Tim. Er irrt sich.

Zu zweit, zu dritt, allein

Gülich lässt Tim erzählen. Sein Protagonist ist zurückhaltend, der Unfall hat auch seelisch Spuren hinterlassen. Tim beginnt langsam, er mäandert auch gern, wenn es um Wichtiges geht. Würde er vor einer sitzen, würde er an manchen Stellen den Kopf wegdrehen oder eher zum Boden sprechen. Undeutlicher werden. Das ist sehr geschickt eingefangen, mit leichtem Wechsel im Satzrhythmus, mit Lücken und Sprüngen beim Erzählen.

Man muss Tim genau zuhören, wie es sich verhält mit seiner alten Freundschaft zu Luca und der neueren zu Remo, und ganz besonders, wenn es um Jo geht. Das Leben mit dem steifen Bein setzt Tim viele Grenzen. Die Erwähnung, vermeintlich nebenbei, wie er seinen Hockeyschläger verkaufen wollte nach dem Unfall und es dann doch nicht getan hat, wirft unvermutet ein Schlaglicht auf tiefe Gefühle, von einer Intensität, die man mit vierzehn lieber nicht offen zeigt. Solche Momente gibt es immer wieder und sie sind es, die eigentliche Verbindung zu Melvilles Roman bilden, eine Geschichte starker Gefühle.

Tim ist dabei, sein Verhältnis zur Umwelt neu zu definieren, gegen seinen Willen. Er denkt über seine Eltern nach, vor allem über seinen Vater, einen nicht sehr erfolgreichen Autor. Das Verhalten seiner beiden Freunde gibt ihm Rätsel auf, weil er sich nicht auf sie einlassen möchte. Im Zusammensein mit Jo muss er sich seiner Behinderung stellen. Gehen, rennen, Sport, tanzen, geht nicht oder nur mit Einschränkung. Anfänglich lässt sich Tim treiben. Freundschaften kriseln, scheinen zerbrochen, Loyalitäten müssen neu aufgebaut werden. Die Konstellationen wechseln, zwei Freunde, ein dritter dazu, ein Streit, plötzlich steht man allein da. Alltag junger Teenager, schmerzlich, Erfahrungen, aus denen man ungern Lehren zieht. Tim immerhin schafft es.

Das Schwierige im Einfachen

Gülich hält den Spannungsbogen eher flach, sein Fokus liegt auf den Gefühlen, die dicht unter der Oberfläche langsam zum Kochen kommen. Die Beschreibung des Schulalltags, die unaufhörliche Beschäftigung mit Prüfungen und Noten, das ruhige Leben in einer kleinen Stadt scheint fast altmodisch. Er verzichtet auf flapsige Sprache, auf den größten Teil des elektronischen Spielzeugs, auf alles, was nur tagesaktuell ist. Tims Welt ist freundlich in ihrer Alltäglichkeit, trotzdem fügt sie Schmerzen zu, die Teenager bewältigen müssen. Tim leidet nicht nur unter seiner Behinderung, er leidet auch unter dem Leid seiner Eltern um ihn. Es ist eine Geschichte ausgesprochen für Junge, trotzdem wird geweint und es gibt liebevolle körperliche Berührung.

Tims Konflikt wird gespiegelt an Remos Problem mit seinem Vater. Remo ist für Tim zeitweise ein Rätsel, weil er sich merkwürdig verhält. Er schweigt über die Gründe, er lebt sie aus mit provozierendem Verhalten. Er lebt eine traditionelle Männerrolle aus, genau das vergrößert seine Schwierigkeiten. Das ist ein interessantes Thema, es wird originell gelöst. Die Idee, wie Remo und Tim Remos Vater demonstrieren, was sie von seinem Verhalten halten, ist originell, die Ausführung macht Gülich so schnell niemand nach. Da wird es drastisch, derb und sehr überzeugend.

Tims Geschichte ist eine stille Geschichte, eher zurückhaltend. Wie intensiv sie ist, merkt man erst, wenn man sie gelesen hat. Sie bannt und man denkt lange an sie. Es war eine gute Idee, sie in einer preisgünstigen Taschenbuchausgabe noch einmal zu präsentieren.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Martin Gülich: Der Zufall kann mich mal
Weinheim: Gulliver im Beltz Verlag 2015
190 Seiten,7,95 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren

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