Eine Herausforderung – und ein Dank an Kekse

Kinderbuch | Lorenz Pauli: Pass auf mich auf!

»Pass auf!« und »Pass auf dich auf!« mahnen die Großen die Kleinen. Und natürlich geben sie ständig auf die Kinder acht. Das kann auch ganz schön lästig sein. Umso ungewöhnlicher, dass ein Kleiner von einem Großen fordert: »Pass auf mich auf!« ANDREA WANNER freut sich über einen besonderen Erziehungsratgeber.

0693_Pass auf mich auf_Cover_Z.inddWas Juri macht, sieht auf dem Cover ganz schön gefährlich aus! Er balanciert mit großem Hut auf dem Kopf – der ihm teilweise die Sicht versperrt –, wehendem Umhang – über den er stolpern könnte – und Regenschirm – mit dem man sich gefährliche Verletzungen zuziehen kann – auf einem riskant dünnen Ast – von dem man sicher ganz leicht runterfallen kann! Aber Juri ist eigentlich gar kein tollkühner Kerl. Er kennt die Regeln, weiß, wann, wo und warum man aufpassen muss. Und sucht sich jemanden, der auf ihn aufpasst.

Dieser jemand ist ausgerechnet Herr Schnippel. Der hat es sich gerade zwischen zwei Bäume in einer Hängematte gemütlich gemacht, äußerst zufrieden mit sich und der Welt. Da taucht Juri auf und konfrontiert ihn mit einer schwierigen Frage: „Denkst du, ich bin groß genug, um auf mich selber aufzupassen?“ Da kennt sich Herr Schnipsel nun leider überhaupt nicht aus. Er hat weder eine Ahnung von Kindern noch davon, wie man auf sie aufpasst. Generös bietet Juri an, beides direkt an ihm auszuprobieren. Und das tut Herr Schnippel dann auch, immer wieder korrigiert und unterstützt von seinem Schützling. Dabei stellt sich schnell heraus, dass Herr Schnippel alles andere als ein Langweiler ist. Das Buch über den Eiffelturm bleibt erst mal liegen, stattdessen gibt’s eine rasante Schubkarrenfahrt, die bis ins Weltall – und zum Glück auch wieder zurück – führt.

An dieser wunderbaren Geschichte von Lorenz Pauli, die die Welt auf den Kopf stellt, ist alles überraschend. Sie nimmt die Zuhörenden mit ins Buch, spricht von „wir“ und meint damit alle, die vor dem Bilderbuch sitzen. Auf liniertem Papier gedruckt erinnert sie an ein Schulheft, vermittelt etwas Spontanes und Unfertiges und ist dabei doch bis ins kleinste Detail sorgfältigst komponiert. Das Buch wird auf den Kopf gestellt, verblüfft mit leeren Seiten, wenn Juri und Herr Schnippel einfach mit ihrer Schubkarrenrakete über den Seitenrand gerast sind. Miriam Zedelius ergänzt mit scheinbar genauso hingekritzelten Bildchen, die den Zauber und die Ungeheuerlichkeit des Abenteuers ganz lässig zu Papier bringen. Zwei rotbackige Lausbuben – denn Herr Schnippel sieht eigentlich gar nicht anders aus als Juri, nur ein bisschen größer und schlaksiger – unterwegs. Temporeich, verspielt und witzig. Frau Asperilla fällt vor Schreck der Korb mit Eiern aus der Hand (oder wurde sie doch ein kleines bisschen von Herrn Schnippel angerempelt?), das Krokodil auf dem Fahrrad kommt bei dem Tempo nicht mehr hinterher, Micky Maus im Traktor staunt ebenfalls und eine Schweinefamilie mit Klavier auf dem Autodach kann nur noch grinsen. Wow!

Den Regeln, die Juri kennt, setzt Herr Schnippel seine sympathische Lebenskunst gegenüber. Erziehungskram wird einfach weggewischt. So sitzen die beiden dann gemütlich in der Hängematte (aus rotem Millimeterpapier) und mampfen Kekse. Die Uhrzeit spielt keine Rolle, denn Juri muss um 5 daheim sein und 5 ist es laut Herrn Schnippel zweimal am Tag. »Mama sagt, Kekse sind etwas für Sonntage«, muss Juri natürlich noch kritisieren. Und Herr Schnippel freut sich: »Ehrlich? Danke, liebe Kekse! Ihr habt gemacht, dass dieser Tag ab sofort ein Sonntag ist.« Da haben sich zwei gefunden und werden noch viele Sonntage gemeinsam erleben! Und die Geschichte gibt es noch gar nicht, weil Herr Schnippel und Juri sie erst in ein leeres Buch malen müssen, so wie die vielen anderen Dinge, die sie noch tun werden. Und wenn es dieses Buch dann irgendwann mal gibt, müssen es alle Helikopter-Eltern unbedingt haben. Und alle Kinder mit solchen Eltern.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Lorenz Pauli: Pass auf mich auf!
Mit Bildern von Miriam Zedelius
Zürich: Atlantis 2015
32 Seiten, 14,95 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Freundschaft

Nächster Artikel

Nicht heulen, schreiben

Neu in »Kinderbuch«

Eine schöne Bescherung

Kinderbuch | Juli Zeh, Lena Hesse: Alle Jahre wieder

Eigentlich sind es gar keine Weihnachten. Zwar gibt es den Baum, den Spaziergang, das Glöckchen und das Festessen, aber keine Bescherung. Kein einziges Geschenk. Kann man Weihnachten so feiern? Wo ist das Christkind geblieben?! Der Weihnachtsmann war ja schließlich auch da! Aber dann finden Josh und Lena ein Wesen mit großen Flügeln. Und dann wird es doch noch schön. Eine bezaubernde und verzaubernde Geschichte von Juli Zeh. Von GEORG PATZER

Was es noch alles zu entdecken gibt

Kinder- und Jugendbücher | Buchmarkt in Russland – 7. Berliner Bücherinseln vom 28. Mai bis zum 12. Juni Wie spannend, farbig, originell es auf dem Kinderbuchmarkt in Russland heute zugeht, erzählten Olga Maeots, Leiterin der Kinderbuchabteilung der M.I. Rudomino-Bibliothek für fremdsprachige Literatur und die beiden Verlegerinnen Tanya Kormer und Ksenia Kovalenko, alle drei aus Moskau, anlässlich einer Veranstaltung der 7. Berliner Bücherinseln vom 28. Mai bis zum 12. Juni, die in diesem Jahr Buch und Lesen in Russland zum zentralen Thema hat. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Wunder an Weihnachten

Kinerbuch | Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar   Ein Hotel, in dem Zimmer leerstehen, ein einsamer kleiner Junge und ein Tannenbaum aus Plastik: noch ist von Weihnachten nicht viel zu spüren. Das wird sich ändern, hofft ANDREA WANNER PDF erstellen

Pure Magie

Kinderbuch | Norman Messenger: Stell dir vor … Das Wunder-Bilder-Buch Stell dir vor, du hast Durst, eine Tasse und eine Teekanne. Aber leider eine Kanne ohne Ausguss. Stell dir ein Haus vor, aus roten Backsteinen, einem Dach nebst Dachrinne und einer grünen Haustür. Und stell dir vor, das Haus hat kein einziges Fenster. Stell dir eine Uhr vor, eine schöne, bemalte Uhr mit Zifferblatt und den Zahlen von Eins bis Zwölf. Aber ganz ohne Zeiger. Verrückt? Norman Messenger nimmt uns mit in eine Welt, in der all das möglich ist. ANDREA WANNER staunt. PDF erstellen

Bloß keine Skrupel

Kinderbuch | Levi Henriksen: Astrids Plan vom großen Glück Dass man mit Gegebenem nicht zufrieden ist, kommt häufig vor. Dass man das Gegebene gezielt ändert, um wieder glücklich zu werden, ist weit seltener. Neben der Bequemlichkeit stehen auch Skrupel im Weg, und zwar desto mehr, je älter man ist. Mangelnde Lebenserfahrung dagegen macht manches leichter. Das zumindest meint Levi Henriksen in Astrids Plan vom großen Glück. Ob das gut gehen kann? Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen