Große, verrückte, wilde Dinge

in Jugendbuch

Jugendbuch | Mitten im Dschungel / Der Detektiv von Paris

Bevor die Winterferien zu langweilig werden, kann man die Nase ja mal in ein Buch stecken. Am besten in eins, das große, verrückte, wilde Dinge enthält. Katherine Rundell und Walter Hansen liefern das. Eine kleine Dosis Wissen gibt’s obendrein, und zwar von der besonderen Art, die man in der Schule nicht unbedingt braucht, die den Alltag aber umso bunter machen. Von MAGALI HEIßLER

Mitten im DschungelMan hört hin und wieder davon, aber dass es einem selbst passiert, glaubt man im Grund nicht. Deswegen steht Freds Welt auch erst mal Kopf, als die kleine Privatmaschine abstürzt. Die nächsten Minuten sind feuriges Chaos. Als sich die Welt wieder eingependelt hat, stellt sich heraus, dass auch drei andere Kinder überlebt haben. Das gibt ein wenig Trost, denn sie befinden sich mitten im brasilianischen Dschungel ohne Kompass, ohne Nahrung, ohne auch nur die winzigste Möglichkeit, Rettung zu holen.

Auf sich allein gestellt, kämpfen sich die Vier ein paar Tage lang durch. Dabei bereitet ihnen nicht nur die fremde, eher feindselige Umgebung so manches Problem, sondern auch ihre jeweiligen Persönlichkeiten. Dass einer von ihnen erst fünf Jahre alt ist, macht es nicht einfacher. Ein Fluss und ein selbstgebasteltes Floß bieten unvermutet einen Ausweg aus der grünen Wildnis. Die überraschende Begegnung mit einem Erwachsenen verspricht sogar baldige Rettung.
Der Dschungel aber hat sie wieder getäuscht. Das Abenteuer der Vier ist alles andere als zu Ende.

Stille Wasser

Die Abenteuergeschichte, die Rundell hier flott erzählt, ist die Geschichte von Fred. Er ist auf dem Rückweg nach England, zu seinem Vater. Der Vater kümmert sich kaum um den Jungen, er schiebt ihn ins Internat oder zu Verwandten ab, je ferner, desto besser. Fred leidet beträchtlich darunter. Sein Weg, den Vater zurückzugewinnen, bestand bislang darin, der gehorsamste Sohn und beste Schüler zu sein. Erfolg hatte er nicht. Im Gegenteil unterdrückte er damit auch seine ureigenen Träume. Er möchte nämlich Entdecker sein, mutig, selbstbewusst, frei. Der Flugzeugabsturz bietet ihm diese Möglichkeit unversehens. Allerdings dauert es seine Zeit, bis Fred den Mut zur Veränderung aufbringt, so sehr hat er die falsche Rolle als braves Kind verinnerlicht.

Damit bringt Rundell ein spannendes Thema in diese im Kern schlichte Geschichte. Junge Leserinnen und Leser werden es sofort verstehen. Der Widerspruch zwischen dem Traum von Großtaten und dem tatsächlichen Handeln ist vertraut. Die anderen Kinder, der kleine Max, seine Schwester und ein weiteres Mädchen haben ebenfalls ihre Probleme, dienen aber vornehmlich als Folie und Katalysatoren für Freds Entwicklung. Die stillen Wasser entpuppen sich als ziemlich tief.
Tiefgehend sind die Charakterisierungen jedoch an keiner Stelle. Entwicklung wird vor allem behauptet und das Publikum bekommt eher weise Worte vorgesetzt, als dass es zum Mitdenken aufgefordert wird. Die Geschichte ist ein traditioneller Abenteuerroman.

Die Dschungelwelt, Pflanzen und Tiere, sind ansprechend, hin und wieder fast lyrisch geschildert. Es gibt wenig Unerwartetes, das übliche Schlangen-, Piranha-, Spinnen-Gewese wird ausgebreitet. Ab und zu prunkt die Autorin mit erstaunlichen Wissensbrocken, etwa, wie Affen Honig räubern. Freuen darf man sich auf die zum Teil üblen Realia des täglichen Überlebenskampfs, nämlich Hygiene oder Nahrung betrifft. Sie werden lustvoll ausgemalt. Erwähnt seien hier, ohne zu viel zu verraten, Madenpfannkuchen(etwas angekohlt).

Die größte Überraschung ist das Treffen mit dem Fremden, der nur »der Abenteuer« genannt wird. Er erweist sich als höchst sperriger Charakter, eine Mischung aus Meister Yoda und Gandalf in schlechtester Laune und von der irrationalen Spontaneität eines Long John Silver. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr, die Verneigung, die Rundell in Richtung traditioneller englischer Abenteuerromane macht, sind für Kennerinnen unschwer zu erkennen. Sie machen die Lektüre zudem gleichermaßen aufregend wie wunderbar gemütlich, etwas, das sich auch Uneingeweihten umgehend vermittelt. Es gibt keine Liebesgeschichte, dankenswerterweise, es ist eine Freundschaftsgeschichte. Es geht um Vertrauen und darum, den Mut zu haben, sich aufeinander zu verlassen. Mut, etwas zu wagen.

Niemals aufgeben, niemals kapitulieren

Der Detektiv von Paris - 9783764170813 - 350Den Mut, etwas zu wagen, hat auch derjenige, den Walter Hansen für seine fiktive Biographie ausgesucht hat, Eugène François Vidocq. Beim deutschen Publikum nicht sehr bekannt, ist Vidocq nichts weniger als der Vater der modernen Kriminalistik wie auch Vorbild einiger Figuren aus Detektivromanen, die längst in die Kulturgeschichte eingegangen sind, etwa Sherlock Holmes.

Dass ein einfacher Bäckerssohn aus dem nordfranzösischen Arras so weit kommen konnte, verdankt Vidocq sowohl den Zeitumständen als auch seiner persönlichen Einstellung, sich durch nichts, aber auch gar nichts unterkriegen zu lassen.

Geboren 1775, war er ein Teenager, als die Revolution ausbrach. Schon in dem Alter nahezu unbezähmbar, war sein Leben bald so bunt, wild und verrückt wie die Zeit. Dieb, Schläger, Soldat, Frauenheld, Wanderschauspieler, Schausteller, Zuchthäusler in Ketten und Ausbrecherkönig, ehrbar oder unehrlich, Vidocq machte alles, was er je tat, mit einer inneren Überzeugung, die eine selbst dann noch staunen lässt, wenn sie beim Lesen gleich einmal die Hälfte des Behaupteten abzieht. Was man tun sollte.
Hansen schreibt voll Begeisterung, sein Blick ist filmisch, die Szenen folgen rasch aufeinander, alles ist quirlig und bunt.

Von Anfang wird deutlich, dass es ihm darum geht, eine Heldenlegende zu schaffen. Er beruft sich auf die tatsächlich existierende Autobiografie Vidocqs, deren Inhalt jedoch nicht rundum verlässlich ist. Das genügt Hansen allerdings nicht, er vergoldet seinen Heros zusätzlich. François gerät dann doch zu gut, zu unschuldig, zu einem, der unverhofft in Patschen gerät und vom Schicksal gebeutelt wird, ohne es zu verdient zu haben.

Ganz so war es nun doch nicht, Vidocq war offenbar ein weitaus differenzierterer Charakter. Gerade der Umstand, dass er, was immer er unternahm, voll und ganz tat, macht ihn dann aber zu einem erstaunlich modernen Helden. Vielseitig, neugierig, lerneifrig, einfallsreich, nur gelegentlich naiv, durchsetzungsfähig auch mit Faust und Waffe, aber nie arrogant oder bewusst bösartig, erscheint er als Held und Antiheld gleichermaßen, eine Art Jack Sparrow ohne dessen Zynismus.

Der Duktus des Buchs ist ein wenig altmodisch, vielleicht ein Versuch, das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert zu rekreieren. Das kommt gelegentlich sperrig an, aber es lohnt sich, sich durchzubeißen. Es gibt eine fremde Welt zu entdecken, geradezu exotisch und dementsprechend aufregend.

Da Hansen dazu neigt, Vidocq die Rolle der verfolgten Unschuld zuzuschreiben, geraten seine Widersacher entsprechend gemein. Urteile über eine schillernde Figur wie Joseph Fouché sollte man daher besser überlesen, zumal Hansen die angelegte Dämonisierung selbst nicht einlöst, weil es eben diese Verkörperung des Bösen ist, die Vidocq zuletzt ins Amt des polizeilichen Ermittlers hebt.

Am besten liest man das Buch als farbenprächtigst ausgeschmückte Lebensbeschreibung aus wirren Zeiten, deren wahren Kern allein ein Kriminalist von Vidocqs Einfallsreichtum herausfinden könnte. Temporeich, voller aufregender Wendungen und mit einem siegreichen Helden versehen, kann man mit diesem Buch vergnügliche Stunden zubringen. Dass es relativ unromantisch zugeht, ist für viele der Altersgruppe noch dazu ein Plus.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Katherine Rundell: Mitten im Dschungel
(2017 The Explorer, 2017) Übersetzt von Henning Ahrens
Hamburg: Carlsen 2018.
300 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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Walter Hansen: Der Detektiv von Paris
Das abenteuerliche Leben des François Vidocq
Berlin: Ueberreuter 2018
283 Seiten, 14,95 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
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