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Jugendbuch | Louise Galveston: Der (überhaupt gar nicht) allmächtige Todd

Wer träumt nicht davon, groß, stark und durchsetzungsfähig zu sein? Immer die richtige Entscheidung treffen und natürlich perfekt anderen helfen, kurz: allmächtig zu sein. Leider gibt es da noch die Realität. Nicht jedoch in diesem Jugendbuch. Hier gibt’s bloß Schmierenkomödie. Von MAGALI HEIẞLER

By the Grace of Todd 9783440146378»Schmiere« kann man wörtlich nehmen bei der Lektüre. Die Autorin greift ungehemmt in die Ekelkiste. Worum geht’s? Todd, ein farbloser indolenter Zwölfjähriger hasst Aufräumen. Von Sauberkeit hält er auch nicht viel. Dementsprechend gammelt in seinem Zimmer einiges vor sich hin, darunter eine ungewaschene Sportsocke. Von der Mutter zum Aufräumen verdammt, entdeckt Todd, dass durch einen evolutionären Zufall auf der Socke winzige menschenähnliche Lebewesen entstanden sind. Die Socke ist ein Paradies für sie, da sie von den grellbunt ausgemalten Körperprodukten samt dem übrigen Dreck, die die Socke enthält, glücklich leben.

Nachbarstochter Lucy beginnt umgehend eine wissenschaftliche Untersuchung des seltsamen Völkchens und freundet sich mit ihnen an. Todd hat noch nicht herausgefunden, wie er mit seiner Schöpfung umgehen soll, als der Alltag in Person des Schulgrobians Max über ihn hereinbricht. Er will die kleinen Lebewesen für ein Schulprojekt nutzen, das ihm weit mehr als eine Bestnote einbringen soll. Todd gerät in Versuchung. Soll er die Kleinen opfern und dafür als Max’ neuer Freund endlich als cool anerkannt sein?

Unappetitliches Durcheinander

Die Idee, die hinter dem Ganzen steckt, ist zwar nicht neu, aber nicht unbedingt schlecht. Man müsste sich jedoch etwas mehr anstrengen, um aus dem wenig Originellen eine reizvolle Geschichte zu stricken – und zwar, wohlbemerkt, ganz gleich, ob man platte Unterhaltung oder etwas abliefern will, das man auf den verschiedenen Stufen qualitätvollerer Erzeugnisse unterbringen möchte. Echter Anstrengung ist die Autorin aber aus dem Weg gegangen.

Teenager-Selbstfindung, die Frage nach der Bedeutung von Freundschaft, Fürsorge, Verantwortung, dazu Mobbing, Eitelkeit, falscher und echter Heroismus sowie altersbedingte Junge-Mädchen-Probleme werden aufgeführt wie auf einer Zutatenliste für ein Gericht. Nur gekocht wird es nicht. Stattdessen wird darübergegossen, was griffbereit steht. Lästige kleine Geschwister, ein alberner Pudel, eine altkluge Nachbarstochter, Punks, ein bester Freund, Mangafandom, Gefasel, das sich naturwissenschaftlich gebärdet und ein Schuss Science-Fiction, über den man bitte nicht auch nur eine Sekunde nachdenken darf, will man Zahnweh vermeiden. Die lieblose Aneinanderreihung von Klischees und Trivia gehört im Kontext noch zu den milden Fehltritten.

Übler wird es, schaut man sich an, was hier als Komik gehandelt wird. Durchgängiges Lispeln eines Jungen, der eine Zahnspange tragen muss, etwa, Tierquälerei oder ein von Todd verursachter Autounfall, aus dem er auch noch als Held hervorgeht. Gekrönt wird das von einem alten Muster, das sich unschwer als kolonialistisch entpuppt. Die kleinen Wesen halten Todd für Gott, glauben blind an seine Hilfe und verewigen ihn am Ende auch noch in einer Version von Michelangelos Erschaffung Adams. Dagegen ist ein Glas Schweißperlenschorle geradezu attraktiv.

Ärgerlich

Erzählt wird aus zwei Blickwinkeln. Zum einen darf sich Todd äußern, was spannend sein könnte, hätte er etwas zu sagen. Seine Wachstumsschmerzen werden leider so beschrieben, dass man ihm nicht Sensibilität, sondern bloß Faulheit abnimmt. Er schliddert blind von einer Patsche in die nächste. Gerettet wird er abwechselnd von Lucy, seinem bestem Freund oder den kleinen Wesen, die eigentlich er beschützen soll. Sogar die unsägliche Pudeldame erweist sich als schlauer als er. Trotzdem halten die Kleinen unverbrüchlich an ihm fest. Dass das interessante Fragen theologischer Natur aufwirft, entgeht der Autorin. Zum Glück muss man sagen, denn dadurch entsteht eine inhärente Komik der besonderen Art, die kritischen Leserinnen nicht selten ein echtes Kichern entlockt.

Die Lachlust vergeht einer umgehend, betrachtet man die eigentliche Schöpfung Galvestons. Die Kleinen haben die zweite Erzählperspektive und die liest sich weit besser als Todds einschläfernde Nabelschau. Tatsächlich sind sie die intelligenteren, entwicklungsfähigeren und deutlich sympathischeren. So werden sie aber nicht von Galveston behandelt. Im Gegenteil kann sich hier die Geringschätzung der selbst behaupteten Herrinnen und Herren dieser Welt austoben. Die fremde Sprache sind »Grunzlaute«. Sie zu verstehen ist nach anfänglichen Bemühungen viel zu aufwendig.

Akzeptabel werden die Wesen erst, als sich herausstellt, dass sie die Menschensprache lernen und auch noch blitzschnell. Ihre eigenen Namen werden ihnen nicht zugestanden, sie werden von Todd und Lucy getauft. Die Verteilung klassischer und altmodischer Vornamen beweist dabei viel Kultur. Ganz klar verläuft ihre Evolution wie unsere, von der Steinzeit ins technische Zeitalter, wobei »unsere« Zivilisation außerordentliche hilfreich ist, keine Frage. Witzig soll sein, dass die Neuen kindische Fernsehshows für die Realität halten und mit der Technik ihre Probleme haben. So putzig!

Tatsächlich ist die Herablassung unerträglich. Geholfen wird ihnen, weil sie uns ähnlich sind, ja, weil sie unbedingt werden wollen, wie der Mainstream-Alltag es vorschreibt. Die endliche Bestrafung des Bösewichts tritt ein, als es um Geld geht. Eine solche heilige Kuh der herrschenden Kultur muss selbstverständlich geschützt werden. Was sind dagegen gebrochene Versprechen, Folter, falsche Freundschaft, Mobbing und Kolonialismus.

Zu loben sind bei diesem Erzeugnis die Cover-Gestaltung samt Layout und ganz besonders die Übersetzung. Manuela Knetsch und Ina Lutterbüse haben hervorragende Übertragungen für die sprechenden Namen der menschlichen Figuren wie der Tiere gefunden – die Autorin erspart uns keine Peinlichkeit – und auch die punktgenauen Ausdrücke für den Ekelbereich. Dass dieser von der in Galvestons Welt vorherrschendem Reinlichkeitswahn bestimmt wird, der sich mehr aus falscher Scham als aus Sauberkeitsempfinden nährt, versteht sich von selbst. Vor Fäkalien und Fäkalsprache hält sich die Autorin zurück, ebenso vor Sexuellem. Diese Rücksicht auf das Zartgefühl der Eltern der Zielgruppe ist geradezu berückend im Gesamtzusammenhang. Am Ende wird alles gut und es gibt eine große Party in Manga-Kostümen.

Es bleibt der Leserin überlassen, ob sie den Kopf schüttelt oder das Buch in Richtung Wand.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Louise Galveston: Der (überhaupt gar nicht) allmächtige Todd
(By the Grace of Todd, 2014). übersetzt von Manuela Knetsch & Ina Lutterbüse
Stuttgart: Kosmos 2017
264 Seiten. 12,99 Euro
Jugendbuch ab 11 Jahren
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