Der dunkle Dunst des Scheiterns

Menschen | Thomas Bernhard: Autobiographische Schriften

Frohnaturen und Glückspilzen und alle sich in den Strahlen des gelingenden und ertragreichen Lebens Sonnenden wird die wiederveröffentlichte autobiographische Prosa von Thomas Bernhard wie ein Stein im Magen liegen. Von THOMAS COMBRINK

Bernhard - AutobiographieDie beim Residenz Verlag neu aufgelegten autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard, fünf handliche Bücher mit praktischen Lesebändchen, wunderbar hell gestaltet im komfortablem Schuber, schmeicheln den Blicken und Händen des Lesers auf eine Art, wie sie fast im Gegensatz zu dem oftmals hoffnungslosen, das eigene Leben scharf attackierenden Ton des Autobiographen steht. Bernhards autobiographische Arbeiten ›Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte‹ und ›Ein Kind‹ sind in der Zeit zwischen 1975 und 1982 erschienen; sie sind Ausdruck einer in den siebziger Jahren in der deutschen Literatur aufkommenden Suche nach Authentizität, genauer, sie stellen eine Form der literarischen Selbstenblößung, des Zurschaustellens der eigenen Lebensbahn dar.

Die ästhetische Niederlage

Thomas Bernhard hüllt den Leser in den dunklen Dunst des im Scheitern begriffenen Lebens. Was hier an negativer Energie durch das Netzwerk der Autobiographie gejagt wird, macht nur auf frappierende Art deutlich, welche Anziehungskräfte Verluste, Niederlagen und Enttäuschungen auf die Literatur ausüben können. Nicht das gelingende Leben, die aus Weitsicht und Kalkül gespeiste Zuversicht, dass alle Pläne sich doch schließlich erfüllen werden, und deren Darstellung sorgen dafür, dass diese autobiographische Prosa uns erbauliche Antworten mit auf den eigenen Lebensweg geben könnte.

Die metaphorische Lunge

Der Tod des geliebten Großvaters, die Krebserkrankung der Mutter, die eigenen schweren Lungenleiden – Bernhard ringt mit diesen Gegenständen, gibt ihnen erzählerisch eine Kontur, und entlockt ihnen häufig eine metaphorische Bedeutung. Der Lungenkranke beschreibt mit aller Präzision die eingeschränkten Möglichkeiten seines Organs, nennt seine autobiographische Arbeit ›Der Atem‹ und macht deutlich, dass in dem freien Atmen auch die Freiheit und Unabhängigkeit steckt, die ihn von seiner verhassten Vergangenheit entbinden könnte, und nicht nur die Autonomie von den pathologischen Aspekten seines Lebens.

Die dicht verfugte Sprache

Bernhard beschreibt sein Martyrium mit ganz dicht verfugten, langen Sätzen, mit einer Sprache, die langsam marschiert und ständig den Blick in die hinteren Reihen wirft, damit das Vergangene immer auch ein Teil der Zukunft bleibt. So wie der Autor von einem späteren Zeitpunkt im Leben der Frage nachgeht, wie sich sein Ich geformt hat zu der Zeit der Nazi-Herrschaft, wie er zu dem wurde, was er nun ist, so stellen diese autobiographischen Bände natürlich eine Suche nach Identität dar. Immer geht es um den Einzelnen, der entweder als Bettnässer enttarnt und den anderen als Außenseiter präsentiert wird, oder der als Verkäufer im Laden des Podlaha als integriert und dem Gemeinweisen und sich selbst als nützlich beschrieben wird.

Bewundernswert und großartig sind aber die sprachlichen Mittel, die Bernhard einsetzt, um in den Untiefen seiner Lebensgeschichte und der ständigen Diskrepanz zwischen Isolation und Integration, Fuß zu fassen:

»Je mehr ich mich in meine Auswurfshysterie hineinsteigerte, desto verschärfter war die Beobachtungsstrafe meiner Mitpatienten, sie straften mich unaufhörlich mit ihren Blicken und mit umso größerer Auswurfskunst, indem sie mir von allen Ecken und Enden zeigten, wie man spuckt, wie die Lungenflügel gereizt werden, um ihnen den Auswurf zu entziehen, als spielten sie schon jahrelang auf einem Instrument, das ihr ureigenes geworden war im Laufe der Zeit, auf ihrer Lunge, sie spielten auf ihren Lungenflügeln wie auf Seiteninstrumenten mit einer Virtuosität ohnegleichen.«

Wie abschreckend der Auswurf, das Sputum, dem Leser auch vorkommen mag, die Kranken werden zu Musikern, fast zu Künstlern stilisiert, in ihrer Fähigkeit ihren Lungen das Sekret zu entlocken. Ihre Pathologie verleiht Ihnen Würde, macht Sie für das wahrnehmende Subjekt aber auch verdächtig.

Dichtung oder Wahrheit?

Je mehr man schließlich von Thomas Bernhards Autobiographie liest, desto stärker beschleicht einen der Verdacht, dass auch die Darstellung des eigenen Lebens eine Art Gattung sein kann, bei der die Grenzüberschreitungen zur Fiktion durchaus tolerabel sind. Die häufige Verwendung von Superlativen macht stutzig, wirkt wie ein Stilmittel, gibt einem zu denken und führt zu der Erkenntnis, dass es Bernhard wohl nicht nur um die barschen Fakten seines Lebens ging.

| THOMAS COMBRINK

Titelangaben
Thomas Bernhard: Autobiographische Schriften
Die Ursache. Der Keller. Der Atem. Die Kälte. Ein Kind. Fünf Bände im Schuber.
Salzburg/Wien: Residenz Verlag Neuauflage 2004
25 Euro

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