//

Börsenbericht

Sachbuch | D. Moser: Der Ingeborg-Bachmann-Prei

Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist singulär und paradigmatisch zugleich. An ihm werden viele Charakteristika des Literaturbetriebs und unserer Gesellschaft insgesamt erkennbar. Von THOMAS ROTHSCHILD

Bachmann-PreisÜber den Ingeborg-Bachmann-Preis gibt es kein unbefangenes Sprechen. Wer sich dazu äußert, ist – so oder so – mit dem Objekt seiner Rede verbandelt. Die einen haben dort gelesen oder saßen in der Jury, die anderen hätten gerne gelesen oder wären gerne Mitglieder der Jury gewesen.

Nicht zufällig zeichnen sich fast alle journalistischen Berichte aus Klagenfurt durch einen süffisant ironischen Ton aus. Das macht: Jeder Berichterstatter, in der Regel ein Literaturredakteur oder ein regelmäßiger Mitarbeiter des Feuilletons, muss beweisen, dass er (oder sie), wäre er selbst Juror gewesen, bessere Autoren eingeladen, ein richtigeres Urteil gefällt hätte als die zufällig bestallten. Es gibt nicht wenige, die zu den härtesten Kritikern der Veranstaltung gehörten, ehe sie zur Teilnahme am Wettbewerb, sei es als Autor, sei es als Juror, eingeladen wurden. Manche schafften es sogar, zunächst als Autor und dann als Juror dabei zu sein.

Auch Doris Moser, deren umfangreiche Dissertation über den Ingeborg-Bachmann-Preis jetzt als Buch erschienen ist, nähert sich ihrem Gegenstand nicht voraussetzungslos mit wissenschaftlicher Neutralität. Sie war über einige Jahre hinweg Sekretärin des Unternehmens, Angestellte also jener Institution, die sie nun zu untersuchen hatte.

Sie tut das Klügste, was man in solch einer Lage tun kann: Sie beschreibt und verzichtet weitgehend auf Wertungen. Aus ihrer Darstellung aber lässt sich eine Menge lernen. Denn der Ingeborg-Bachmann-Preis ist singulär und paradigmatisch zugleich. An ihm werden viele Charakteristika des Literaturbetriebs und unserer Gesellschaft insgesamt erkennbar.

Das Stichwort »Börse« im Untertitel verrät die dominierende Perspektive der Arbeit. So wird auch mit Blick auf die Autoren von »Einsatz, Gewinn und Verlust« gesprochen. Ein Hauch von 68 weht herüber, wenn eine Germanistin über eine literarische Veranstaltung nicht in erster Linie idealistisch verklärend, sondern – mit Berufung auf Bourdieu – in ökonomischen Kategorien schreibt. Damit ist das Phänomen Ingeborg-Bachmann-Preis zwar nicht völlig abgedeckt – und Moser beschränkt sich auch nicht darauf –, aber es ist doch ein entscheidender und meist ignorierter Aspekt angesprochen.

Der systematische Aufbau der Arbeit wird durch historische Untergliederung konterkariert. Die zwanzig Jahre von der Gründung des Wettbewerbs bis 1996, denen sich die Arbeit im Kern widmet, zeichnen sich eher durch Kontinuität als durch Brüche aus, aber es gibt im Detail Unterschiede, die Moser nicht unterschlägt. Die empirischen Befunde liefern soziografische Profile der am Event »Ingeborg-Bachmann-Preis« beteiligten Gruppen. Wie in ähnlichen Fällen lassen sich viele Ergebnisse ahnen, werden sie durch Statistiken lediglich präzisiert. Nicht alle Prozentzahlen sind aussagekräftig, und an der Aufrichtigkeit bei der Beantwortung von Fragebögen darf gezweifelt werden. Die Antworten schmeicheln den Befragten allzu auffällig.

Dennoch: Im Großen und Ganzen ergeben die Daten ein plausibles Bild eines gesellschaftlichen Sektors, der sich vor dem Hintergrund der Gesamtgesellschaft einigermaßen exotisch ausnimmt. Gerne erführe man, wie die Verkäuferin im Lebensmittelladen an der Ecke den Wettbewerb wahrgenommen hat. Oder der Kellner, der den Vogelbeerschnaps servierte, für den die Exsekretärin der Veranstaltung freundliche Worte findet.

Ein wichtiger Aspekt des Klagenfurter Wettbewerbs ist die mediale Repräsentation, die Liveausstrahlung durch 3sat und deren Auswirkung auf die Beteiligten. Doris Moser schenkt diesem Gesichtspunkt relativ viel Beachtung. Er ist auch von prinzipieller Bedeutung. Immerhin ist der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis die einzige Gelegenheit für das Fernsehen, Autoren ausführlich mit ihren nicht szenischen Werken zu Wort kommen zu lassen, statt sie von mehr oder weniger kundigen Sekundärverwertern paraphrasieren zu lassen.

Besonders lesenswert ist das über 35 Seiten hinweg dokumentierte Fallbeispiel Allemann (Stichwort »Babyficker«). Gerade weil es als extrem erscheint, entstellt es mancherlei bis zur Kenntlichkeit, was dem Ingeborg-Bachmann-Preis wesentlich ist.

Doris Moser schreibt einen eleganten, für (österreichische) Dissertationen ungewöhnlichen Stil, scheut nicht vor Bonmots und aphoristischen Formulierungen zurück und könnte so mit ihrem Wälzer auch interessierte Leser jenseits des engen Kreises der Fachgermanisten erreichen.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Doris Moser: Der Ingeborg-Bachmann-Preis
Börse, Show, Event
Wien – Köln – Weimar: Böhlau Verlag 2004
552 Seiten, 49 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Balladen erster Klasse

Nächster Artikel

Der dunkle Dunst des Scheiterns

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Radikales Konzept der Sexualität

Kulturbuch / Film | Georg Seeßlen: Lars von Trier goes Porno / Lars von Trier: Nymphomaniac II ›Nymphomaniac‹ ist ein viereinhalbstündiger Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier, der die Kinos in zwei annähernd gleich langen Teilen erreicht, sein Thema ist eine Entwicklung von Sexualität. Im Februar schon lief der erste Teil in Deutschland an, knapp zweistündig. Kaum jemand hat es bemerkt, dieser Tage folgt ›Nymphomaniac II‹, gut zweistündig, zur »Lebensbeichte einer Nymphomanin« aufgehübscht beim Deutschlandfunk. Er wäre – ein hardcore-Porno ist ehrlicher – kaum der Rede wert, wenn nicht der kluge Kulturkritiker Georg Seeßlen passend zum Filmstart einen Essay

Fotografie als Therapie

Kulturbuch | Wenche Dahle: Im Licht eines Meeres

Ein kleines, besonderes Buch. Ein Buch, das anderen Mut macht, das aufzeigen soll, welche ungeahnten Kräfte man in sich trägt, welche ungewöhnlichen Wege es gibt, die eigene Seele aus einem Tief zu holen. BARBARA WEGMANN war beeindruckt.

Die Krake des Kapitalismus

Gesellschaft | Jakob Weiss: Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise Wir werden auf den Teppich geholt, und Jakob Weiss ist nicht der erste, der die größenwahnsinnigen Impulse des Menschen, über die Natur regieren zu wollen, ins Visier nimmt. Qua Einblick in schweizerische Verhältnisse werden wir auf grundlegende Probleme der Landwirtschaft gestoßen. Von WOLF SENFF

Legenden sind resistent gegen die Trivialitäten des Details

Musik | Frederick J. Spencer: Jazz and Death

Jazz and Death Wollen wir das eigentlich wirklich so genau wissen? Vermutlich ist Billie Holiday im Manhattan Hospital am 17. Juli 1959 deswegen gestorben, weil sie sich, von Leberzirrhose und Herzschwäche eh schon stark angeschlagen, ein paar Dollarscheine in die Vagina geschoben, dadurch den dort angebrachten Katheder infiziert hat, der das Ganze an die Blase und schliesslich an die Nieren weitergeben hat, was letztlich zu einer tödlichen Nierenentzündung führte. Es war rein medizinisch sogar noch komplizierter, aber das schenken wir uns jetzt. Von THOMAS WÖRTCHE

Unbekanntes Land

Kulturbuch | Thomas Knubben: Mesmer oder die Erkundung der dunklen Seite des Mondes Thomas Knubben analysiert in ›Mesmer oder die Erkundung der dunklen Seite des Mondes‹ die atemberaubende Karriere des Arztes und Förstersohns Franz Anton Mesmer (1734-1815). Im Zeitalter der Aufklärung machte er Furore in Wien und Paris und fand seinen Lebensinhalt im Seelenleben seiner Mitmenschen. VIOLA STOCKER lässt sich mitnehmen auf eine Reise, die Licht bringt ins Dunkel der Seele.