Vom Cowboy und der Barbie

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Georg Seeßlen: Trump! Populismus als Politik

Die Klischees der Figur des Donald Trump sind rasch aufgezählt: Rebell gegen das etablierte Politikgeschäft, Selfmademan, Clown, Western-Held, und schließlich der Macho als Revival eines Patriarchats, in dessen mildem Abglanz sich die dazugehörige Frau als ungebildet, strohdumm und absolut ignorant inszeniert. Reicht das nicht schon? Von WOLF SENFF

Seeßlen - TrumpNein, reicht nicht. Unterhaltsam sind Seeßlens Hinweise auf Filme, die bereits ähnliche US-Präsidenten- Typen entwarfen. Einer davon ist ›Idiocracy‹ (Mike Judge, 2006). Ein Wrestler und Pornostar mit viel ›Unterschichtkultur‹ und Doofheit als angestrebtem Ziel persönlicher Reifung. Auch Donald Trumps anti-intellektuelle Haltung propagiere lustvolle Authentizität anstelle von Besonnenheit und Erkenntnis.

Reality-TV forever!

Folglich sortiert Seeßlen ihn als Ausdruck einer neuen Erzählung, der Erzählung des Pop, in der statt Wirklichkeit und Fakten nun die emotionalen und psychischen Befindlichkeiten die Leitlinien eines wie auch immer politischen Handelns bilden. Doch letztlich fungiere Trump weder hier noch dort als positives Modell.

Origineller ist, was Georg Seeßlen aus einer Bildbetrachtung herausarbeitet. Einen Trump, der den Zusammenschluss der neuen ökonomischen Eliten mit den ökonomischen Verlierern verkörpere. Als »Postklassengesellschaft« bezeichnet, kämpferisch gewendet gegen die Interessen der alten Eliten und des gehobenen Kleinbürgertums, und zwar unter Beseitigung der traditionellen kulturellen Klassentrennung – Alleinherrschaft für das Prinzip Reality TV. Da zeigt sich keine ›Nivellierung‹ mehr, sondern wir konstatieren den Absturz auf unterste Schublade.

Trump als Ubu-Darsteller

Donald Trump sei eine Figur wie Alfred Jarrys absurd narzisstischer, egoistischer und sogar tragischer ›Ubu roi‹. Wunderbar! ›König Ubu‹ wird gegenwärtig beim Theater Magdeburg, beim Staatstheater Darmstadt sowie beim Deutschen Theater Berlin aufgeführt – man darf diese exzellenten Gelegenheiten beim Schopf packen und Georg Seeßlens Vergleich genießen.
Real werde hinter der erbaulichen, USA-weiten ›König Ubu‹-Inszenierung der längst bekannte Krieg gegen die Armen geführt, auch als Klassenkampf von oben bezeichnet, und zwar in dem erwähnten, aggressiv betriebenen Bündnis der neuen ökonomischen Eliten mit den ökonomischen Verlierern, vermittelt durch entsprechend formierte Medien.

Scheitern der alten Eliten

Dieser Krieg gegen die Armen zielt auf eine gänzliche Abschaffung traditioneller Gesundheits-, Renten-, Sozialpolitik und diesbezüglicher Infrastruktur, ergänzt durch die weiterhin kaltblütig und konsequent betriebene Deregulierung staatlicher Aufgaben.

Seeßlens Darstellung ist inhaltlich überzeugend und greift dennoch zu kurz, weil sie das vollständige Scheitern der alten Eliten und dessen konkrete Ursachen ausblendet. Dies betrifft die Erfolglosigkeit der jahrelang betriebenen LGBT-Minderheitenpolitik, die unverblümte Kriegsorientierung der Clinton-Administration, die Verselbständigung eines Habitus von ›political correctness‹.

Bannerträgerin der Weiblichkeit

Darüber hinaus wäre zu fragen, wie es geschehen kann, dass man eine Gegenkandidatin aufstellt, die in der Wählerschaft bekanntermaßen weithin verachtet wird und im Endeffekt auf Wahlhilfe für Donald Trump hinausläuft – eine nie dagewesene Bankrotterklärung der alten Eliten. Wie hilflos, wie blind muss jemand wie Barack Obama sein, dass er eine solche Person als Amtsnachfolgerin unterstützte?

So angenehm sich die Ausführungen Seeßlens lesen – sie sind jedenfalls nicht von Selbstzweifeln geplagt, und man muss daran erinnern, dass ein Kernthema des Wahlkampfs das Rollenverständnis von ›Mann‹ und ›Frau‹ war. Nicht nur auf Seiten Trumps, sondern in gleicher Weise seitens der sich zur Bannerträgerin der Weiblichkeit stilisierenden Gegenkandidatin.

Seeßlens polemische Zuspitzung zum Cowboy/Barbie-Stereotyp ist amüsant, wird jedoch der Tragweite dieses Themas kaum gerecht. Über Trumps Klischees zu spotten, wirkt angestrengt, solange man selbst keine überzeugenden Angebote parat hält. Sollen vielleicht die Sprachbasteleien der Genderenthusiasten als seriös gelten? »Studierende«? Als Markenzeichen linker Politik? Das Rollenverständnis bleibt ein ungelöstes Problem westlicher Kultur – hier hätte man sich über differenzierte Überlegungen gefreut.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Georg Seeßlen: Trump! Populismus als Politik
Berlin: Bertz+Fischer 2017
144 Seiten, 7,90 Euro
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