Stets im Dienst, oft zu Tisch

Roman | Manfred Wieninger: Rostige Flügel

Wer aufgrund eines unumgänglichen Termins gezwungen ist, eine Folge seiner Lieblingsserie zu verpassen, der steht in der Regel ziemlich auf dem Schlauch. Warum und wann Jacqueline ihren Nachbarn Georg geheiratet hat, das lässt sich im Nachhinein nur noch schwerlich nachvollziehen. Von STEFAN HEUER

Rostige FluegelWie beruhigend, dass diese schrecklichen Spätfolgen nicht bei allen Serien auftreten. Der im niederösterreichischen St. Pölten lebende Manfred Wieninger liefert mit den Fällen seines selbst ernannten »Diskont-Detektivs« Marek Miert eine wohltuende Ausnahme. Nach Zeiten des Wechsels (1999 erschien im Europa Verlag der Erstling Der dreizehnte Mann, 2001 folgte Falsches Spiel mit Marek Miert als rororo Taschenbuch) scheinen Wieningers Kriminalromane mit dem Haymon Verlag nun eine feste Heimat gefunden zu haben – nach ›Der Engel der letzten Stunde‹ (2005) und ›Kalte Monde‹ (2006) liegt dort nun der bereits fünfte Miert-Band vor: ›Rostige Flügel‹. Man muss nicht alle Bände gelesen haben, auch ohne Vorkenntnisse erschließt sich das Universum schnell: Marek Miert ist nach wie vor die vertraute Mixtur aus Miss Marple (Spürsinn haben und trotzdem in die Falle laufen), Inspektor Clouseau (Trotteligkeit) und Horst Schimanski (markige Ausdrucksweise gepaart mit dem Hang zu ungesundem Essen und unglücklicher Liebe), ein wenig der Anflug einer Karikatur.

Auch der Anfang des neuen Buches zeigt ihn, wie er sich selbst am liebsten sieht: essend. Unterbrochen wird seine Mahlzeit durch eine unangemeldet auftauchende Frau, die ihn mit der Beschattung ihres Ehemanns beauftragt. Hermann Frischauf, so sein Name, habe in der letzten Zeit mehrere Drohungen erhalten, in Form von Briefen, aber auch von toten Tieren in Schachteln. Angestachelt durch eine kräftige Anzahlung, nimmt Miert den Fall an und die Verfolgung des Mannes auf. Nachdem er den Buchhändler in dessen Mittagspause abgepasst und mit dem Auto stadtauswärts gefolgt ist, löst sich die unbemerkte Observation durch detektivisches Unvermögen in Wohlgefallen auf und bringt die beiden ins direkte Gespräch. Nach kurzem Palaver klärt Frischauf den Detektiv darüber auf, dass er sich geradezu fanatisch der Recherche zu einem bislang offiziell und hartnäckig verleugneten Zwangsarbeiterlager vor den Toren Harlands verschrieben habe – einem Lager, in dem in der NS-Zeit Zwangsarbeiter als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und oftmals bis zum Tode geschunden wurden. Die Nachforschungen gestalten sich schwierig, im Stadtarchiv verschwinden nach und nach sämtliche Akten über die ehemaligen NSDAP-Mitglieder des Städtchens, erhalten Unterlagen einen Sperrvermerk; augenscheinlich lässt jemand seine Beziehungen spielen, um die Vergangenheit alteingesessener Bürger mit dem Mantel des Verschleierns zu bedecken. Und jetzt also ein forschender Buchhändler, der seine Erkenntnisse als Buch zu publizieren gedenkt …

Abseits der geraden Wege

Dies also ist die Ausgangslage, aus der sich eine Miert-typische Bezugsreihe von Schuld und Sühne, Moral und Unmoral herauskristallisiert. Wieninger legt wenig Wert darauf, in seinen Büchern schnell zum Sch(l)uss zu kommen, nur zu gerne lässt er sich zu ausführlichen Gedankenspielen zu den unterschiedlichsten Themen verleiten. Und auch seinem ermittelnden Protagonisten Miert scheinen keine geraden Wege vorbestimmt zu sein. Neben der anfänglichen Haupthandlung entspannen sich noch weitere Nebenschauplätze, die sich im Laufe des Buches als echte Krisengebiete entpuppen. Da ist der renitente Pensionär Goritschnig, der als Reaktion auf die Drogensucht seiner Nichte einen von Rache getriebenen Privatkrieg gegen die Pulver-Mafia führt und Miert mit hineinzieht. Da sind seine koffeinsuchtgetriebenen Besuche bei Madame Sybilla, der Puffmutter des abgetakelten Stundenhotels »Miramar«, parallel dazu die Begegnungen mit seiner nicht heimlichen, aber eben doch unerwiderten Liebe, einer Sommelière in einem Nobel-Restaurant, in deren Gegenwart er nur Gaumenfreuden genießen darf. Und da ist auch seine bereits in den vorangegangenen Bänden geschilderte Privatfehde mit Oberleutnant Gabloner, der seit Mierts Ausscheiden aus dem Polizeidienst keine Möglichkeit auslässt, seinen ehemaligen Untergebenen zu triezen – in diesem Fall erpresst er ihn zunächst zur Zusammenarbeit mit der Polizei, um ihn anschließend bei einer Razzia öffentlich als Informanten zu nennen, so dass Miert nichts anderes übrig bleibt, als sich auf die Flucht vor der ukrainischen Mafia zu begeben.

Gekonnt lässt Wieninger die Handlungsstränge nach und nach zusammenlaufen, Miert gelingt es größtenteils, die einzelnen Fälle zum Wohle aller Protagonisten miteinander zu verquicken. Der Fortgang scheint absehbar, bis sich herausstellt, dass es sich bei seiner anfänglichen Auftraggeberin keinesfalls um die Ehefrau von Hermann Frischauf gehandelt hat. Miert ist ratlos, und auch der Leser tappt ob der Verstrickungen noch erfrischend lange im Dunkeln – denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Angefixt, Herr Wieninger. Nachlegen, bitte!

| STEFAN HEUER

Titelangaben
Manfred Wieninger: Rostige Flügel. Ein Marek-Miert-Krimi.
Wien: Haymon Verlag 2008
228 Seiten. 18,90 Euro

Reinschauen
Manfred Wieninger – Webseite

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Jede Gesellschaft hat den Fußball, den sie verdient

Nächster Artikel

Der böse Busch

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Kuckuckskinder

Roman | Mick Herron: Spook Street

Die »Slow Horses« um ihren ungehobelten Chef Jackson Lamb, vom normalen Karriereweg beim englischen Inlandsgeheimdienst MI 5 ausgeschlossene Frauen und Männer, bekommen mal wieder Arbeit. In einem Einkaufszentrum im Westen Londons tötet eine mitten am Tag explodierende Bombe 42 Jugendliche. Kurz darauf bekommt einer von Lambs Leuten, River Cartwright, Ärger mit seinem pensionierten Großvater. Der war vorzeiten die Nummer 2 des MI 5. Inzwischen etwas trottelig geworden, weiß er sich trotzdem noch zu wehren und erschießt kurzerhand einen Mann, der sich mit dem Enkeltrick bei ihm einschleichen will. Aber was hat der aus Frankreich kommende und dem jungen Cartwright zum Verwechseln ähnlich sehende Bursche mit dem Anschlag in der Westacres Shopping Mall zu tun? Und wieso müssen Jackson Lambs lahme Gäule aus der »Loser-Absteige« erneut alles riskieren, um sich und ihr Land vor einer Gefahr zu schützen, die ihre Vorgänger einst heraufbeschworen haben? Von DIETMAR JACOBSEN

Er ist zurück

Roman | Ian Rankin: Mädchengrab John Rebus ist wieder da. Zwar schafft es Ian Rankins in die Jahre gekommener Serienheld nicht wieder an seinen alten Arbeitsplatz – doch mitverantwortlich für die Aufklärung so genannter »cold cases« kann der unkonventionelle Rentner aus Edinburgh schnell beweisen, dass die neue Generation zwar fixer mit der Maus ist, Intuition und Einfühlungsgabe aber noch lange nicht ausgedient haben. Mädchengrab – gelesen von DIETMAR JACOBSEN

Bewegung ist Leben

Roman | Lídia Jorge: Erbarmen

»Bewegung ist Leben, die, die sich am meisten bewegen, sind die, die am meisten leben«, bekennt die im Rollstuhl sitzende Maria Alberta Nunes Amado, genannt Dona Alberti, die nach einem Unfall in einem Pflegeheim mit dem irreführenden Namen »Hotel Paraíso« lebt. Sie ist eine betagte, starke, eigenwillige Frau und hat ihrer Tochter in mehreren Audiodateien ihre Lebenserinnerungen diktiert. Dies ist der erzählerische Rahmen des neuen Romans der portugiesischen Schriftstellerin Lidia Jorge (Jahrgang 1946), deren Romane viele Jahre im Suhrkamp Verlag erschienen waren, sich aber im deutschsprachigen Raum nicht durchsetzen konnten. Von PETER MOHR

Erinnerung wie Knete

Roman | Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

»Ich wollte vor allem einen Roman über den Zusammenhang von gesellschaftlich strukturierter Gewalt und sexualisierter Gewalt in Familien herstellen«, hatte Ulrike Almut Sandig wenige Tage vor Erscheinen ihres ersten Romans in einem Interview erklärt. Vier Lyrikbände, Hörspiele, ein Musikalbum und zwei Erzählungsbände liegen bereits aus der Feder der 41-jährigen, mehrfach preisgekrönten Autorin vor. PETER MOHR hat Sandigs Romandebüt gelesen.

Frauen am Rande der Gesellschaft in düsterer Zeit

Roman | Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern

Der Ort des zweiten Romans von Anja Kampmann ist Hamburg, ihre Geburtsstadt, Ort der Handlung ist die Reeperbahn. Dort hat sich die junge Protagonistin des Romans Hedda mit Anfang zwanzig im berühmten Varieté »Alkazar« ihren Traum als Akrobatin erkämpft. Die Autorin legt in ihrem großartigen Roman einen besonderen Schwerpunkt auf die Varietés, auf die dunklen Hinterhöfe und die Bordelle und die Repressalien und Misshandlungen, denen die Frauen dort ausgesetzt waren, die Prostituierten, Akrobatinnen und Tänzerinnen jener düsteren Zeit. Von DIETER KALTWASSER