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Kulturbuch | Karl-Markus Gauss: Die Hundeesser von Svinia

Karl-Markus Gauss reist zu den slowakischen Roma. Ein bewegendes, aufwühlendes und doch auch irritierendes Buch – vorgestellt von WOLFRAM SCHÜTTE

Karl-Markus Gauss - Die Hundeesser von SviniaKein mitteleuropäischer Schriftsteller hat sich derart ausdauernd, sympathetisch und kenntnisreich der Vielvölkerei des östlichen Mitteleuropas und des Balkans zugewandt wie der Salzburger Essayist und Literaturkritiker Karl-Markus Gauss. Zahlreiche Bücher legen von diesen geographischen und mentalen Expeditionen ebenso Zeugnis ab, wie seine zwei großen, in den vergangenen Jahren erschienenen Chroniken »Von nah, von fern« (2003) und »Mit mir, ohne mich« (2002) von seiner kulturkritischen Verve im Blick auf seine österreichische Heimat und auf die Verwerfungen der politisch-sozialen Situation, die dem antimodischen Linkliberalen auf- und zugestoßen sind und gegen die er sich bissig zur Wehr setzt.

Karl-Markus Gauss ist einer der hellsten Köpfe unter den deutsch schreibenden Essayisten; und dass er, der seine Empörung und Wut über die neoliberalen Verwüstungen und Konformismen bis in die Kapillaren des Alltagslebens ausdehnt, seine vehemente Kritik auch noch mit sarkastischer Treffsicherheit, intellektueller Luzidizität und sprachlicher Brillanz zu artikulieren versteht, wobei er die eigenen Widersprüche nicht verschweigt: – das macht ihn singulär unter unseren Autoren. (Nur der ihm geistesverwandte SZ-Journalist Heribert Prantl könnte Gauss dabei das Wasser reichen.)

Vor allem aber hat Karl-Markus Gauss´ entschiedene Parteilichkeit, die das intellektuelle (N)irgendwo und das dandyhafte Darüberstehen à la H. M. Enzensberger verachtet, ihren Ort an der Seite der ›Verlierer‹, der Marginalisierten und »Erniedrigten und Beleidigten«, sprich bei allen den vielen kleinen Sprach-, Kultur- & Völkerschaften, die Europa – wenn man nur genau hinschaut & hingeht und sie aufsucht (wie Gauss es seit Jahren tut) –, so buntscheckig und an menschlichen Erfahrungs- & Erlebnislandschaften so reich machen.

Reich machten, würde der Skeptiker Gauss sagen, denn er sieht diese Vielheit tradierter menschlicher Biotope durch die Homogenisierung des kapitalistischen Wirtschaftsraums Europa zum Verschwinden verurteilt. Die Reisen und Recherchen, die Karl-Markus Gauss in Europa unternimmt (wie einst der Pole Ryszard Kapuscinski auf dem afrikanischen Kontinent), gleichen deshalb ethnographischen Archivierungen, die den jahrhundertealten Eigensinnigkeiten ein letztes Eingedenken widmen. Es sind empfindsame und zugleich robuste Nachrufe zu Lebzeiten der »sterbenden Europäer«, wie er seine Aufzeichnungen über die Sepharden von Sarajewo, die Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen in seinem 2001 erschienen gleichnamigem Buch nannte.

Seine jüngste Arbeit ›Die Hundeesser von Svinia‹ – wie alle anderen bei Zsolnay erschienen – unterscheidet sich von seinen früheren Arbeiten nicht nur durch ihre Kürze. Deren 115 Seiten sind ausschließlich den 300.00-400.000 Roma in der Slowakei gewidmet, den Ärmsten der Armen des Kontinents – und bald dessen entschiedenste Herausforderung. Denn die Roma werden nicht, wie die anderen von Gauss besuchten europäischen Randgruppen, am Ort ihrer Sesshaftigkeit von der kapitalistischen Moderne erreicht, sondern durch die Ost-Erweiterung der Europäischen Union, der die Slowakei noch in diesem Jahr beitritt, bald die Möglichkeit haben, sich frei in dem Wirtschaftsraum zu bewegen, um ihrem derzeitigen Elend zu entkommen. Das ist eine »Drohung« insofern, als damit das west- und mitteleuropäische städtische Leben mit einer ortlosen Population konfrontiert wird, die wie Wiedergänger einer unendlich fernen Kultur unsere konsumistische Rationalität von Erwerbsarbeit & Güterverbrauch durch Nichtstun & Bettelei radikal infrage stellen.

Gauss hat die Völker, die bald wandern könnten, an ihren derzeitigen Zwangs-Aufenthaltsorten besucht; und eben jetzt erreichten uns auch Nachrichten aus der von dem Salzburger Selbstdenker & Ethnologen in den vergangenen drei Jahren mehrfach bereisten Ostslowakei, wo Roma, nach der Kürzung von Sozialhilfe (von der sie, erbärmlich genug, leben), Supermärkte geplündert haben. Gauss war genau dort in vielen Roman-Ghettos – vor allem in ›Lunix IX‹ in der Nähe von Kosice, der proper rausgeputzten Geburtsstadt des europaweit postum bekannt gewordenen ungarischen Erzählers Sandor Marai (›Die Glut‹) und in Svinia, wo die »Degesi« leben, die »Hundeesser«, sozusagen die »Unberührbaren« und der »Auswurf« der ohnehin von den Slowaken, Ruthenen und Ungarn verachteten und gemiedenen »Zigeuner«.

Nebenbei erfährt man bei Gauss, warum hiesige Roma oder Sinti nicht »Zigeuner« genannt werden möchten: Weil nämlich diese beiden an der Spitze der ethnischen Kasten-Gesellschaft der aus Indien kommenden Volksgruppe stehen, und die »Ciganik« nur »zweitklassig« sind. Die »Degesi«, die zwar keine Hunde mehr essen, werden aber von den über ihnen rangierenden Gruppen als der »letzte Dreck« behandelt und angesehen, was wir wohl alles nicht wussten. Auch nicht, dass innerhalb dieser Ghettos eine Clan-Wirtschaft herrscht, welche einige wenige Clanchefs zu Reichen, andere aber zu Armen macht, die ihre Schulden durch »europaweite Bettelfahrten« abzahlen müssen.
Da die spärlichen Erwerbstätigkeiten früherer Zeiten – wie bäuerliche Saisonarbeit oder die Arbeit als Hufschmied, Kesselflicker oder Keramiker – heute obsolet geworden sind und nicht alle als geschätzte Musiker ihr Brot verdienen können, sind die Roma (nicht nur in der Slowakei, sondern auch in Ungarn und Rumänien!) schon geraume Zeit Vorboten des Lebensschicksals, das der moderne Kapitalismus breiten Bevölkerungsschichten der entwickelten Industrieländer androht: »überflüssige Menschen«, nämlich arbeitslose Nicht-Konsumenten, die dem finanzgeschwächten Staat als alimentierte Sozialhilfeempfänger »auf der Tasche liegen«. Und weil die Höhe der Sozialhilfe sich durch das Kindergeld und die Macht des Clanchefs sich danach bemisst, dass keiner sich beispielgebend der allgemeinen Misere durch die Emanzipation qua Bildung entwindet, werden Kinder zwar in die Welt gesetzt, aber nicht zur Schule geschickt: – ein fataler Kreislauf lebenslänglicher Apathie, der nur wenige entfliehen: durch Integration und Entfremdung von ihrer Herkunft.

Die Eindrücke, Erfahrungen und Kenntnisse, die der linke Humanist und Verteidiger des ethnisch-kulturellen Eigensinns in seinem zwischen Reportage, (Selbst-) Erfahrung, Reflexion, Essay und Traktat brillant wechselndem Buch festgehalten hat, sind zwiespältig. Denn Karl-Markus Gauss begibt & bewegt sich dabei auf einem realiter und metaphorisch vielfach unbeschreiblich verslumten Forschungsfeld, das ihm wohl selbst nicht ganz geheuer ist. Zwar war dabei weder vom Rassismus und Chauvinismus der Slowaken und auch der ruthenischen oder ungarischen Minderheiten gegenüber den Roma abzusehen, noch von der unendlichen Geschichte des Leids unter den Nazis und der im stalinistischen Staatssozialismus repressiv disziplinierten, zum Teil sterilisierten Roma; aber es war auch nicht zu übersehen, dass Armut, Verwahrlosung und existenzielles Elend – und vor allem deren klaglose, aussichtslose Hinnahme – nicht zuletzt auch selbst- & hausgemacht scheinen.

»Als ich in der Slowakei war, lernte ich durchaus verstehen, dass jemand lieber nicht in der Nachbarschaft einer Romasiedlung leben möchte. Doch zugleich ist mir nirgendwo die Notwendigkeit, auch andere als die eigenen Lebensformen akzeptieren zu lernen, so dramatisch vor Augen gestanden wie dort«, schreibt Gauss. Er fährt fort: »So gemein es nämlich ist, die Roma mit der Ausrede, sie würden es ohnehin nicht anders wollen, ihrem nicht von ihnen verursachten Elend zu überlassen, so feindselig verhält sich, wer ihnen über eine Art von wohlwollender Erziehungsdiktatur all das austreiben möchte, was die Gadsche (i.a. die Nicht-Roma) seit jeher an ihnen stört«. Nenne man es Paradox oder Dilemma – ihm ist nicht zu entkommen, wenn man einerseits das zivilisatorische Elend aus Gestank und Schmutz, Krankheit und Verwahrlosung sieht und andererseits aufklärerischer Veränderung mit dem Ziel menschenwürdiger sozialer Verhältnisse das Wort reden möchte, wie Gauss. Bliebe nur der unendlich mühsame Weg, den christliche Sozialarbeiter aus den USA und Kanada eingeschlagen haben, um den Hilflosen mit bewundernswerter Zuversicht und Geduld Schritt für Schritt Selbstverantwortung und Selbstbeteiligung an ihrer Existenz beizubringen? Denn sie »haben alles vergessen, was zum Leben gehört« und »das Erschreckendste« für Gauss war die Erkenntnis, dass im Bewusstsein der Roma Geschichte und Zeit, Zukunft und Vergangenheit erloschen sind, als lebten sie in einer gedächtnislosen Gegenwart, die nur den unmittelbaren Augenblick kennt, wobei man auch sagen könnte, dass sie kollektiv aus der Zeit gefallen sind.

Aber die erstaunlichen Versuche dieser transatlantischen Missionare der Hilfe-zur-Selbsthilfe und die wenigen Eigeninitiativen aus Roma-Kreisen stehen in fast aussichtsloser Konkurrenz zu den dynamischen Aktivitäten jener »Barbaren à la mode«, die Gauss in der Person einer jungen attraktiven Bürgermeisterin erblickt, die offenbar auf einem Roma-Gelände eine Fabrik errichten und die Bewohner vertreiben möchte. »Mit einem Mal durchzuckte mich die Gewissheit«, schreibt Gauss, »dass all die hier versammelten Elenden zusammengenommen nicht so zu fürchten waren wie jeder einzelne dieser Geschäftseuropäer für sich«. Gewiss doch. Aber: wo ist der »Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) des repressiven Clansystems, der gewachsenen kollektiven Geschichts- & Zeitlosigkeit?

Ein bewegendes, aufwühlendes und doch auch irritierendes Buch.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titelangaben
Karl-Markus Gauss: Die Hundeesser von Svinia
Wien: Zsolnay Verlag 2004
115 Seiten, 14,90 Euro
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