Ein hoffnungsvoller Mensch

Menschen | Werner Schroeter: Tage im Dämmer, Nächte im Rausch

Vor fast zwei Jahren, am 12. April 2010, ist der Film- & Theaterregisseur Werner Schroeter gestorben. Er war gerade 65 Jahre alt geworden. Unter den Regisseuren des »Neuen deutschen Films« war der 1945 in Thüringen geborene, jedoch in Bielefeld, Neapel und Heidelberg aufgewachsene Werner Schroeter der außergewöhnlichste Künstler. Ein kompromissloser Melodramatiker wie kein zweiter, ein Tragiker der Empörung, ein Schmerzensmann der herzzerreißenden Emotion. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Schroeter - Tage im Dämmer - 9783351027322Fassbinder, der ihn bewunderte wie mancher andere deutsche Regisseur, nannte ihn 1980 den »wichtigsten, spannendsten, entscheidendsten sowie entschiedensten Regisseur eines alternativen Films«; Elfriede Jelinek, die ihm 1990 das Drehbuch für seine Bachmann-Adaption Malina schrieb, erkannte in ihm »einen Schöpfer/Gott auf ursprüngliche Weise« und die große französische Schauspielerin Isabelle Huppert, die in Malina die Hauptrolle spielte, rief ihm 2010 nach, er sei »ein Engel« gewesen, der sein »Leben den Schätzen Film, Theater & Oper gewidmet« habe.
Nur: Unter den Namhaften des deutschen Films blieb der vielsprachige Kosmopolit dem deutschen Kinopublikum der Unbekannteste, allenfalls ein Gerücht bei einigen Cinéphilen. Der größte Teil seiner mehr als zwei Dutzend Filme, die zwischen 1968/69 und 2008 entstanden, ist nur im Fernsehen gelaufen, dessen innovativste Redaktionen Werner Schroeter Arbeits- & Ausdruckmöglichkeiten gaben, wenn auch mit geringsten ökonomischen Mitteln. Ins Kino kamen nur wenige seiner ästhetisch komplexen Filme – wie Palermo oder Wolfsburg, der Berlinale-Sieger von 1980 oder Malina 1991.

Werner Schroeters über 90 Theater- & Operninszenierungen im In- & Ausland blieben verwehte Lokalereignisse, wenn auch manchmal Skandale, die jedoch längst vergessen sind. Angesichts dieses prekär-schmalen Nachruhms ist es umso erstaunlicher, dass nun Schroeters Autobiografie unter dem Titel Tage im Dämmer, Nächte im Rausch erschienen ist. Auch noch in einem Verlag, dem man eine Beziehung zu dem Regisseur nicht zugetraut hätte. Desto erfreulicher ist es jedoch, das Buch mit Respekt & Bewunderung begrüßen zu können.

»Gottesgeschenk« Maria Callas

Es dürfte eine schwierige Geburt gewesen sein, weil seine Autorin, die Filmjournalistin Claudia Lenssen, 2009 nur ein halbes Jahr lang immer mal wieder in Berliner Cafés & Restaurants rund 50 Stunden Gespräche und Berichte von Schroeter mit viel Geduld & noch größerer Duldsamkeit sammeln konnte. Den großen Rest musste sie recherchierend ergänzen. Dafür ist das Fragment von Werner Schroeters »Lebensroman, wie er ihn in seinen letzten Monaten vor dem inneren Auge vorüberziehen ließ« (Lenssen), doch von großer & auch bewegender Aussagekraft.

Werner Schroeter hatte das seltene Glück, verständnisvolle Eltern zu haben, die seine homosexuelle Neigung tolerierten und auch die andern Eigenarten des verträumten, viel lesenden Kindes liebevoll hinnahmen. Es war aber seine polnische Großmutter, die Werners Phantasie früh erweckte. Vollends aber wurde ihm das »Gottesgeschenk« Maria Callas zum Medium seiner künstlerischen Temperamentserhitzungen. Der Kritiker Karsten Witte sah in ihnen eine »große, ebenso heftige wie sehnsüchtige Bewegung in das Ekstatische« und Schroeter selbst betrachtete jede künstlerische Arbeit als »den Versuch, die unerträgliche Wirklichkeit aus den Angeln zu heben«.

Heiterkeit eines Stoikers

So spricht ein Romantiker, der gleichwohl die Geisteshelle Lessings über alles liebte, so spricht aber auch ein Surrealist, der Lautréamonts Gesänge des Maldoror früh entdeckt hatte. In dessen Abgründigkeit und Menschenhassliebe sah er sein »tragisches Weltempfinden« vorweggenommen; und Lautréamonts Unbehaustheit scheint Schroeter zu seinem unsteten Wanderleben inspiriert zu haben. Das Theater wurde ihm, nach den frühen Krebstoden von Vater, Mutter & Bruder, zur Heimat und Familie: »Eine andere Heimat habe ich ja nicht, außer da, wo ich bin, und in mir selbst, in Gedanken und Freundschaften«, resümiert er an einer Stelle.

Das Erstaunlichste an seiner Autobiografie ist nicht nur die Souveränität und Großzügigkeit seines Charakters – kein Wort des Neides auf Kollegen oder der Missgunst gibt es von ihm; bewegender aber ist noch die Heiterkeit eines Stoikers, der in seinem nicht allein in seinen letzten Jahren schmerzhaften Leben eine in sich geschlossene organische Entwicklung entdeckt, die ihn zutiefst befriedigt. Der Regisseur von Oskar Panizzas immer noch verbotenen Liebeskonzils war ein »gläubiger Christ«, was er – entgegen manchem häretischen Zug in seinem Oeuvre – mehrfach in diesem Abschiedsbuch betont. »Ich bin ein hoffnungsvoller Mensch«: Das sind die letzten Worte seiner Autobiografie, die wir nicht nur ihm, sondern auch Claudia Lenssen verdanken.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titelangaben
Werner Schroeter (mit Claudia Lenssen): Tage im Dämmer, Nächte im Rausch
Mit einem Vorwort von Elfriede Jelinek, einem Nachruf von Isabelle Huppert, Nachwort von Claudia Lenssen und Schroeters Nachruf auf Maria Callas
Berlin: Aufbau 2011
408 Seiten. 22,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Mit traumtänzerischer Sicherheit

Nächster Artikel

Amerikanische Ängste

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

»Kafka war nie ein Käfer«

Menschen | Interview mit Urs Widmer

Der 1938 in Basel geborene und 2014 gestorbene Urs Widmer gehörte sicherlich mit gutem Recht zu den bekanntesten Stimmen in der deutschen Literatur. Eigentlich fehlte dem bis zuletzt in Zürich lebenden Erzähler und Dramatiker nur noch der Büchner-Preis. Zuletzt hatte er vor allem durch die Veröffentlichung der Zwillingsromane ›Der Geliebte der Mutter‹ und ›Das Buch des Vaters‹ für Aufsehen gesorgt. Widmer, der Germanistik, Romanistik und Geschichte studiert hatte und lange Jahre in Frankfurt lebte, erläutert in unserem wiederveröffentlichten Interview mit THOMAS COMBRINK unter anderem, wie er zu seinem eigenen, ganz unverwechselbaren Ton gekommen war und wie viel Lebenserfahrung ein Schriftsteller für das Schreiben benötigt.

Nicht Hamlet, sondern Clown

Menschen | Zum Tod des Nobelpreisträgers Dario Fo Als »Wettstreit zweier Berufskomiker« hatte Dario Fo sein höchst angespanntes Verhältnis zum einstigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bezeichnet. Mit seiner 2003 uraufgeführten Bühnenarbeit ›Der anormale Doppelkopf‹ – ein mehr als zweistündiges Zweipersonenstück, das er mit seiner Frau Franca Rame spielte – hatte er in Italien ein gigantisches mediales Echo entfacht, weil er darin Putins Hirn in Berlusconis Kopf verpflanzt hatte. Von PETER MOHR

Enthusiasmus & Passion

Menschen | Zum Tod von Ray-Güde Mertin

Wer sich als deutscher Leser & Kritiker mit der lusitanischen Literatur, also der großen Literatur Portugals und Brasiliens beschäftigt hat und vielleicht gar ihr prägendste ästhetische Erfahrungen verdankt, wird neben Curt Mayer-Clason, dem Doyen der deutschen Übersetzer des Lusitanischen, immer wieder auf Ray-Güde Mertin als Übersetzerin u.a. Antonio Lobo Antunes', José Saramagos oder Clarice Lispectors gestoßen sein. Unweigerlich & mit wachsender Freude und Respekt für ihre Arbeit, die uns diese und andere Autoren im Deutschen heimisch machte. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Thinking Of Yesterday’s Tomorrows: An Interview With Moomin

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Berlin based artist Moomin has, over the years, been responsible for some of the finest moments to grace a dance floor. Best known for releases on labels such as Smallville, Fuck Reality, Aim and his own Closer imprint, Sebastian Genz is a producer who’s music is emotive, thoughtful and funky as hell. By JOHN BITTLES

Sich selbst hinterfragen

Menschen | Zum Tod des Oscar-Preisträgers Robert Redford

»Das Leben wird einfach spannender, während man es lebt: Man wird reflektierter, man erkennt sein eigenes Potenzial besser, und gleichzeitig lernt man, die Dinge besser zu genießen«, hatte Robert Redford 2018 in einem Interview mit der Welt« verraten. Und mit dem Altern habe er überhaupt kein Problem. Ihm gefalle es auch, wie sich Frauen mit dem Alter entwickeln, hatte der als Herzensbrecher auf den Kinoleinwänden weltberühmt gewordene Schauspieler schon vor etlichen Jahren erklärt. Von PETER MOHR