Die Liebe als Brücke

Menschen | Vor 125 Jahren wurde der Dramatiker Thornton Wilder geboren

Als er am 6. Oktober 1957 in Frankfurt den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt, wurde er als »großer Dichter und Dramatiker, der in wirrer Zeit den Glauben an die geistigen Kräfte und die Bindung an höhere Mächte aufrechterhalten half, der Schicksal und eigene Verantwortung zu deuten wusste, der ernst und heiter das Leben zeichnete und das Ideal wahrer, edler Menschlichkeit zu schaffen trachtete« gefeiert. Von PETER MOHR

»Ich bin nicht einer der neuen Dramatiker, nach denen wir Ausschau halten. Ich habe meinen Teil geleistet, den Weg für sie vorzubereiten. Ich bin nicht ein Neuerer, sondern ein Wiederentdecker vergessener Güter«, erklärte der amerikanische Schriftsteller Thornton Wilder selbst charakterisierend ebenfalls 1957 in einem Interview. Die moralische Integrität des Individuums, gespeist durch urchristliches Gedankengut, stand bei Wilder stets im Vordergrund.

Thornton Niven Wilder, der heute* vor 125 Jahren in Madison (Wisconsin) als Sohn des Zeitungsverlegers und späteren US-Konsuls Amos Parker Wilder und einer Pfarrerstochter geboren wurde und in China aufwuchs, hat schon als 18-jähriger seine ersten Einakter vorgestellt. Der große literarische Durchbruch gelang ihm 1927 mit dem Roman »Die Brücke von San Luis Rey«, einer im frühen 18. Jahrhundert in Peru angesiedelten Parabel. Nach dem Einsturz besagter Brücke macht sich Juniper, der Bruder eines der Opfer und selbst nur knapp dem Unglück entgangen, daran, Gottes Einfluss auf die Katastrophe zu erforschen.

Am Ende des mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Romans (mit dem der Fischer Verlag 1952 seine Taschenbuchreihe eröffnete) heißt es – für Wilder durchaus paradigmatisch: »Da ist ein Land der Lebenden, und da ist ein Land der Toten. Die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das Einzig-Bleibende, der einzige Sinn.«

Während sich seine Zeitgenossen John Dos Passos, Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway sozialen und politischen Problemen in den Vereinigten Staaten widmeten, beharrte Wilder, der 1930 eine Berufung an die University of Chicago erhielt, auf seinem festgefügten, grundsätzlich positiven Weltbild.

Der Glaube an das Positive im Menschen, an die Wahrung christlicher Werte (auch beeinflusst durch seinen Bruder Amos, der an der Harvard University Theologie lehrte), an die irdische Existenz als höchstes Glück kennzeichnete auch den 1938 uraufgeführten, weltweit erfolgreichen Dreiakter ›Unsere kleine Stadt‹, für den Wilder abermals den Pulitzerpreis erhielt. Bezeichnend, dass er im Schlussakt die längst verstorbene Emily an ihrem 12. Geburtstag wieder auferstehen und das Leben preisen lässt.

Was Thornton Wilder für bewahrenswert hält, kommt auch unverhohlen in seinem Untergangsszenario ›Wir sind noch einmal davongekommen‹ (1942) zum Ausdruck. Im ersten Akt, als eine Eiszeit anbricht, lässt er den von ihm selbst oft auf der Bühne verkörperten Antrobus telegraphieren: »Verbrenne alles – außer Shakespeare.«

Trotz Eiszeit, Sintflut und Weltkrieg nimmt auch dieses Stück ein positives Ende – die Gattung Mensch überlebt. In seinem wohl heute noch berühmtesten Stück hat Wilder allerdings eine vorher kaum gekannte Facette in seinem Oeuvre präsentiert: den grotesken Humor. Während im zweiten Akt die Sintflut hereinbricht, feiern Mr. und Mrs. Antrobus ihren 5000. Hochzeitstag und Antrobus gibt via Rundfunk die Parole aus: »Amüsiert euch!«

»Ich schöpfe die Bestätigung meiner Überzeugung daraus, dass, was den Geist im Innersten bewegt, das Verlangen nach uneingeschränkter Freiheit ist, und dass dieser Drang ausnahmslos von seinem Gegenteil begleitet ist, von der Furcht vor den Folgen der Freiheit«, hat der philosophie-affine Thornton Wilder einmal erklärt.

Auch weniger bekannte Stücke wie ›Die Heiratsvermittlerin‹ und ›Theophilus North‹ bescherten Wilder durch Verfilmungen und Musical-Inszenierungen (mit Weltstars wie Robert Mitchum, Barbara Streisand und Gene Kelly in den Hauptrollen) große Erfolge. Fast alle Werke liegen im S. Fischer Verlag vor.

Am 7. Dezember 1975 ist Thornton Wilder, der nie verheiratet war und seine Homosexualität in der Öffentlichkeit zu verbergen versuchte, in Hamden (Connecticut) an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben: der christlichste unter den bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts, der mit seinem dichterischen Werk eine Art künstlerische Harmoniephilosophie angestrebt hat.

Ein Höhepunkt des Jubiläumsjahres wird die Veröffentlichung eines neuen kurzen Dokumentarfilms (›Thornton Wilder: It’s Time‹) am 27. April im Rahmen eines Abends sein, an dem Wilder im Lincoln Center Theatre in New York gefeiert wird. Sein Stück ›The Skin of Our Teeth‹ (dt.: ›Wir sind noch einmal davon gekommen‹) wird dort am 25. April neu inszeniert.

| PETER MOHR
| Time Inc., illustration by Boris Chaliapin. Time failed to renew the copyrights of many early issues; see wikisource:Time (magazine)., Thornton-Wilder-TIME-1953, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein singulärer Aufbruch in die Moderne

Nächster Artikel

Alternativ

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Sehnsucht und Illusion

Menschen | Toni Morrison zum 85. Geburtstag »Die Sehnsucht nach einem Zuhause existiert zwar nach wie vor, aber es handelt sich dabei lediglich um eine Illusion. Und natürlich gibt es in Amerika nicht eben wenige, die ihr ganzes Leben auf diese trügerische Sehnsucht bauen, die niemals Realität werden kann«, hatte Toni Morrison, Nobelpreisträgerin des Jahres 1993, vor zwei Jahren in einem Interview mit der Welt als Auskunft über ihr disparates Verhältnis zu ihrem Heimatland gegeben. Sie ist umstritten und streitbar, aber nach ihr wurde keinem US-Autor mehr die bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt zuteil. Gratulation von PETER MOHR PDF erstellen

Liebenswerter Außenseiter

Menschen | Zum 80. Geburtstag von Walter Kappacher Er galt viele Jahre als Geheimtipp in der literarischen Welt, sein renommierter Landsmann Peter Handke hatte sich vehement für ihn eingesetzt. Doch die große öffentliche Anerkennung errang der Schriftsteller Walter Kappacher erst 2009 nach dem Erscheinen des Romans ›Der Fliegenpalast‹. Danach wurde ihm die wichtigste literarische Auszeichnung des deutschsprachigen Raumes verliehen – der Georg-Büchner-Preis. Ein Porträt von PETER MOHR PDF erstellen

Nicht Hamlet, sondern Clown

Menschen | Zum Tod des Nobelpreisträgers Dario Fo Als »Wettstreit zweier Berufskomiker« hatte Dario Fo sein höchst angespanntes Verhältnis zum einstigen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bezeichnet. Mit seiner 2003 uraufgeführten Bühnenarbeit ›Der anormale Doppelkopf‹ – ein mehr als zweistündiges Zweipersonenstück, das er mit seiner Frau Franca Rame spielte – hatte er in Italien ein gigantisches mediales Echo entfacht, weil er darin Putins Hirn in Berlusconis Kopf verpflanzt hatte. Von PETER MOHR PDF erstellen

Alles ist offen und nichts ist geklärt

Menschen | Ingeborg Gleichauf: Ingeborg Bachmann und Max Frisch Sie gehören zu den größten Literaten des 20. Jahrhunderts. Sie teilen ihre Leidenschaft, ihre Gedanken, später auch das Bett. In Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine Liebe zwischen Intimität und Leidenschaft wagt sich Ingeborg Gleichauf an die wechselvolle Geschichte des Schriftstellerpaares. Von EVA HENTER-BESTING PDF erstellen

»Wir sind Kulturtankstellen«

Interview | Unabhängiger Buchhandel
Vom 31.Oktober bis 7. November 2020 findet die Woche der unabhängigen Buchhandlungen (WUB) statt – eine Woche nur für die die Buchhändler*innen, die sich das ganze Jahr über vor Ort für das Buch stark machen. Inhabergeführte Buchhandlungen haben in Deutschland eine lange Tradition. Mit ihrer Arbeit leisten die Indie-Buchhandlungen einen wichtigen Beitrag zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben ihrer Stadt und der Region. Seit 2014 zeigen sich die unabhängigen Buchhandlungen eine Woche lang im November von ihrer schönsten Seite, führen Aktionen durch und krönen das Lieblingsbuch der Unabhängigen. Über 700 unabhängige Buchhandlungen (»Indies«) in ganz Deutschland nehmen an der Initiative teil. FLORIAN BIRNMEYER hat aus diesem Anlass einige Inhaber*innen interviewt.