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Die Sucht, die nie verging

Der poetische Weltenbummler Cees Nooteboom hat noch einmal eine neue Inspirationsoase gefunden. »Es ist kalt und nicht so angenehm, aber sehr schön, und die Nordsee ist sehr wild. Das war eine wunderbare Atmosphäre«, bekannte der niederländische Autor über die westfriesische Insel Schiermonnikoog. Dort und in seiner Zweitheimat Menorca sind die Verse des neuen Gedichtbandes ›Mönchsauge‹ entstanden. Ein Porträt von PETER MOHR

Nooteboom - MönchsaugeIn Zeiten des zusammenwachsenden Europas gewann das Werk von Cees Nooteboom in jüngster Vergangenheit rasant an Bedeutung. Der bekennende Kosmopolit mit Wohnsitzen in Amsterdam (nahe dem Zentralbahnhof) und auf Menorca (dort spielt sein schmaler Roman ›Der Ritter ist gestorben‹) räumt zwar ein, dass es schwierig sei, »sein Leben auf mehrere Länder und damit auch auf mehrere Sprachen zu verteilen«, doch künstlerisch ist ihm dies hervorragend gelungen. Für Nooteboom mischen sich beim Reisen und Erkunden fremder Schauplätze und Kulturen Passion und Profession.

In Deutschland erfreut sich Cees Nooteboom, der heute vor 85 Jahren in Den Haag geboren wurde, ausgesprochen großer Beliebtheit. Vor rund 25 Jahren setzte – nicht zuletzt ausgelöst durch Marcel Reich-Ranickis lobenden Stoßseufzer (»Dass die Niederländer so einen Schriftsteller haben.«) – ein wahrer Nooteboom-Boom ein. In den Niederlanden hingegen steht man dem Autor relativ distanziert gegenüber. Sein verstorbener Schriftstellerkollege Harry Mulisch hatte gar erklärt, dass er nur in Deutschland etwas gelte und in den Niederlanden mit seinen deutschen Verkaufszahlen geworben würde. Was so nicht stimmt, denn auch in den USA stoßen Nootebooms Werke auf ein durchweg positives Echo. Die ›New York Times‹ stellte ihn auf eine Stufe mit Nabokov und Calvino.

Dass Nooteboom in seiner Heimat auf eine vergleichsweise nur geringe Resonanz stößt, liegt vermutlich darin begründet, dass der Autor am allerwenigsten ein typisch niederländischer Schriftsteller ist und durch seine schon in jungen Jahren ausgeprägte Reiselust eher als literarischer Kosmopolit gilt. Schon im Teenager-Alter trampte er nach Belgien. Was dann folgte, war eine unendliche Reise – bis in die entlegensten Winkel aller Kontinente. Trotz seiner großen internationalen Erfolge leidet Nooteboom an der weitgehenden Ignoranz seiner Landsleute: »Ich bin und bleibe ein niederländischer Schriftsteller, der auch im eigenen Sprachraum gewürdigt werden will.«

Ausgedehnte Reisen inspirierten schon seinen ersten Roman ›Philip en de anderen‹ (1955; dt.: Das Paradies ist nebenan, 1958); der mit dem ›Anne-Frank-Preis‹ (1957) ausgezeichnet und in den Schulkanon aufgenommen wurde. »Während jener Reise erlebte ich eine erste Konfrontation mit dem anderen, eine Konfrontation, die ich für den Rest meines Lebens unaufhörlich weiter suchen sollte. Auf dieser Reise muss sie begonnen haben, die Sucht, die mich nie mehr loslassen sollte«, schrieb Nooteboom in seinem 2008 erschienenen Geschichtenband ›Roter Regen‹.

Der Verfasser der bedeutenden Romane ›Allerseelen‹, ›Rituale‹, ›Der Ritter ist gestorben‹ und ›Paradies verloren‹, der einst glühende Verfechter der Europäischen Union, neigt inzwischen zum Skeptizismus. Seine Stimme ist dunkler geworden, in seinen Gedichten ist auffallend oft vom Tod die Rede, und die Zukunft Europas schätzt er arg pessimistisch ein: »Es ist, als ob ein neuer Krieg ausgebrochen sei, wenn man bestimmte Zeitungen liest, ein Krieg gegen den Süden. Ich denke, das könnte sehr gefährlich werden.«

| PETER MOHR
| Titelfoto: Rob Bogaerts / Anefo, Schrijver Cees Nooteboom, Bestanddeelnr 932-7892, CC0 1.0

Lesetipp
Cees Nooteboom: Mönchsauge. Gedichte
Aus dem Niederländischen von Ard Posthuma
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
128 Seiten, 24 Euro

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