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Sprechstunde bei Dr. Acula

Digitales | Games: Vampyr

Nosferatu, Wiedergänger, die blassen Blutsauger am Halse der Jungfrau. Vampire haben einen langen Weg durch die Popkultur hinter sich. Von den gequälten Wesen der Stummfilmperiode über machtvolle Unsterbliche bis zum modernen Glitzer-Vampir im Volvo, der Mädchenherzen verzückt. In Videospielen sind Vampire zwar oft mit dabei, aber selten die Stars. Das aktuell erschienene ›Vampyr‹ ändert das. Zusammen mit einem Bündel Knoblauch schaut FLORIAN RUSTEBERG in den Sarg des Vampir-Genres.

VampyrDie Stadt London bietet eine hervorragende Kulisse für viele düstere Szenarien. Von den finsteren Verliesen des Towers of London, in denen schon Königinnen ihrer Hinrichtung entgegensahen, schrecklichen Katastrophen wie dem großen Feuer von 1666 bis zu finsteren Figuren wie dem fiktiven Dr. Jekyll/Mr. Hyde und dem mysteriösen Jack the Ripper.

Bei Dontnod Entertainment wurde viel größer gedacht. Kein geringerer als der größte Killer der Menschheitsgeschichte spielt die Hauptrolle in ihrer neusten Inszenierung. Nein, die Rede ist nicht von den ebenfalls enthaltenen Vampiren, sondern der spanischen Grippe, die im Herbst 1918 ihr grausames Leichentuch über die Hauptstadt des britischen Empires legte, während sich auf dem europäischen Festland das industrielle Töten des Ersten Weltkrieges dem Ende zuneigt. Der von der Front heimkehrende renommierte Chirurg Jonathan Reid, dessen Rolle der Spieler in ›Vampyr‹ übernimmt, muss nun Schrecken in ungeahntem Ausmaß erleben.

Der Tod ist für ihn erst der Anfang. Achtlos in eins der für die zahllosen Opfer der Epidemie ausgehobenen Massengräber geworfen, erwacht er wieder. Unstillbar ist der Durst, das Verlangen nach Blut. Tragisch, dass nun seine nach ihm suchende Schwester Mary, das erste Opfer des neu geborenen Vampirs Jonathan wird.

Für Schuldgefühle bleibt ihm wenig Zeit, denn bewaffnete Männer wollen »es«, die Bestie, zur Strecke bringen. Auf der Flucht entdeckt der Arzt seine neuen körperlichen Fähigkeiten und die sengende Wirkung des Sonnenlichts. Wir als Spieler entdecken seine Fähigkeiten, sich gegen Widersacher zur Wehr zu setzen.

Den Häschern, dem ersten Schock und natürlich dem gleißenden Sonnenlicht entronnen, gilt es für Jonathan, die Mysterien rund um seine Verwandlung zu ergründen. Auf der Suche nach seinem Erschaffer lernt er neue Verbündete kennen und erfährt, dass London nicht allein unter der Spanischen Grippe leidet. Zugleich sieht man sich mit einer rasant wachsenden Anzahl an Vampiren konfrontiert. Allerdings entwickeln sich nur wenige Individuen zu einem kultivierten Gentleman-Blutsauger wie unser Protagonist.

Diese weniger glücklichen, degenerierten Gestalten durchstreifen nachts vom Blutdurst getrieben die Straßen Londons. Der von ihnen ausgehenden Bedrohung stellt sich eine gut organisierte Vampirjägerorganisation entgegen, die ebenfalls nachts die Straßen patrouilliert und eine Art Heiligen Krieg gegen die diabolischen Blutsauger führt. Schlecht nur, dass Dr. Jonathan Reid nun auch dazugehört. So oder so, Kämpfe lassen sich oft nicht vermeiden. Schnell wird uns als Spieler und ebenso dem Protagonisten selber klar: Wir müssen stärker werden!

Vampyr

Gleichwohl lässt sich das nicht durch schlichtes Bekämpfen von Gegner alleine bewerkstelligen, denn das gewährt nur eine spärliche Menge der für den Charakterfortschritt nötigen Erfahrungspunkte. Ein verlässliches Einkommen an Erfahrung bietet das Abschließen von Handlungsabschnitten oder kleineren Aufträgen. Dennoch fällt es alleine damit schwer, mit der wachsenden Kraft der Gegner mitzuhalten. Die Lösung, die das Spiel bietet, stellt zumindest Jonathan vor ein Dilemma. Das Aussaugen der Londoner Bürger bringt einen großen Schub, auf Kosten derer Leben. Genau das steht jedoch im Widerspruch zu seinem Schwur, nach dem Tod seiner Schwester an keinen Unschuldigen seinen Durst zu stillen. Letztendlich liegt diese Entscheidung in den Händen des Spielers.

Damit sei das Augenmerk nun auf einen wichtigen Bestandteil in ›Vampyr‹ gerichtet, das Bevölkerungsmanagement, wenn man es so nennen möchte. In jedem der vier zugänglichen Stadtbezirke Londons sind nachts je ein gutes Dutzend Anwohner zu treffen, die in soziale Kleinstgruppen unterteilt sind. Im Mittelpunkt steht dort je eine Säulenperson, die großen Einfluss auf das Schicksal der Gegend hat. Tod und Krankheit verschlechtern den Zustand des Bezirkes, bis hin zum totalen Kollaps zum Chaos, nach dem die verbliebenen Bewohner offen feindlich werden.

Es muss also gut ausgewählt werden, welche Personen sich ohne Konsequenzen aussaugen lassen und bei welchen das Verschwinden Folgen hat. Ebenso in Betracht zu ziehen: Opfer, die an Krankheit leiden, bieten weniger Nährwert. Am ertragreichsten für den Gourmet-Vampir sind gesunde Menschen, die wir gut kennen und von denen möglichst viele Details bekannt sind. Das passt perfekt zu Jonathan, der als Arzt Medizin bereitstellen kann und mit den Vampirsinnen vieles mitbekommt, was sonst verborgen bleibt. Trotzdem erweckt dieses Vorgehen eher den Anschein eines Bauern, der sein Vieh pflegt und abwägt, welches zu schlachten ist.

In diesem kleinen Milieu wird das Gefühl vermittelt, dass die eigenen Handlungen sehr wohl Konsequenzen haben können. Im großen Rahmen jedoch enttäuschen die Wahlmöglichkeiten und beeinflussen die Handlung höchstens geringfügig. Die große Qualität des Vampir-Epos findet sich besonders im Kleinen.

Dontnod Entertainment selbst stuft ihr Spiel als »AA-Titel« ein, als Abgrenzung zu den »AAA«-Blockbustern, wie die voll finanzierten, großen Produktionen bezeichnet werden, in deren Produktion zum Teil Hunderte Personen involviert sind. Die Entwickler, die mit dem technisch einfachen, doch liebevoll gestalteten ›Life is strange‹ bekannt wurden, wollen sich abgrenzen. Einerseits von der Konkurrenz mit Dutzenden Millionen Euro Budget, andererseits von der gewaltigen Anzahl kleiner Indie-Spiele, die zu geringen Kosten herausgebracht werden können.

Bei ›Vampyr‹ trifft diese selbst gewählte Bezeichnung/Selbstverständnis sehr gut zu. Zwar wurde ein verzweigtes, düsteres London erschaffen, in dem wir uns fast nahtlos bewegen können, Details sind hingegen meist wenig ansehnlich. Offensichtlich bemerkbar zeigt sich das an Darstellung und Animation der Gesichter und Bewegungen von Personen. Weniger ins Gewicht fällt die Verwendung unansehnlicher Texturen und Detailarmut, die im nächtlichen London von der Dunkelheit gnädig verschleiert wird.

Vampyr

Wenn dann einmal ein neuer Abschnitt geladen werden muss, oder nach dem Ableben der letzte Checkpoint geladen wird, nimmt sich das Spiel viel Zeit dafür. Entgegen der ersten Vermutung wirkt sich der fehlende AAA-Status nicht ausschließlich negativ aus, sondern bietet die Gelegenheit, ohne den strengen Erfolgsdruck, der auf teuren Investitionen lastet, abzuschütteln. Es hat den Luxus sich Zeit zu nehmen, Zeit für die Geschichten der kleinen Leute und ihre Lebensverhältnisse. Statt der perfekt konstruierten Stromlinienform eines modernen Videospiels gibt es Ecken und Kanten.

»Kantig« trifft dabei gut auf den Ablauf der Kämpfe zu. Diese sind einfach zu erlernen, aber nicht zuletzt, weil es ihnen an Tiefgang mangelt. Zudem wird man zu oft von fehlender Übersicht oder dem Hängen bleiben an Hindernissen besiegt. Die Lichtblicke im Kampfsystem sind die zahlreichen Fertigkeiten, die sich bei geschickter Wahl effektiv miteinander verketten lassen. Die Schattenseite ist dementsprechend, dass bei einer schlechten Wahl der Fertigkeiten, oder schlichtweg dem Mangel an nötigen Erfahrungspunkten, die eingesetzten Techniken größtenteils wirkungslos bleiben.

Ist nun ›Vampyr‹ das wahre Vampir-Action-Rollenspiel mit dem richtigen Biss? Zum einen wird es für diejenigen Interessierten, die sich eine große Nähe zu den Vampir-Rollenspielen der ›The Masquerade‹-Serie erhoffen, eher für Ernüchterung sorgen. Zu gering sind die spielerischen Freiheiten und zu eingeschränkt die Interaktionsmöglichkeiten mit NPCs. Begeistern kann das Spiel um den approbierten Vampir Jonathan Reid mit seiner frischen Geschichte und dem Spaß, den es macht, den kleinen Alltagsgeheimnissen seiner Mitbürger auf die Schliche zu kommen. Zusammen mit den eher durchschnittlichen Spielmechaniken ergibt sich daraus ein gutes Videospiel mit leichten Schwächen. Es ist weder Fleisch noch Fisch, sondern Blutwurst.

|FLORIAN RUSTEBERG

Hat gefallen
  • Stimmige, düstere Atmosphäre
  • Interessante NPC-Charaktere
  • Geschichte
Hat nicht gefallen
  • Optisch oft zu simpel
  • Kampfsystem mittelmäßig
  • Nur englische Vertonung
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Titelangaben
Vampyr
Dontnod Entertainment
erhältlich für Playstation 4, XboxOne, PC.

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