Betäubung und Rausch

Lyrik | Jan Wagner: Guerickes Sperling

Jan Wagner macht unbeirrt dort weiter, wo er mit seinem Lyrik-Erstling ›Probebohrung im Himmel‹ aufgehört hat und verwandelt unter der Hand Alltägliches in Ungeheuerliches. Von LARS REYER

Wagner - Guerickes SperlingIm letzten Herbst fungierte Jan Wagner, zusammen mit Björn Kuhligk, als Herausgeber der bei DuMont erschienenen und viel beachteten Gedichtanthologie ›Lyrik von JETZT‹. Die darin versammelten vierundsiebzig Stimmen der jungen und nicht mehr ganz so jungen deutschen Dichter sollten weniger einem dirigierten Orchester denn einem selbst organisierten Ensemble gleichen.

Die unterschiedlichen Tonlagen und Stimmungen sollten aufzeigen, in welchen (Traditions-) Linien und Spielräumen sich die Gedichte der jüngeren Lyrikergeneration bewegen. Dass dieses Unternehmen der Vielstimmigkeit mehr oder weniger zu einem großen Unisono geriet, ist sowohl den Herausgebern als auch den Autoren anzulasten – oder eben auch nicht, denn schließlich kann man nur schreiben, was die Zeit, die Epoche hergibt. Und nur was vorhanden ist, lässt sich auch veröffentlichen. Die ungeschriebenen Gedichte gehen selten in Druck.

Sog der Sprache

Nun liegt mit ›Guerickes Sperling‹ der zweite eigenständige Gedichtband Jan Wagners vor. Der im Jahre 2001 erschienene Vorgänger ›Probebohrung im Himmel‹ rief bei der Kritik allgemeines Wohlwollen hervor und der Autor, dessen perfekte Beherrschung des literarischen Handwerkszeugs und der verschiedensten Stillagen Bewunderung fand, wurde sogleich als »neuer Götterliebling auf dem lyrischen Königsweg« apostrophiert.

Schon wird man hellhörig, denn was als Lob gemeint ist, könnte sich nur allzu schnell in eine Last verwandeln. Doch Wagner macht da weiter, wo er aufgehört hat. Man könnte sagen: unbeirrt. Zu den Stärken dieses Autors gehört sicherlich sein Sinn für den geraden Weg, den er, einmal eingeschlagen, so schnell nicht wieder verlassen zu wollen scheint.
Und tatsächlich findet man im neuen Band vieles von dem, was im vorherigen bewundert und beklatscht wurde. Wie z.B. die Alltäglichkeiten, die sich unter der Hand in Ungeheuerliches auswachsen, wenn es etwa am Ende des Gedichts »Vorsaison« heißt:

»… oh das fließband/ am flughafen, oh die kreisenden taschen/ der golfer, stolz und schwer wie sarkophage.«

Der Autor besitzt ein unzweifelhaftes Gespür für Szenerien, er öffnet leichthändig und mit einer Sprache, die ihm völlig untertan ist, Räume, die man als Leser so bald nicht wieder verlassen möchte. Und man kann sie auch gar nicht mehr verlassen, denn einmal im Sog, liest man immer weiter.

Verführt und vorgeführt

Der gewissermaßen betäubende Effekt, der von den Gedichten ausgeht, ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Nicht mit geschärften Sinnen und erhöhter Aufmerksamkeit liest man, eher wird man getragen, man rutscht in einen Rausch hinein und erwacht am Schluss mit dem unheimlichen Gefühl, verführt und auch ein wenig vorgeführt worden zu sein.

Doch was ist so schlimm an Verführung, an Vorführung? Es kommt auf die Mittel an, die benutzt werden, um diese Effekte zu erzielen. Und so macht sich – nach mehrmaliger, aufmerksamer Lektüre – ein stilles Pathos bemerkbar, das sich als Patina über beinahe alle Gedichte des Bandes legt.

Vielleicht tragen die häufig (und für manch einen wohl zu häufig) auftretenden Genitiv-Metaphern – ein altes Thema im Lyrikdiskurs – zum pathetischen, rauschenden Grundton bei. Vielleicht holen die des öfteren statt Metaphern gesetzten Wie-Vergleiche manches Mal zu weit und groß aus. Letztendlich muss das unter den allseits beliebten Geschmacksfragen verbucht werden.

Was vor allem aber bleibt, ist die verblüffende Formbeherrschung des Autors. Ob er sich in freien Rhythmen austobt, ob er dem fünfhebigen Jambus frönt, ob er dem japanischen Haiku eine Gestalt in der deutschen Sprache zu geben versucht: er bleibt immer sicher und zugleich unbeschwert. Und so ist es nur folgerichtig, dass im Zentrum des Buches ein ›Görlitz‹ betitelter Sonettenkranz seinen Platz gefunden hat, der mit der beeindruckenden Strophe anhebt:

»’das haus des letzten henkers, steht noch heute/ in manchem buch, sei einer jener orte/ der ruhelosigkeit, die eingangspforte/ so kalt, daß selbst der frost sie nicht durchschreite …’.«

| LARS REYER

Titelangaben
Jan Wagner: Guerickes Sperling
Gedichte
Berlin: Berlin-Verlag 2004
72 Seiten, 16 Euro
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