/

»Gute Rezensionen tun deutschen Dichtern not«

Lyrik | Kurzprosa | Mascha Kaléko: Sämtliche Werke

Jutta Rosenkranz gibt Sämtliche Werke und Briefe von Mascha Kaléko heraus. Eine Besprechung von FLORIAN WELLE
696500284
»Verboten, verfemt, vertrieben« hat die Literaturwissenschaftlerin Edda Ziegler ihr Buch über Schriftstellerinnen betitelt, deren Karrieren von den Nazis zerstört wurden. Viele von ihnen sind so gut wie vergessen, etwa die Wienerinnen Gina Kaus und Hermynia Zur Mühlen. Den Namen der Lyrikerin Mascha Kaléko hingegen kennen die meisten Leser noch heute.

Die bei Rowohlt verlegten Gedichtbände Das lyrische Stenogrammheft (1933) und Kleines Lesebuch für Große (1934) begründeten einst Kalékos Ruhm als weibliche Stimme der Neuen Sachlichkeit. Sie sind in vielen Bücherregalen zu finden, werden häufig verschenkt und, so ist zu hoffen, auch gelesen. Gleichwohl steht das Schicksal der 1907 im west-galizischen Chrzanów geborenen, seit 1918 dann in Berlin lebendenden jüdischen Autorin exemplarisch für eine große Zahl an Literaten, die zwar davongekommen sind, allerdings: für immer beschädigt.

Hermann Kesten als »erster« Rezensent

Kaléko emigrierte 1938 mit ihrem zweiten Mann Chemjo Vinaver und dem zwei Jahre alten Sohn Steven in die Vereinigten Staaten, nach dem Krieg gelang es ihr nur mit Mühe an frühere Erfolge anzuknüpfen: »Inzwischen bin ich viel zu viel gereist / Zu Bahn, zu Schiff, bis über den Atlantik / Doch was mich trieb war nicht Entdeckergeist / Und was ich suchte, keineswegs Romantik“ lautet die erste Strophe des Gedichts »Post Scriptum. Anno fünfundvierzig«, geschrieben in New York, veröffentlicht unmittelbar nach dem Krieg in dem Band »Verse für Zeitgenossen«. Er erschien zunächst nur in Amerika.

Hermann Kesten besprach die Exil-Gedichte in einem Artikel für den Aufbau begeistert, und Mascha Kaléko antwortete in einem Brief an den Schriftsteller: »Gute Rezensionen tun deutschen Dichtern not: kein Buchladen, kein Schaufenster. Was das heisst, spuer ich taeglich.« Erst als die Verse für Zeitgenossen 1958 in einer überarbeiteten Form auch in Deutschland (wieder bei Rowohlt) erschienen, erreichte Kaléko erneut eine breitere Leserschaft. Allerdings entfernte man in der deutschen Ausgabe vorsorglich die Gedichte »Bittgesuch an eine Bombe«, in dem sich die Dichterin einst wünschte, die amerikanischen Bomben mögen die rechten Ziele in Nazi-Deutschland treffen, sowie »Höre, Teutschland«. Es schloss mit den Zeilen: »Wie hass ich euch, die mich den Hass gelehrt.«

Das meiste, was wir heute über das bewegte Leben der Mascha Kaléko wissen, verdanken wir Jutta Rosenkranz. Ihre Biographie von 2007 war ein großer Erfolg und rückte die Lyrikerin einmal mehr ins literarische Bewusstsein. Das Buch basierte auf der sorgfältigen Einsicht des gesamten Nachlasses, nun kann der interessierte Leser selbst in diesem stöbern und sich eigene Schneisen durch Leben und Oeuvre dieser Dichterin des heiter-melancholischen Tonfalls schlagen: »Ich war ein kluges Embryo / Ich wollte nicht auf die Welt.«

Die vierbändige Ausgabe Sämtliche Werke und Briefe, die Jutta Rosenkranz dankenswerter Weise erarbeitet hat, umfasst neben den zu Lebzeiten veröffentlichten Büchern auch all die anvisierten Projekte der Mascha Kaléko sowie ihre weit verstreuten Zeitungsartikel und Anthologiebeiträge. Dazu bietet sie die Möglichkeit, sich in zwei dicke Bände mit Briefen (häufig im englischen Original mit deutscher Übersetzung) zu vertiefen, dies alles ergänzt durch Fotos und einen ebenfalls voluminösen Kommentarband. Dort stößt man unter anderem auf die erwähnte Buch-Besprechung Hermann Kestens samt Kalékos Antwort.

Großstadt Berlin und Emigration

Die entscheidenden Stationen und tragischen Wendepunkte von Mascha Kaléko sind bekannt: der frühe Erfolg als schnoddrige Lyrikerin der Großstadt Berlin, der Gang in die Emigration, die emotional schwierige erste Deutschland-Reise 1956. Sowie 1959 die Zurückweisung des Fontane-Preises der Berliner Akademie der Künste wegen Hans Egon Holthusens (damals Direktor der Abteilung für Dichtung) langjähriger Mitgliedschaft bei der SS und die Übersiedlung nach Jerusalem noch im selben Jahr. Nicht zuletzt der Schlag, den 1968 der plötzliche Tod des innig geliebten Sohnes Steven bedeutete. Ihn sollten die Eltern zeitlebens nicht verschmerzen. Chemjo stirbt 1973, Mascha Kaléko erliegt 1975 einem Krebsleiden.

Auch wenn man um diese Eckdaten weiß: Mitzuverfolgen wie sich anhand des Briefkonvoluts (als Adressaten seien neben Familie und beruflichen Kontakten nur genannt: Kurt Pinthus, die Kestens, Ingeborg Drewitz) sukzessive ein Leben vor uns aufblättert, ist etwas anderes. Tiefergehendes. Seite für Seite entsteht eine persönliche Beziehung mit der Dichterin. Viel trägt dazu auch ihr Schreibstil bei, der, wie die Gedichte, zwischen ironischem Spott und leiser Verzweiflung changiert – häufig flicht Kaléko, die Nonsens-Gedichte über alles liebte, Sprachspiele ein, berlinert ganz gehörig. Nicht zuletzt erzählt der Schriftverkehr exemplarisch ein deutsch-jüdisches Autoren-Schicksal im 20. Jahrhundert. Ersetzt mithin unzählige Literaturgeschichten. Ist selbst Literaturgeschichte.

Am 8. Januar 1956 tippt Kaléko ihren ersten Brief »auf deutschem Boden« seit der Emigration in die Maschine. Sie ist nach Deutschland gereist, um dort wieder als Autorin zu reüssieren und sich selbst ein Bild von dem Land zu machen, das sie vertrieben hatte. Es ist ein langer Brief, den sie aus Hamburg an Chemjo schreibt. Wie nimmt Sie die alte Heimat wahr? »Die Landschaft und die Baeume haetten mir an sich wohl getan, aber sie taten mir auch sehr weh«, heißt es an einer Stelle. An einer anderen: »Die erste Begegnung mit deutschen Beamten war mir unheimlich. Details spaeter, ich bin nicht imstande, das jetzt zu beschreiben.« Und über ihr geliebtes Berlin, in das sie im März reist, notiert sie: »Berlin ist erschuetternd. Kaputt bis auf Ku-Dumm und Tauentzien, die schoener sind als 5th Ave – fuer meinen Geschmack.«

Wie sehr Mascha Kaléko die Wiederbegegnung mit Deutschland umtrieb, lässt sich daran sehen, dass sie in keinem anderen Jahr so viele Briefe geschrieben hat wie 1956: Gut 400 Seiten nehmen sie ein! Mehr hat die Dichterin nur noch der Tod von Steven beschäftigt. Immer wieder kommt sie in den Briefen auf ihn zu sprechen. Das einzige Gedicht, das sie 1969 verfasste, ist dem Sohn gewidmet: »Elegie für Steven«. Es erschien damals nur in einer hebräischen Übersetzung, auf Deutsch ist es erst jetzt zu lesen. Die Anfangszeile: »Kein Wort vermag Unsagbares zu sagen.«

| Florian Welle

Titelangaben:
Mascha Kaleko: Sämtliche Werke und Briefe
Herausgegeben und kommentiert von Jutta Rosenkranz – 4 Bände
München: dtv 2012
ca. 4000 Seiten. 78.- Euro

Mascha Kaléko in TITEL-Kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Deutungshoheit über »Verschwörungen«

Nächster Artikel

Minnedienst oder Heulen im Wind

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Ohnmacht

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ohnmacht

Nein, da könne der Mensch nicht mithalten.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika reichte ihm die Schale mit Sahne.

Wir seien machtlos, sagte sie, der Mensch sei schwach, aber scheue nicht zurück vor großen Worten, er plustere sich auf, er tue sich wichtig, im Parlament verweise er stolz auf seinen milliardenschweren Etat, der jedoch nicht ausreichen werde, wenigstens die drängendsten Infrastrukturmaßnahmen einzuleiten.

Das sei die Lage der Dinge. Tilman lächelte, er halte Sonntagsreden, betreibe eine Schönwetterpolitik.

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

Keineswegs, nein, Eldin machte sich keinen Kopf deswegen, weshalb auch, sein Leben war geordnet, er war der Erste Maat auf Scammons Boston, die schmerzende Schulter mochte ärgerlich sein, doch sie schuf keine neuen Fakten, er hatte sich sogar, wer hätte das geahnt, an die Abende mit der Mannschaft gewöhnt, saß jedesmal schweigend da, legte ab und zu einen Scheit Holz ins Feuer, gab sich unbeteiligt, und die Mannschaft gewöhnte sich an seine Anwesenheit.

Scammon hockte in seiner Kajüte, brütete über seinen Aufzeichnungen und kümmerte sich selten um das Tagesgeschäft.

Sie hatten, wie es schien, alle Zeit der Welt, die Ojo de Liebre war ein Idyll, der Alltag in der Stadt dagegen war lebensgefährlich, und dennoch, das Nichtstun setzte ihnen zu, gut eine Woche war es her, daß sie sich Verletzungen zugezogen hatten, die meisten waren ausgeheilt, und nun, Eldin nahm es aufmerksam wahr, begannen die ersten, die Tage zu zählen

Brüche, Lücken, Zerfall

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Brüche, Lücken, Zerfall

Der Karttinger werde es recht sein, sagte Wollmann.

Nichts, sagte Nahstoll und winkte ab, kein Problem.

Farb hatte am Vormittag ein Blech Pflaumenkuchen gebacken und tat sich eine Schnitte auf.

Das Haus in der Vendée sei ihre Zuflucht, sagte Setzweyn, ihr Rückzugsort, und es sei absolut verständlich, daß sie peinlich genau achtgebe, wen sie als Besucher einlade.

Sie meide schon das geringste Licht von Öffentlichkeit, sagte Wollmann.

Schwierig, widersprach Nahstoll, ihr Verhalten sei aller Ehren wert.

Betriebsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Betriebsam

Ob sie noch schreibe, wollte Farb wissen.

Anne zögerte zu antworten und griff nach einem Keks.

Oder sei das zu persönlich gefragt.

Keineswegs, nein, wehrte sie ab, im Gegenteil, das sei ein Thema, das sie sehr beschäftige.

Tilman blickte auf.

Farb schenkte Tee nach.

Es war später Nachmittag, Regen schlug gegen die Scheiben.

Im Kamin flackerte künstliches Feuer.

Gewiß, sagte sie, sie schreibe nach wie vor, nur seien die Umstände schwierig, der literarische Markt rotiere mit atemberaubendem Tempo, vergeblich suche man schrittzuhalten, wöchentlich würden neueste Hitlisten präsentiert.

Erfolg II

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Erfolg II

Ein glückliches Leben, fragte Farb, wie er das verstehen solle.

Oder erfolgreich, sagte Wette, solle man das vielleicht an der Anzahl der Pokale erkennen.

Undenkbar, sagte Annika und lachte.

Eine Freundin, Elke, sagte Wette, habe nach dem Studium einige Jahre lang Biologie auf einer Insel in Ostfriesland unterrichtet, sei dann zu einer privaten Fernsehanstalt in die Großstadt gewechselt, habe dort als Programmdirektorin gearbeitet, sie habe nichts ausgelassen, so sage sie selbst, ein Haus auf Mallorca, ein Pferd, sei stets im Mittelpunkt des Geschehens, verheiratet, geschieden, sie sei Anfang sechzig, und der Prozeß infolge der Scheidung sei noch immer anhängig, nennen wir das nun, frage er sich, ein erfolgreiches, ein glückliches Leben, nein, er wisse das nicht.