Adaption und Orient

Comic | Tod auf dem Nil / Gilgamesch

Eine aus dem Orient stammende und eine dort angesiedelte Geschichte, die beide als Comic adaptiert wurden: Gilgamesch und Tod auf dem Nil. Ob die Comic-Landschaft durch diese beiden Titel bereichert wird? CHRISTIAN NEUBERT hat nachgesehen.

Mit der Übertragung eines erzählenden Werks in ein anderes Medium ist das ja so eine Sache: Kenner des Originals sind von der Adaption meistens enttäuscht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen – es gibt eine Vielzahl sehr gelungener Adaptionen. Über die filmische Umsetzung von Der Pate hat es zum Beispiel geheißen, sie sei besser als die Romanvorlage. Auch Agatha Christies Tod auf dem Nil wurde bereits als Film umgesetzt. In diesem glänzt Sir Peter Ustinov als schrulliger Detektiv Hercule Poirot. Nun liegt bei Knesebeck eine Comic-Adaption des Kriminalromans in deutscher Sprache vor.

Hürden und Grenzen

Tod auf dem NilDer Comic offenbart sehr schnell, worin die Schwierigkeiten einer Adaption liegen können. Sie bestehen im Unvermögen, dasjenige, was das Original ausmacht, in ein anderes Medium einfließen zu lassen. Es gilt, die Seele des Originals zu bewahren. Die Handlung von Agatha Christies Krimi Tod auf dem Nil lebt von seinem liebevoll ausgestalteten Personeninventar. Es sind die Abgründe und Intrigen der Figuren, die die Spannung des Falls ausmachen und der Erzählung als solche eine Seele verleihen. Bei der Comicadaption ist davon aber leider nicht viel übrig.

Dies ist wohl hauptsächlich dem Format geschuldet: François Rivière und Solidor haben ihre Umsetzung in das enge Korsett eines klassischen 48-seitigen Albums gequetscht. Den Kriminalfall haben sie dabei auch gut untergebracht, es aber leider versäumt, den Figuren ihren nötigen Raum zu gestatten. Daraus resultiert zum einen, dass die an sich geschickt konstruierte Handlung eher an einem vorbeigeht als zu fesseln. Zum anderen tut man sich als Leser auf die Dauer etwas schwer, im Kreis der Handlungsträger durchzublicken.

Letzteres hätte man vielleicht auf der graphischen Seite lösen können. Leider sehen sich die Figuren aber alle recht ähnlich. Dennoch ist dieses Manko eher dem Autor und nicht dem Zeichner zuzuschreiben. Immerhin verleihen die Ligne-Claire-Optik und vor allem die Kolorierung dem Band eine wirklich schöne, zum Inhalt gut passende Atmosphäre inklusive orientalischem Flair, aber das vom Format des Comics eingeforderte Tempo lässt die Handlung einfach zu schnell an einem vorbeirauschen. Das Ergebnis kann sich zwar sehen lassen, ist aber zu leblos, um wirklich mitreißen zu können. Was z.B. im Falle von Kafkas Die Verwandlung (ebenfalls im Album-Format, ebenfalls bei Knesebeck) funktioniert, haut hier nicht besonders gut hin.

Während der Comic zu Tod auf dem Nil also nicht sehr anregend ist, kommen wir nun zu etwas, über das man sich ungemein aufregen kann: Burkhard Pfisters Adaption des Gilgamesch-Epos. Dieses Epos ist der älteste uns bekannte Text der Menschheitsgeschichte. Er erzählt vom Leben des sagenhaften Herrschers der Stadt Uruk in Mesopotamien.

Unvermögen und Willkür

GilgameschPfister brüstet sich in der dem dicken Wälzer beiliegenden Broschüre, über 400 Bilder angefertigt zu haben, um das Epos im Stil einer Graphic Novel zu inszenieren. Nur: Wer sich als Comic-Zeichner versuchen möchte, kommt eben nicht um das Zeichnen herum – so what? Wo ist denn da die Überraschung?

Die Überraschung liegt darin, dass die Bilder über weite Strecken äußerst willkürlich gewählte Motive zeigen. Neben Zeichnungen, die das Geschehen entweder in der Optik eines schwarz-weißen Sandalenfilms oder wie in Stein gehauen abbilden, mischen sich Bilder von Recken in Basketballtrikots oder solche, die den Held am Tresen sitzend vor einem vollen Aschenbecher zeigen. Das vermittelt keine Zeitlosigkeit, das ist eine Kapitulation vor dem Sujet. Dem Leser einen Aktualitätsbezug mit Gewalt eintrichtern zu wollen, hat sich noch nie wirklich bewährt.

Neben diesem Ärgernis zeugt Gilgamesch nicht gerade von dem Vermögen seines Machers, eine Bildgeschichte inszenieren zu können. Auch wenn sie als eine solche ausgewiesen wird – eine Graphic Novel ist Pfisters Version von Gilgamesch nicht. Die aneinandergereihten Zeichnungen treiben keine Handlung voran. Sie stehen in keinem narrativen Zusammenhang, sie illustrieren lediglich den Text.

Natürlich ist das an sich kein Problem – zum Problem wird es nur, wenn, wie es hier der Fall ist, uninspirierte Bilder sinnentleert neben den Texten stehen. Da fragt man sich dann schon, was das Ganze soll. Daneben wundert man sich noch, wie lieblos die einzelnen Bilder auf den 358 Buchseiten mit den Sprechblasen und Textpassagen montiert sind. Im Vergleich zu dieser editorischen Leistung wird ein beliebiger Werbeprospekt eines beliebigen Lebensmittel-Discounters zum Design-Objekt.

Man wird den Verdacht nicht los, dass hier ein Marketing-Begriff hergenommen wurde, um ein fragwürdiges Projekt mit einem Etikett zu versehen. Doch indem man dieser mit Bildern illustrierten Geschichte das Logo Graphic Novel als Verkaufsargument vorausschickt, findet keine Aufwertung statt – sie bleibt trotzdem, wie sie ist. Das Spannendste an diesem Werk ist tatsächlich die beiliegende Broschüre.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
François Rivière (Adaptation) / Solidor (Zeichnungen): Tod auf dem Nil
(Death on the Nile). Aus dem Französischen vom Kai Wilksen
München: Knesebeck 2011
48 Seiten. 16,95 Euro

Burkhard Pfister (Idee und Zeichnungen)/Ursula Broicher (Text): Gilgamesch
Halle: Projekte-Verlag 2011
358 Seiten. 29,50 Euro

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