Nicht einmal mehr Bienen sind noch das, was sie waren

Sachbuch | Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen

Es gibt so Themen, die dümpeln. Kennen Sie das? Sie liegen herum, irgendwo im Brackwasser, jeder weiß, dass es sie gibt, seit Jahren schon, doch niemand kümmert sich, oft aus Bequemlichkeit. Man könnte sich schmutzig machen, und wer weiß, man könnte schlafende Hunde wecken – wer will das schon? Von WOLF SENFF

KriegsmaschinenRichtig, es geht um »Drohnen«. Ach, was für ein unverdächtiges Wort. Bienenstöcke sind neuerdings trendy in den Metropolen, auf Dachgärten werden sogar Bienenvölker gehalten. Schon gut, nicht einmal mehr unsere Bienen sind noch das, was sie mal waren. Aber »Drohne«? Sprache wird dienstbar als geschmeidige Verpackung, wir kennen das längst. Auf diese Weise wird dem Bären eine Pelzmütze verkauft und dem Buckelwal Schwimmflügel. Also um was geht’s?

In der von Florian Rötzer edierten Reihe telepolis erscheint die von Hans Arthur Marsiske herausgegebene Textsammlung Kriegsmaschinen. Roboter im Militäreinsatz, und damit wird das Thema nüchtern beim Namen genannt. Gelegentlich entsteht tatsächlich der Eindruck, die Medien hierzulande befänden sich im Zustand tiefer Dröhnung und nähmen nicht wahr, was real auf diesem Planeten geschieht. Seit den ersten Drohneneinsätzen in Afghanistan im Februar 2002 und im Jemen im November 2002 sind aus der Handvoll Drohnen, mit denen die USA ihre Kriege in Afghanistan und im Irak eröffneten, weit über zehntausend dieser automatischen Systeme im ständigen Einsatz.

Brummende Roboter segeln durch den Himmel, und niemand schläft. Dorfbewohner geben ihr weniges Geld für Tabletten aus; nachts schlucken sie Beruhigungsmittel und am Morgen nehmen sie Antidepressiva. Sie fegen alle paar Stunden ihre Zimmer und Hinterhöfe im Versuch, ihre Häuser von Mikrochips zu säubern. […] Jeder Faden ist suspekt, jeder kleine Staubhaufen. […] So leben die Menschen in Stammesgebieten in Pakistan unter den starren Augen der US-Predator-Drohnen.

So beschreibt der kanadische Auslandskorrespondent Graeme Smith im Jahr 2010 das Alltagsleben in Waziristan. Schnarcht unsere Presse, die gern so weltläufig auftritt? Dauertiefschlaf? Koma? Habe ich in der Zeitung, die uns BILDet, die Schlagzeile DROHNEN TERRORISIEREN DORFBEWOHNER WAZIRISTANS nur übersehen? Heißt es nicht bei SPRINGER stets: »Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen«? Oder ist das auch schon wieder von gestern?

Hans Arthur Marsiske stellt in diesem Band sehr gewissenhaft ausgewählte, vielseitige Texte zusammen, so etwa ein Gespräch mit Rafael Capurro über das Foto aus dem Situation Room des Weißen Hauses anlässlich des Angriffs auf Osama bin Laden. Mit Hilfe der Drohne – bei Bin Laden noch nicht eingesetzt – werden in zukünftigen Kriegen »nicht nur der oberste Kriegsherr, sondern auch die Soldaten selbst zu Beobachtern, höchstens zu Kontrolleuren mutieren.« Roboter, die »autonom« über den Einsatz tödlicher Waffen entscheiden, erwartet das US-Militär in zwanzig bis dreißig Jahren (Ronald C. Arkin).

Die Möglichkeiten, Robotsysteme zwecks Kriegführung und Herrschaftssicherung einzusetzen, sind immens, die Systeme können groß wie Schiffe sein oder klein wie Insekten, an alles ist gedacht. Wie Florian Rötzer in seinem Beitrag zeigt, lässt sich recht pragmatisch darstellen, was auf uns zukommt, sowie: es sei »ein Wunder, dass Terroristen sich bislang noch nicht kleiner Drohnen bedient haben«. Diese Systeme wirken sich, wie Rafael Capurro darstellt, auch auf die Selbstwahrnehmung des Menschen und sein Verhältnis zu Natur und Technik aus.

Der vorliegende Band beleuchtet das Thema aus der Perspektive von Sozial- und Naturwissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern. Er zeigt, wie notwendig es ist, die unkontrollierte Dynamik des neuen Rüstungswettlaufs in die öffentliche politische Diskussion einzubringen (ACHTUNG! DEUTSCHE MEDIEN! THEMA!!!). Er liefert wichtige Gründe dafür, diese Spirale politischer Kontrolle zu unterwerfen. Lesenswert.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Hans Arthur Marsiske (Hg.): Kriegsmaschinen
Roboter im Militäreinsatz
Hannover: Heise 2012
245 Seiten. 18,90 Euro
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