Wertvolle Einblicke

Sachbuch | Tim Weiner: FBI

Nach seinem mehrfach preisgekrönten und von Kennern der Materie bestaunten Buch CIA. Die ganze Geschichte (2007, dt. 2008) hat sich Tim Weiner ein weiteres »Sicherheitsorgan« vorgeknöpft, das zuverlässig für Amerikas schlechten Ruf – nicht zuletzt dank Hollywood in aller Welt – sorgt. Jetzt ist FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation auf Deutsch erschienen. Von PIEKE BIERMANN

Tim Weiner - FBIFBI? Sind das nicht diese stets anmaßenden und meist trotteligen Herren mit Schlips, Hut und Anzug, die unseren braven, sympathischen Fernsehserien-Cops dauernd ins Handwerk pfuschen? Ach ja, und Kevin Costner, ähm: Eliot Ness, der in grauer Prohibitionsvorzeit mal Al Capone zur Strecke gebracht hat, in dieser »Armani-Oper«, The Untouchables? Und hatte dieses Federal Bureau of Investigation nicht mal so einen undurchsichtigen ewigen Boss, der im rosa Tutu durchs Büro gehüpft sein und heimlich mit seinem Sekretär rumgekramt haben soll oder so? J. Edgar Hoover – nach außen homophob bis zum Anschlag, Kommunistenfresser, Rassist? FBI ist jedenfalls traditionell ein Akronym für hochdubiose Polizeiarbeit. Aber die wenigsten – auch in den USA – wissen genau, was von dem Image stimmt und was blühende Legenden sind. Damit hat Tim Weiner, der schon 2007 der CIA systematische Inkompetenz und Schlamperei und ein »Vermächtnis aus Schutt und Asche« nachgewiesen hatte, jetzt gründlich aufgeräumt.

»Das FBI verdankte seine Entstehung der dreisten Missachtung aller rechtlichen und verfassungsmäßigen Gepflogenheiten.« Mit dieser nüchternen Feststellung eröffnet Weiner seine neue brillante Megareportage, um danach in knapp 600 Seiten langer ebenso nüchterner, faktenberstender Prosa plus 100 Seiten Anhang haarklein zu belegen, dass es sich von diesem Geburtsfehler in den gut 100 Folgejahren nie mehr erholt hat. Im Gegenteil: Das FBI hat von Anfang an als de facto illegale Geheimpolizei operiert und »über Jahrzehnte hinweg der nationalen Sicherheit vornehmlich durch Rechtsbeugung und Rechtsbruch gedient.« Und tut das bis heute, ohne Rechtsgrundlage, also auch ohne Kontrolle durch die Organe der verfassungsgemäßen checks & balances, nur gedeckt durch das Versprechen des jeweiligen – auch des liberalsten – Präsidenten, über Legalität und Legitimität zu wachen.

Die amerikanische Art, unamerikanisch zu sein

Ein niederschmetterndes Fazit für einen Staat, der sich weltweit als leuchtendes Vorbild für Demokratie und Freiheit empfiehlt. Den Keim gelegt hatte 1908 der republikanische Präsident Theodore Roosevelt. Er befahl 1908 seinem Justizminister Bonaparte den Aufbau einer hauseigenen Ermittlungsabteilung. Die hätte von Kongress und Senat genehmigt werden müssen. Der Kongress lehnte jedoch strikt ab und verbot alle Geldmittel dafür. Eine zentrale Geheimbehörde wie im zaristischen Russland, die die eigenen Landsleute bespitzelt? Nicht im Land der freien Bürger, das ist schlicht unamerikanisch. Justizminister Bonaparte ignorierte das Verbot, trickste, lieh und bettelte sich einen Etat zusammen und gründete ein Bureau of Investigation mit 34 special agents. Roosevelt hatte vor allem eine frühe Art von Umweltschutz im Sinn und kriminelle Rohstoffspekulanten, die sich die endlosen unerschlossenen Flächen des Landes zur Beute machten und ganze Landschaften zerstörten, im Visier.

Als ehemaliger Polizeichef von New York hielt er die nationale Sicherheit jedoch auch anderweitig für gefährdet – durch das, was als »politisch radikales« Treiben galt. Insbesondere wenn praktiziert von alien enemies: Anarchisten, Sozialisten, rebellischen Arbeiter, die aus verschiedenen Verfolgungssituationen in Europa in die USA kamen und für Unruhe sorgten. In der Tat, es waren wilde Zeiten um die Jahrhundertwende, in Amerika und anderswo. Es wurde gestreikt, sabotiert, auch spioniert. Aber in Amerika sammelten auch inzwischen die unterschiedlichsten Behörden insgeheim Dossiers über alles und jede/n, und die neue Geheimpolizei nutzte sie gern: für Massenverhaftungen, Internierungen und Schikanen aller Art.

Spannung zwischen bürgerlicher Freiheit und nationaler Sicherheit

Freiheit versus Sicherheit ist das essentielle Dilemma demokratischer Staaten. Hier hatte im Namen der Sicherheit die Freiheit verloren. Gut möglich, dass die liberalen politischen Kräfte in den USA das bald gecheckt und wieder ausbalanciert hätten. Wäre da nicht ein historischer Zufall, der zwei Arten Paranoia ineinanderwuchern ließ: die individuelle des blutjungen Juristen J. Edgar Hoover und die durch den Ersten Weltkrieg und die russische Revolution verschärfte kollektive Paranoia. Der hochintelligente und bienenfleißige Hoover machte ab April 1917, dem Kriegseintritt der USA, stetig Karriere, wurde 1924 Direktor des nunmehr Federal Bureau of Investigation genannten Apparats und prägte ihn bis 1972 durch tobsüchtigen Hass, Geheimniskrämerei und Konkurrenz gegen jede andere Behörde. Dank neuer Quellen und Zugang zu alten, lange juristisch umkämpften Unterlagen kann Weiner diesen Mann endlich auf den Boden der Realität holen. Er geht dabei sehr gerecht vor, rückt das Image des Schwulenhassers aus verklemmter, verleugneter Homosexualität zurecht, redet weder seinen antisemitischen noch antischwarzen Rassismus noch seine Phobie gegen alles »Linke« klein, lässt aber auch nicht unter den Tisch fallen, dass Hoover auf Befehl des demokratischen Präsidenten Johnson den KuKluxKlan kaputthaut.

Weiner psychologisiert und spekuliert nicht. Er erzählt die politischen und historischen Kontexte immer mit und bietet Nicht-Amerikanern wertvolle Einblicke in »amerikanische Mentalität«: Wie tief »Dealen« im US-Justizsystem verankert oder wie alt die enge Verzahnung privater und staatlich organisierter »Sicherheit« ist, zum Beispiel, und dass Gewalt traditionell als eine Option wie andere auch empfunden wird. Er begründet zudem plausibel seine Einschätzung, dass nach dem 11. September 2001 ein anderer Geist ins FBI eingezogen sei. Ob er damit recht behält, wird sich zeigen. Weiners größtes Verdienst aber ist, dass er nie die Spannung zwischen bürgerlicher Freiheit und nationaler Sicherheit aus den Augen verliert. Und bei vielen der zitierten Politikersprüche verschlägt es einem den Atem: Sie könnten wortwörtlich von heute sein.

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 14. Juni 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht.

| PIEKE BIERMANN

Titelangaben
Tim Weiner: FBI. Die wahre Geschichte einer legendären Organisation
Aus dem Amerikanischen von Christa Prummer-Lehmair, Sonja Schuhmacher und Rita Seuß
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2012. 695 Seiten. 22,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Oper des 20. Jahrhunderts schlechthin

Nächster Artikel

Metaller vom anderen Kontinent

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Massenmörder aus der Gesellschaftsmitte

Gesellschaft | Ines Geipel: Der Amok-Komplex Wie bewundernswert eine Gesellschaft umgehen kann mit einem Massenmord, der ihr tiefe, vielleicht nie ganz vernarbende Wunden zugefügt hat, konnte man gerade am Prozess gegen den Attentäter von Oslo und Utøya studieren. Auch um ihn und seine Tat geht es in Ines Geipels neuem Buch Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens. Aber auch um den Versuch, einem erschreckend »modernen« und medial verstrickten Gewaltphänomen literarisch beizukommen. Von PIEKE BIERMANN

Gegen das News-Gewitter

Sachbuch | Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens

Gleich vorneweg, in seinem Titel ist das Buch ›Die Kunst des digitalen Lebens. Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern‹ im Mindesten ungenau, vielleicht sogar »fake«. Das Buch hat nur am Rand mit digitalem Leben zu tun. Hauptsächlich geht es um die Nachrichtenflut, die den modernen Menschen überschwemmt und darum, diese Überflutung zu vermeiden. Insofern trifft der zweite Teil des Buchtitels den Inhalt viel besser. Doch da der Autor des Buchs zuvor die sehr lesenswerten Bücher ›Die Kunst des klaren Denkens‹ und ›Die Kunst des klugen Handelns‹ geschrieben hat, so ist der Titel aus Gründen des Marketings als Reihentitel zu verstehen. Dabei ist dieser zweite Teil des Titels inhaltlich richtig überzeugend geworden, findet BASTIAN BUCHTALECK

Dieses Buch verbesserte meinen Sex (und meine Beziehungen)

Sachbuch | Estupinya, Pere: Sex – Die ganze Wahrheit

Man könnte meinen, in unserer sexualisierten Gesellschaft mit der sehr freizügigen Werbung, fast überall zugänglichem Porno und Zeitschriften, die alles – wirklich alles – erklären, sei ein theoretisches Werk über Sex überflüssig. Wozu in einem Sachbuch etwas lesen, was man in allen Varianten sehen oder erleben kann? Wieso sollte man sich die Zeit nehmen, um das rund 500 Seiten dicke Buch ›Sex – Die ganze Wahrheit‹ zu lesen, fragt BASTIAN BUCHTALECK?

Hinters Licht geführt

Gesellschaft | Klaas Voß: Washingtons Söldner Historische Forschung kann spannende Ergebnisse liefern. Wir erleben in immer kürzeren Abständen, dass jüngste Vergangenheit, die wir aufgrund eigenen Erlebens verlässlich zu beurteilen glaubten, oh wie hatten wir alles im Griff, unter den nüchternen Forschungen von Historikern allerlei dekorativen Schnickschnack, allerlei Camouflage ablegt – wir wurden hinters Licht geführt. Dass es in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg von der CIA geführte Geheimarmeen gab und der Anschlag auf dem Münchner Oktoberfest 1980 durch diese Stay-behind-Armeen ausgeführt wurde, ist mittlerweile einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Von WOLF SENFF

Schwarz-Weiß-Fotografie

Sachbuch | Michael Freeman: Schwarzweiß-Fotografie

Sie wollen Fotografien genießen? Etwas über die Schwarzweiß-Fotografie und die besten Motive dafür lernen? Sich ein Stückchen weiterentwickeln in ihrer ganz eigenen Foto-Arbeit? Dann sind sie mit diesem Buch bestens ausgestattet, findet BARBARA WEGMANN