/

Explosiv und radikal

Menschen | Shulamith Firestone – Eine radikale Feministin (Mittelweg 36)

Als im Spätsommer 2012 die Nachricht vom Tod Shulamith Firestones bekannt wurde, fand sie hierzulande wenig Widerhall. Revolutionärinnen kommen im kollektiven Gedächtnis kaum vor. Wenn sie Frauenrechte auf ihre Fahne geschrieben haben, ist die Chance dazu noch geringer. Ein schmaler Sammelband des Hamburger Instituts für Sozialforschung stellt sich dem Vergessen entgegen und präsentiert Firestone und ihr Werk, explosiv, radikal. Und gelungen, findet MAGALI HEISSLER.

Umschlag 2/07Susan Faludis ausführlicher Nachruf (›Tod einer Revolutionärin. Shulamith Firestone und die Frauenbewegung der siebziger Jahre‹, S. 5-29) aus dem ›New Yorker‹ im April 2013 bildet den Einstieg und belegt gleich die Komplexität von Biographie, Denken und den gesellschaftlichen Bedingungen in den USA der späten 1960er bis Ende 1970er Jahre.

Aufgewachsen in einer streng religiösen Familie, Variante jüdisch, prägte Firestone die Auflehnung gegen die väterliche Autorität, die dann in Auflehnung gegen männliche Autorität überhaupt umschlug. Gleichermaßen intelligent wie ehrgeizig zog sie aus, die Welt zu verändern. Das gelang ihr, wenn auch nur vermittelt, sie selbst hatte wenig davon. Kaum waren ihre Analyse der Lage der Frauen und die daraus resultierenden Forderungen in ihrem Buch ›The Dialectic of Sex‹ 1970 (dt.: ›Frauenbefreiung und sexuelle Revolution‹, 1975) erschienen, zerfiel die Speerspitze der Frauenbewegung. Firestone zog sich zurück. Ihre psychische Krankheit mit schizophrener Symptomatik zeigte sich von nun an immer deutlicher. Ihr Anspruch, die Lebenswirklichkeit von Frauen aus dem Stand grundlegend zu ändern, die wachsende Feindschaft innerhalb der Frauenbewegung und der weiterhin ungelöste Familienkonflikt erwiesen sich als zu hohe Belastung.

Firestones Utopie einer Gesellschaft, in der Frauen von den Fesseln ihrer Körperlichkeit befreit sind, weil die Reproduktion ebenso wie der größte Teil der gesellschaftlichen Arbeit auf eine hoch entwickelte Technologie verlagert werden, blieb in ihrer Gesamtheit Utopie. Utopie auch, weil die Thesen weitgehend undiskutiert blieben. Radikale Befreiung zu fordern, die Liebe als ein wesentliches Übel zu denunzieren und eher den Körper der Frau als ihre ökonomische Lage als Ausgangspunkt für ihre Unterdrückung anzusehen, griff denkerisch so weit voraus, dass kaum eine folgen mochte. Friedans ›Feminine Mystique‹, bereits 1963 erschienen, und Milletts ›Sexual Politics‹ (1970) erlaubten Identifikation mit den damals neuen Forderungen weit mehr. Die eine, weil das Ziel eine Partnerschaft mit den angegriffenen Männern war, die andere, weil es sich um eine literarisch-intellektuelle Fragestellung handelte, die sich zwar fruchtbar und ausgiebig diskutieren ließ, aber kein direktes Handeln forderte.

Geschlechtsunterschiede aufzuheben, schiere Körperlichkeit zu überwinden, was Männer, Kinder, aber auch Homosexuelle und den damals noch kaum wahrgenommen gesamten Transgenderbereich einschloss, war ein zu großer Anspruch.

Die Ahnungslosigkeit der Erbinnen

Die vier Autorinnen und der Autor der nachfolgenden Beiträge diskutieren Einzelfragen, die sich aus Firestones Leben oder Werk ergeben. Ihre Standpunkte verweisen immer zurück auf Faludis Nachruf, aber auch auf Themen untereinander, was dem Sammelband eine beeindruckende Geschlossenheit gibt. Anders als viel zu oft üblich findet die Leserin hier nicht Beliebiges über Firestone, sondern Durchdachtes und geschickt Kombiniertes. Persönliche Erfahrungen kommen dabei nicht zu kurz. Der Anthropologe John Borneman beschreibt auch seine eigenen Erfahrungen in den 1970er Jahren mit dem Einfluss der Frauenbewegung auf die damals wachsende Schwulenbewegung (›Schwimmbecken und Pornokinos. Wovon wollen Töchter und Söhne sich eigentlich befreien?‹, S. 79-88).

Seine Schlussbetrachtung über den Rückzug aus der Öffentlichkeit ins Private und das Ende des Aufbegehrens gegen die Väter, die auch die Schwulenbewegung betrifft, enthält eine klare Warnung vor der heutigen herrschenden Entpolitisierung, der Aufgabe der Dynamik, die Firestones Forderungen gebracht haben.

Die Philosophin Nina Powers (›Technologie der Antifamilie. Geschlecht, Klasse und die Überwindung der Natur‹, S. 30-53) kritisiert Firestones naiven Glauben an die moderne Technologie als Allheilmittel, führt aber auch ein in eine hochinteressante Diskussion über den Versuch, Psychoanalyse Freudscher Prägung und Gesellschaftsanalyse nach Marx/Engels zu verschmelzen, um der Frauenfrage in diesen Denkmodellen endlich Platz zu verschaffen. Ilona Ostner, Soziologin, beschäftigt sich mit dem Erbe Firestones und dem Einfluss auf die Frauenbewegungen. (›Feministische Idee im Alltagstest. Soziologische Anmerkungen zum Abschied von der Familie‹, S. 54-67). Nicht wenig von dem, was Firestones Forderungen ausmacht, ist nahezu unmerklich zum heutigen Alltag geworden. Die Erbinnen, die Frauen heute, profitieren davon, ohne auch nur zu ahnen, dass sie es tun.

Die Bedeutung der Vergangenheit

Firestones theoretischer Ausgangspunkt waren nicht nur Freud und Marx/Engels, sondern vor allem Beauvoirs ›Das andere Geschlecht‹. Von ihr übernahm sie die Ablehnung der Fesseln, die die Gesellschaft Frauen aufgrund ihres Körpers auferlegt. Firestones Wortwahl war ungeschminkt. Ihre drastische Beschreibung des Geburtsvorgangs etwa war dem deutschen Verlag 1975 noch zu radikal, er wurde nicht zur Gänze gedruckt.
Firestones politischen Werdegang verfolgt die Politikwissenschaftlerin Karin Wieland (›Forlorn. Shulamith Firestone, New York City, 1970‹. S. 68-78) beginnend mit der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung. Dieser Beitrag ist zugleich die Beschreibung der schmerzlichen Unfähigkeit der Frauenbewegung eine geschlossene politische Bewegung zu werden. Persönliches, Egoistische, Mystisches, Alltägliches, Individuelles gewann immer Vorrang vor der Forderung nach grundlegenden Veränderungen für eine Mehrheit. Firestone war nicht das einzige Opfer dieser Entwicklung.

Dass die Frauen ihre politische Geschichte nicht kannten, war ein weiterer Fallstrick. Errungenschaften wurden nicht als politische Erfolge von Frauen erkannt. Schon Faludi beschreibt, wie 1969 beim Besuch bei einer der Aktivistinnen der 1920er Jahre der Kontakt letztlich scheiterte aufgrund der Ahnungslosigkeit der jungen Frauen, was die politische Vergangenheit von Frauen anging. Die Bedeutung der Leistungen der Frauenbewegungen, die Kenntnis der Namen ihrer Theoretikerinnen und Kämpferinnen ist ein unterliegendes Thema des ganzen Bands über Firestone. Die Filmemacherin Elizabeth Subrin stellt sich der Problematik im letzten Beitrag (›Shulie entsorgen. Vom Umgang mit einer feministischen Geschichte‹, S. 89-98) und fordert nachdrücklich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um die Entwicklungen der Gegenwart in ihrer Bedeutung für Frauen begreifen zu können.

Abgerundet wird der Band durch Beiträge, die nichts mit Firestone zu tun haben, aber gerade Jüngeren einen Einblick verschaffen in die Zustände 1968 bis 1970; nämlich eine ausführliche Kritik (von Detlef Siegfried) eines Buchs über die westdeutsche Alternativmilieu jener Jahre, die wie für diesen Band geschaffen ist, oder den ›Auszug aus der Protestchronik‹ vom November 1968, zusammengestellt von Wolfgang Kraushaar.
Entstanden ist so ein kompakter Sammelband, der nicht nur umfassend informiert, sondern zum Weiterdenken und Diskutieren anregt. Die Anregungen sind vielfältig, die Aktualität unbestreitbar. Besser kann man nicht in die hierzulande längst fällige Auseinandersetzung mit Firestone einsteigen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Mittelweg 36, 3/2014 (Juni/Juli 2014)
Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Schwerpunkt: Shulamith Firestone – Eine radikale Feministin
ca. 100 Seiten. 9,50 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zeige deine Wunde

Nächster Artikel

Buy The Ticket, Take The Ride… But Read The Interview First!

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Streitbarer Kämpfer

Menschen | Zum 100. Geburtstag des Erfolgsautors, Malers und Kunstsammlers Lothar-Günther Buchheim am 6. Februar »Er ist streitbar und kämpferisch, naiv und gerissen, sensibel und verletzlich. Er ist widerborstig und zärtlich, mutig und scheu. Er hasst Schmeicheleien und ist doch voller Sehnsucht nach Liebe.« So charakterisierte Günter Rohrbach, Produzent der ›Boot‹-Verfilmung, in den 1980er Jahren in einer Rede den Erfolgsautor und Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim. Er war Bestsellerautor, Maler und einer der profiliertesten Kunstsammler. Von PETER MOHR

Eine unkoventionelle Hollywood-Diva

Menschen | 85. Geburtstag von Jane Fonda

»Ich bin bereit zu gehen. Wenn du mein Alter erreichst, ist dir sehr bewusst, wie viel deines Lebens du hinter dir und wie viel du noch vor dir hast. Ich sehe es halt realistisch«, hatte kürzlich Schauspielerin Jane Fonda in einem Interview erklärt. Von PETER MOHR

Die Welt ist mein Vaterland

Menschen | Zum 125. Geburtstag des Dramatikers Ernst Toller »Eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die Welt ist mein Vaterland«, bekannte der Dramatiker, Lyriker, Prosaist und Politiker Ernst Toller in seinem 1933 veröffentlichten Lebensbericht ›Eine Jugend in Deutschland. Ein Porträt zu seinem 125. Geburtstag von PETER MOHR.

Ein richtiger Mensch

Menschen | Zum 125. Geburtstag von Oskar Maria Graf »Europa ist zweifellos die Wiege der Kultur. Aber man kann nicht sein ganzes Leben in der Wiege verbringen«, hatte einmal der Schriftsteller Oskar Maria Graf erklärt. Seine Abkehr von der »Wiege« hatte er sich gewiss anders vorgestellt. Vor den Nazis flüchtete er in die USA, kehrte später kurz nach Deutschland zurück, um dann wieder den Weg über den großen Teich zu wählen. Ein Porträt von PETER MOHR

Zeige deine Wunde

Menschen | Oliver Polak: Der jüdische Patient »Comedy: kann man so meinen, muss man aber nicht«, sagt der jüdische Comedian Oliver Polak gerne bei seinen Auftritten, die von mitunter sehr harten Gags bestimmt werden. Mindestens genauso hart ist seine schwere Depression gewesen, über die Polak nun das Buch ›Der jüdische Patient‹ geschrieben hat. MARTIN SPIESS hat es gelesen.