Apokalypse surreal

Musik | Auf DVD: Ligeti: Le Grand Macabre

Wir werden uns an der Diskussion nicht beteiligen, ob György Ligeti der bedeutendste Komponist nach 1945 ist oder nur der zweit- oder vielleicht gar nur der drittbedeutendste. Soviel aber kann man mit Gewissheit behaupten: Seine Oper Le Grand Macabre, die 1978 uraufgeführt und 1996 umgearbeitet wurde, steht wie ein Monolith in der Geschichte des neueren Musiktheaters. Von THOMAS ROTHSCHILD

Le Grand MacabreDas beginnt mit dem Libretto, das Ligeti selbst in Zusammenarbeit mit Michael Meschke auf der Grundlage eines Stücks des viel zu wenig bekannten belgischen Dramatikers Michel de Ghelderode geschrieben hat.

Es ist eine Art Apokalypse, die sich der Techniken des Dadaismus, des Surrealismus und des Absurden Theaters bedient. So radikal hat keiner das zeitgenössische avantgardistische Theater auf die Opernbühne transferiert und damit eine Entsprechung für seine auf der Höhe der Zeit stehende Musik gefunden. Umgekehrt hat die Herausforderung des Theaters Ligeti dazu gezwungen, seine musikalischen Ausdrucksformen zu erweitern. Die Clusters, für die er berühmt wurde, die ausgedehnten Klangteppiche kommen in seiner Oper nur noch am Rande vor.

Ligeti verlangt seinen Sängern nicht nur stimmlich das Äußerste ab. Sie müssen sich auch schauspielerisch, ja akrobatisch derart verausgaben, dass man sich fragt, wie sie da noch genug Atem für den Gesang haben. Le Grand Macabre verstößt gegen alle Gattungskonventionen. Das Tiefsinnige steht neben dem puren Nonsens, die Parabel neben dem Zirkus, das Jesuitendrama neben der Clownerie, das Zitat neben dem höchst originellen Einfall.

In Àlex Ollé vom katalanischen Kollektiv La Fura dels Baus, das schon zuvor viel beachtete Opernregie geführt hatte, fand man den idealen Regisseur für die Inszenierung am Gran Teatre del Liceu in Barcelona im Jahr 2011. Er kostet die anarchischen, surrealistischen Vorgaben des Librettos voll aus. Obwohl im Text mehrfach von Breughelland die Rede ist, orientiert sich das Bühnenbild von Alfons Flores vor allem an Hieronymus Bosch. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Eher besteht die Gefahr, dass das üppige visuelle Geschehen von der ihrerseits komplexen und vielfältigen Musik ablenkt.

Aber das ist ja nun ein Vorteil der DVD: Nichts hindert den Benutzer, sie mehrmals anzusehen und je nach Laune die Aufmerksamkeit auf einen Teilaspekt zu konzentrieren. Was andererseits insofern ein Verlust ist, als die Utopie von einem Gesamtkunstwerk in Ligetis Oper fast noch überzeugender verwirklicht ist als bei deren Erfinder Richard Wagner.

| THOMAS ROTHSCHILD

Titelangaben
Ligeti: Le Grand Macabre
Arthaus Musik, 2 DVDs

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