Vom Ende des Begehrens

Gesellschaft | Byung-Chul Han: Agonie des Eros

Vorsichtige Einwände treffen das Format, nicht den Inhalt dieses Essays, der beinahe fast-food-like präsentiert wird. Nicht leicht verdauliche Inhalte sind in angenehm beschwingtes Design gekleidet, ein Schnupper-Paket gewissermaßen mitsamt einer Verpackung, die zum Konsum verführt. Man könnte meinen, dass der Verlag seine Leser von dort abholen möchte, wo sie sich befinden. Damit wären wir beim Thema der Agonie des Eros. Von WOLF SENFF

AgonieByung-Chul Han formuliert klare Positionen. Überzeugend seine Abgrenzung gegen Eva Illouz, eine umtriebige israelische Soziologin, die 2009 in der Zeit als eine von zwölf Intellektuellen genannt wurde, die wahrscheinlich das Denken der Zukunft verändern. Sie publiziert Titel wie Warum Liebe weh tut (2011) und widmet sich Fragen wie »Ist Sadomaso befreiend oder erniedrigend für Frauen?« (SPON, 6.7.12), betreibt also Soziologie am Fußabdruck der Gegenwart. Illouz zufolge werde die menschliche Einbildungskraft vor allem durch den Konsumgütermarkt und die Massenkultur bestimmt, das menschliche Begehren werde durch die zunehmende Möglichkeit von Wahlentscheidungen und -kriterien rationalisiert.

Diese Einschätzung greift für Byung-Chul Han zu kurz. Er bezieht sich auf Emmanuel Levinas‘ Ethik des Eros, die als wesentliche Kategorie menschlicher Existenz die Erfahrung mit dem Anderen setzt. Erst aus dem Erkennen und Anerkennen der Andersheit bestimme sich das Individuum und definiere seine Grenzen. Das moderne »narzisstisch-depressive Subjekt« jedoch, dem »die Welt nur in Abschattungen seiner selbst« erscheine, sei »nicht fähig, den Anderen […] zu erkennen«, es sei »weltlos und verlassen vom Anderen« (S. 7).

Das Begehren sei stets das Begehren des Anderen, das allein durch Entzug stimuliert und genährt werde, nicht aber, wie Illouz annimmt, im Kontext neuester kommunikativer Technologien rationalisiert werde. Das Gegenteil sei der Fall. Die heutzutage durch das Internet bis in die Beliebigkeit entgrenzte Wahlfreiheit beschwöre das Ende des Begehrens herauf.

Symptome einer totalitären Gesellschaft

Dasselbe scheinbar paradoxe Phänomen beschreibt Han in Bezug auf die Phantasie, die ebenfalls allein durch die Negativität des Anderen beflügelt werde und eben nicht durch die jeweils neuesten Kommunikationstechnologien. Im Gegenteil, deren hohe Informationsdichte unterdrücke die Phantasie. »So zerstört der Porno, der die visuelle Information gleichsam maximiert, die erotische Phantasie« (S. 50).

Der Text erinnert daran, dass der Eros die Seele lenkt und, Platon folgend, Macht über alle ihre Teile ausübt: über die Begierde, den Mut, die Vernunft – und jeder dieser Teile hat seine eigene charakteristische Lusterfahrung. Nur dass heutzutage, schreibt Han, vor allem die Begierde, weniger der Mut oder die Vernunft eine Erfahrung von Lust ermögliche, wobei die Echtheit dieser Erfahrung stets sich an der Kategorie des Anderen messe. »Der Neoliberalismus betreibt eine generelle Entpolitisierung der Gesellschaft, indem er nicht zuletzt den Eros durch Sexualität und Pornographie ersetzt« (S. 56). Anders formuliert: Er »eliminiert überall die Andersheit, um alles der Konsumtion zu unterwerfen« (S. 25).

Byung-Chul Han beschreibt Symptome einer totalitären Gesellschaft, einer »Hölle des Gleichen, die allein den ökonomischen Gesetzen folgt« (S. 54). Denn dem rechnenden, datengetriebenen Denken, der »Vernunft«, fehle ebenfalls die Bezugnahme zum Anderen, »das Denken ohne Eros ist bloß repetitiv und additiv« (S. 61), es »verliert jede Vitalität, jede Unruhe« (S. 67).

Dieser kurze Essay greift Kategorien auf, die Byung-Chul Han bereits an anderer Stelle schlüssig entwickelt hat, z. B. die Müdigkeitsgesellschaft, und zeigt ihre Sinnfälligkeit in Bezug auf die Agonie des Eros.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Byung-Chul Han: Agonie des Eros
Berlin: Matthes & Seitz 2012
73 Seiten, 10 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Neues aus dem Mittelalter

Nächster Artikel

Get to the choppa!

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Positive Effekte – Fehlanzeige

Gesellschaft | Hannes Hofbauer: Kritik der Migration

Die Wanderungsbewegungen über Grenzen hinweg sind ein aktuelles und höchst umstrittenes Thema, das eine Renaissance nationalistischen Denkens hervorruft und rechtskonservativen Kräften zu Resonanz verhilft. In Deutschland, in Europa, in außereuropäischen Ländern, nicht zuletzt in den USA. Von WOLF SENFF

Faktenlage der Geopolitik

Gesellschaft | Matthias Bröckers, Paul Schreyer: Wir sind die Guten Wenn sogar die ›Hamburger Morgenpost‹ sich nahtlos unter die Putin-Hassprediger fügt, bleibt keine andere Wahl, als nach einem informativen Buch zu greifen. Lesen Sie das erste Kapitel, und Sie werden sich wundern über jene nüchterne Logik, die dem Boulevard nicht der Rede wert ist, die in ›seriösen‹ Medien nicht zur Sprache kommt, die jedoch unverzichtbar ist, um die Situation jenseits von Rausch und Stammtisch einzuschätzen. Von WOLF SENFF

Neue Subjektivität

Gesellschaft | Peter Engel, Günter Emig (Hg.), Die untergründigen Jahre   Niemand zählt noch Epochen. Oh, das fiel Ihnen bislang gar nicht auf? Noch immer scheint ungewiß, ob die Postmoderne abgeräumt ist, und falls ja, seit wann genau, und wo wir uns derzeit befinden. Intelligenz, verkünden die Großfürsten der digitalen Verwirrung, sei jetzt künstlich, und seit neuestem, lesen wir, gibt es lebenden Beton. Na denn. Von WOLF SENFF

Hautnah

Gesellschaft | Beatrice Bourcier: Mein Sommer mit den Flüchtlingen Man hört das Wort täglich mehrmals, »Flüchtlinge«. Die Nachrichten, die Nachbarin, der Paketmann, die Schülerinnen in der U-Bahn sagen es, es schallt aus jeder Ecke. Man sieht sie auf Fotos, im Fernsehen, auf YouTube. Überall sind sie. Vor allem sind sie da. Wie das so ist mit »denen«, erzählt Beatrice Bourcier, waschechte Bayerin und Ersthelferin, weil sie es gerade erst hautnah erlebt hat. Von MAGALI HEISSLER

Subversive Ideale

Gesellschaft | Susan Neiman: Warum erwachsen werden? Erwachsen werden wir alle, körperlich jedenfalls und im juristischen Sinn, sobald wir ein bestimmtes Alter erreicht haben (und nicht schwer geistig behindert sind). Und dennoch weiß jede/r, dass genug Erwachsene ihr Leben lang kindlich bleiben, sich schwertun mit Verantwortung oder allgemein damit, sich mündig und selbstbestimmt zu verhalten. Was Philosophen über das bewusste Erwachsenwerden zu sagen haben, stellt uns Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, in ›Warum erwachsen werden?‹ vor. Von PETER BLASTENBREI