Herzl zweites Buch

Menschen | Clemens Peck: Im Labor der Utopie. Theodor Herzl und das »Altneuland«-Projekt

Wien um 1900 hat man nicht zu Unrecht ein Experimentierfeld der Moderne genannt. Psychoanalyse und Zwölftonmusik sind hier entstanden, wesentliche Anstöße der neueren deutschen Literatur, der Philosophie, der Architektur und vieles mehr. In der Metropole der späten Habsburgerzeit wurden aber auch politische Konzepte entwickelt, von denen sich einige als höchst problematisch erweisen sollten. Clemens Pecks Im Labor der Utopie analysiert Theodor Herzls wenig beachteten Roman Altneuland und weist ihm einen wichtigen Platz in der Frühgeschichte des Zionismus zu. Von PETER BLASTENBREI

Anders als Der Judenstaat von 1897, das sofort als Herzls Hauptwerk begriffen worden war, wurde Altneuland (1902) in der Diskussion um den Zionismus nie so ganz ernst genommen. Ein utopischer Roman, nahe am Kitsch angesiedelt, als politisches Manifest? Peck gibt sich viel Mühe, seine Beschäftigung mit Altneuland zu rechtfertigen, und er überzeugt damit. Denn tatsächlich gibt es in Herzls »zweitem Buch« signifikante Veränderungen gegenüber dem Judenstaat, am wichtigsten vielleicht das Zurücktreten der Staatsutopie gegenüber konkreten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Projektionen.

Zum Inhalt: Der Wiener Jude Friedrich Löwenberg ist angewidert von der Oberflächlichkeit und dem Zynismus der jüdischen Oberschicht und gleichermaßen bedrückt vom Antisemitismus und vom bitteren Elend armer Juden. Voll Verzweiflung begleitet er den Reisenden Kingscourt auf dessen Südsee-Insel. Auf dem Hinweg machen sie in Palästina Station, das in Löwenberg religiöse und heimatliche Gefühle weckt, aber zugleich Abscheu über seinen gegenwärtigen Verfall. Nach zwanzig Jahren in der Südsee kehren beide zurück und entdecken im ehemals so verwahrlosten Palästina den mittlerweile entstandenen Judenstaat. Der Rest des Romans gehört der enthusiastischen Beschreibung der Wunder, die in diesem Altneuland Wirklichkeit geworden sind.

Wien im Orient?

Der Autor legt großen Wert auf die Analyse des Romans im Spannungsfeld von Literatur und Politik. Wie die meisten Kulturwissenschaftler hat aber auch der gelernte Germanist Peck eine literaturwissenschaftliche Prägung; der Schwerpunkt der Untersuchung ist also keine Überraschung. So erfährt man deutlich mehr über Herzls literarische Quellen und Vorläufer und über den utopischen Roman des 19. Jahrhunderts als über politische Zeitumstände. Gelegentlich führt der literarische Blick sogar in die Irre: Joseph Conrads Heart of Darkness ist sicher kein brauchbares Indiz für eine generelle Kolonialmüdigkeit der Briten (S.193).

Um eine irgendwie geartete politische Kritik des frühen Zionismus geht es also hier nicht. Wohl aber erlaubt die geduldige und exakte Rekonstruktion von Herzls Quellen und Vorlagen eine Sicht von bisher unbekannter Tiefenschärfe in alles andere als unproblematische Bereiche seines Denkens – einschließlich seiner penetranten, bis ins physische Auftreten getriebenen Selbststilisierung als Führer und berufener Sachwalter der Juden. Der Judenstaat in Altneuland hängt unmissverständlich vom europäischen Kolonialdiskurs seiner Entstehungszeit ab. Er ist nicht nur ein in den Nahen Osten versetztes Wien (wie Peck meint), sondern viel allgemeiner ein Stück Europa im Orient, nicht anders als das prunkvolle Opernhaus im Altneuland das Gegenstück zur 1869 eröffneten Oper in Kairo ist.

Altneuland ist zudem eine unverkennbar großbürgerlich-liberale Vision ohne politische Extreme – eine Absage an radikale Zukunftsentwürfe. Gesellschaftlicher Ausgleich ist hier nicht Ergebnis politischer Kämpfe von Interessengruppen, sondern ergibt sich durch gemeinsame Überzeugungen und vor allem durch einen exzessiven Einsatz der neuesten wissenschaftlich-technischen Errungenschaften, durch Elektrifizierung, Hydraulik und Motorisierung. Der Ingenieur tritt an die Stelle des politischen Neuerers.

Britische Fairness, deutsche Tüchtigkeit

Für die Wirtschaft in Altneuland hat Herzl auf die Ideen des befreundeten Nationalökonomen Franz Oppenheimer (1864-1943) zurückgegriffen. Dessen kollektiver Landbesitz mit individueller Gewinnausschüttung suchte den Ausgleich zwischen Kollektivismus und kapitalistischem Egoismus. Fast noch attraktiver war aber wohl Oppenheimers Gedanke, dass nur kollektiver Landbesitz die europäische Massenansiedlung erlaube. Eine Anbindung dieses überaus wichtigen Kapitels an den bereits 1901 auf dem 5. Zionistenkongress gegründeten Jüdischen Nationalfonds, der eben dies verwirklichte, findet sich bei Peck leider nicht.

Den sozialen Kitt, der Altneuland zusammenhält, lieferten Herzls alte Vorbilder. Die britische Kultur mit ihrem Konkurrenz- und Fairnessdenken bot das Muster für den intensiven Sportbetrieb. Aber auch das deutsche Wesen trägt, etwas versteckter, zur sozialen Genesung der Juden bei. Löwenberg ist durch das Zusammenleben mit Kingscourt, einem adligen preußischen Offizier unter Pseudonym, vom physisch unterentwickelten, neurotischen Judenjungen »zum Mann geworden«. Selbst der einzige arabische Gewährsmann für die Wunder Altneulands hat in Leipzig studiert.

Im Labor der Utopie mag politisch-historisch interessierte Leser/innen nicht immer voll befriedigen; zum schnellen Nachschlagen ist das Buch seiner Materialdichte wegen sicher nicht geeignet. Einige wenige der Kurzkapitel schließlich sind eher assoziativ als wirklich zwingend mit der Argumentationslinie verbunden. Von solchen kleinen Schönheitsfehlern abgesehen ist das Buch aber eine materialreiche, detaillierte und gründliche Studie auf dem neuesten Stand der Forschung. Sie beleuchtet das Werk Theodors Herzls im weitesten Sinn und klärt Umfeld, Vorlagen und Quellen, biografische und denkerische Bezüge von Altneuland, aber auch die frühe innerjüdische Kritik daran.

| PETER PLASTENBREI

Titelangaben
Clemens Peck: Im Labor der Utopie. Theodor Herzl und das »Altneuland«-Projekt
Berlin: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2012.
604 Seiten. 39,95 Euro

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