Die etwas andere Familie

Comic | D.Browne/C.Browne: Hägar-Gesamtausgabe Band 15: Tagesstrips 1995-1997

Hägar den Schrecklichen kann man mit Fug und Recht als Comic-Strip-Legende bezeichnen: Seit nunmehr vierzig Jahren geht der Freiberufler im Bärenpelz auf Kaperfahrt. Zum runden Geburtstag erscheint bei der Ehapa Comic Collection eine schwergewichtige Gesamtausgabe in 25 Bänden. Eine Freude für Sammler! SEBASTIAN DAHM fragt sich dennoch: Setzt nach so langer Zeit nicht auch eine Legende Staub an?

HaegarWürden die Charaktere in Comic-Strips altern, Hägar der Schreckliche hätte sich längst zur Ruhe gesetzt. Zum Glück ist dies nicht der Fall, denn wer sollte wohl dann den Familienbetrieb übernehmen? Schwer vorstellbar, dass Pazifist und Lyrikfreund Hamlet sich im rauen Wikingergeschäft so ohne Weiteres durchsetzen würde. Dann schon eher die durchaus streitbare Honi, aber die will ja lieber heiraten. Oder auch nicht.
Jedenfalls würde die Nachfolge einige Probleme mehr bereiten, als das bei Hägars Schöpfer Dik Browne und dessen Sohn Chris der Fall war: Immerhin führt Chris Browne das Werk seines Vaters nun bereits seit 1988 fort – und das überaus erfolgreich, denn der trinkfeste Nordmann feiert dieses Jahr seinen vierzigsten Geburtstag. Grund genug für den Ehapa-Verlag, eine Hägar-Gesamtausgabe aufzulegen, die durch ihren schieren Umfang beeindruckt: Mittlerweile 19 Bände mit je gut und gerne 350 Seiten verlangen nach einem Bücherregal mit Nehmerqualitäten.

Und täglich grüßt der Wikinger

Schauplatz tiefgreifender Veränderungen ist Hägars Mikrokosmos nicht: Der Running Gag als genretypisches Stilmittel hat auch hier Hochkonjunktur. Unzählige Male wurde Hägar bereits betrunken aus der Kneipe geschleift, von der bösen Schwiegermutter geplagt oder von Ehefrau Helga zur Hausarbeit gezwungen. Diesen familiären Episoden stehen die alltäglichen Hürden des Wikinger-Berufslebens gegenüber: Mit hübscher Regelmäßigkeit erleiden Hägar und seine Mannschaft Schiffbruch, werden von hoffnungsloser Übermacht umzingelt oder irgendwelchen Bestien zum Fraß vorgeworfen – wobei sie ihrem Schicksal jedes Mal auf geheimnisvolle Weise von der Schippe springen.

Die Komik der Reihe speist sich dabei im Wesentlichen aus dem Spannungsverhältnis ›Durchschnittlicher Familienvater‹ vs. ›Wikingerkrieger‹: Hägars martialische Profession erhält eine absurde Aura des Alltäglichen (Raubzüge werden zu Geschäftsreisen), gleichzeitig wird das eigentlich Alltägliche grotesk überzeichnet (Steuereintreiber rücken mit schwerem Kriegsgerät an).
Die liebenswert-skurrilen Charaktere steuern ihren Teil bei: An erster Stelle steht selbstverständlich Helga, die ihren barbarischen Kriegergatten zu Hause fest im Griff hat. Außerdem sind da Hägars Kinder: Die heiratsrenitente Honi – die aufdringliche Verehrer gerne auch mal mit Klingenwaffen bedroht – und Hamlet, der eigentlich gerne Zahnarzt werden möchte – eine Katastrophe von einem Wikingersprössling. Und dann gibt es noch den ganz und gar unglückseligen Sven Glückspilz (a.k.a Fortuitous Eduardo), Wikinger von der traurigen Gestalt, Hägars erster Maat und Freund der Familie – um nur die Wichtigsten zu nennen.

Alles beim Alten

Die Zutaten sind auch im vorliegenden Band noch dieselben: Chris Browne hat das Ruder bereits seit fast zehn Jahren in der Hand und macht seine Sache gar nicht schlecht. Was auch daran liegt, dass er mit Veränderungen geizt, denn die Binsenweisheit ›never change a winning team‹ gilt auch in Bezug auf den knubbeligen Wikingerkapitän. In der Tat ist es gerade die 1995 eingeführte Rubrik ›Hör auf deine Mutter!‹, die dem Leser ein ums andere Mal sauer aufstößt: Hier gibt Helga ihrer Tochter Honi mehr oder weniger gute Ratschläge fürs zukünftige Eheleben. Und die sind meist nur bedingt lustig, weil schlichtweg nur Klischees bemüht werden, um Gags mit der Brechstange zu erzeugen. Da hilft es auch wenig, dass die Rubrik im Vorwort als Innovation gelobt wird.

Schnitzer dieser Art sind umso auffälliger, da die Brownes sie eigentlich recht erfolgreich vermeiden: Die Modelle Ehe und Familie werden in der Tat meist bissig kommentiert und das macht auch im Jahr 2013 noch Spaß. Dass sich bei einem Cartoon pro Tag und einer doch recht ansehnlichen Laufzeit (1995 gibt es Hägar immerhin schon 22 Jahre) auch mal ein paar Blindgänger einschleichen, ist zu verschmerzen – im Gegenteil wird erst in der gebündelten Form der Gesamtausgabe das konstant hohe Niveau der Reihe deutlich.

Typisch sind auch die selbst im Vergleich mit anderen Comicstrips extrem minimalistischen Zeichnungen, die jedoch nie roh oder karg wirken. Mit sparsamer Feder verleiht Browne all seinen Figuren eine unverwechselbare Ausstrahlung – am wirkungsvollsten ist dies bei so skurrilen Gestalten wie dem kinnlosen Sven Glückspils oder dem ewig vermummten Dr. Zook. Erfreulicherweise hat der Ehapa-Verlag auf eine Nachkolorierung verzichtet – eine Unsitte, die sich mittlerweile bei einigen Verlagen eingebürgert hat und die nicht nur überflüssig ist, sondern dem Comic auch einiges von seinem Charme nehmen würde.

Das Erfolgsmodell ›Hägar‹ mag zwar einige Jahre auf dem Buckel haben – einen Blick auf die Gesamtausgabe zu werfen lohnt sich dennoch, denn sie sticht in qualitativer Hinsicht deutlich aus der Masse an Hägar-Bänden heraus. Vorwerfen könnte man Hägar höchstens mangelnde Innovation. Doch letztlich wäre eine solche Kritik fehl am Platz, denn der Strip lebt wie wenige andere von der Variation des Bekannten – eine Familienserie eben.

| SEBASTIAN DAHM

Titelangaben
Dik Browne/Chris Browne (Text und Zeichnungen): Hägar-Gesamtausgabe Band 15: Tagesstrips 1995-1997
Aus dem Amerikanischen von Michael Georg Bregel.
Köln: Ehapa Comic Collection 2011.
320 Seiten, 29.95 Euro.

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