Bücher entstehen aus Fragen

Menschen | Friedrich Christian Delius

Zum 70. Geburtstag des Georg-Büchner-Preisträgers Friedrich Christian Delius am 13. Februar. Von PETER MOHR

DeliusAls Friedrich Christian Delius vor zwei Jahren mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, reagierte die literarische Öffentlichkeit auf seltsame Weise unentschieden. »Guter Mann, falsche Wahl«, hieß es in der Süddeutschen Zeitung, und auch die FAZ attestierte eine »etwas flaue Entscheidung«.

Niemand sprach von einem Fehlurteil, niemand stellte in Abrede, dass Delius eine wichtige, vor allem kritische Stimme in der deutschen Nachkriegsliteratur ist, aber den großen dichterischen Lorbeerkranz wollten ihm einige Kritiker dann doch nicht flechten. Ihm fehle die Singularität und bisweilen auch die klare poetische Sprache, lauteten die mehr als fragwürdigen Einwände.

Als »kritischen, findigen und erfinderischen Beobachter« hatte die Darmstädter Akademie Delius in ihrer Urteilsbegründung gerühmt und damit einen Autor ausgezeichnet, der seit mehr als 40 Jahren auf hohem künstlerischen Niveau und mit großem aufklärerischen Impetus die deutschsprachige Nachkriegsliteratur bereichert hat.

Delius, der am 13. Februar 1943 in Rom als Sohn eines Pfarrers geboren wurde und in Nordhessen aufwuchs, nahm als blutjunger Student bereits 1964 an der Gruppe-47-Tagung im schwedischen Sigtuna teil. Nach seinem Studium in Berlin bei Walter Höllerer, dass er 1971 mit der Promotion abschloss, war er einige Jahre (neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit) als Lektor in verschiedenen Verlagen tätig.

In der Literaturszene sorgte Delius, der die Studentenbewegung aktiv mitgemacht hat, 1972 zum ersten Mal für Furore – mit der Veröffentlichung des kritischen Prosabandes Unsere Siemens-Welt, der eine lange juristische Auseinandersetzung mit dem Konzern auslöste.

Fortan hatte Delius mit dem Etikett »politischer Schriftsteller« zu leben, zumal er später auch den Deutschen Herbst zum Sujet machte. Sein Roman Mogadischu Fensterplatz (1987) ist noch heute eines der beklemmendsten literarischen Werke über den blutigen RAF-Terrorismus.

»Jedes Buch entsteht aus neuen Fragen, aus neuen Erfahrungen heraus«, hatte Delius unlängst in einem Interview rückblickend über seine eigene Arbeit erklärt. Offensichtlich hat sich der heute abwechselnd in Berlin und Rom lebende Autor im Laufe der Jahre selbst viele Fragen gestellt, denn die Bandbreite seines Œuvres ist gewaltig: Romane, Essays, Satiren, Gedichte und sogar eine Oper.

Und immer bewegte sich Delius dabei auf einem schmalen Grat, denn er war stets bestrebt, Kunst und politisches Engagement, den Dichter und den kritischen Zeitgenossen in sich selbst irgendwie unter einen Hut zu bringen. Der Roman Mein Jahr als Mörder (2004) ist dafür paradigmatisch. Es geht darin um den Zwiespalt zwischen Recht und Gerechtigkeit, dargestellt anhand der fragwürdigen Rolle, die die deutsche Justiz bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit spielte.

In seinem vorerst letzten umfangreichen Erzählwerk Die Frau, für die ich den Computer erfand (2009) näherte sich Delius‘ künstlerisch dem Wissenschaftler Konrad Zuse an. Der Roman zeugte von großem Respekt vor dessen Lebensleistung, konnte formal aber nicht vollends überzeugen. Zuses gesprochenes Wort, seine assoziativen, ins monologische abdriftenden Ausführungen wurden von Delius stilistisch nicht aufgebrochen und ließen so keine Nähe zur Hauptfigur entstehen.

Sein gelungenstes, emotionalstes und poetischstes Buch ist die 2006 erschienene stark autobiografische Erzählung Bildnis der Mutter als junge Frau. Darin rekonstruiert Delius auf äußerst einfühlsame, aber unpathetische Weise einen Nachmittag im Leben seiner Mutter – rund vier Wochen vor der eigenen Geburt. Das wirkt ziemlich gewagt, zumal der Autor diesen schmalen Text in einem unstrukturierten Rede- und Bilderfluss in der dritten Person ohne einen einzigen Punkt abgefasst hat.

Die Simultanität zwischen visuellen Eindrücken auf dem Spaziergang durch Rom und Reflexionen über die Kriegszeit werden dadurch allerdings eindrucksvoll verstärkt. Delius beschreibt seine Mutter darin als eine Art »unglücklich Glückliche«, denn die Ungewissheit über das Wohlergehen ihres in den Kriegswirren nach Afrika abkommandierten Mannes quälte sie immerfort.

»Eigensinnig und offen für alles, oder sagen wir, für möglichst viel. Hauptsache unideologisch. Und du musst der bleiben, der du sein willst«, das hat sich der leidenschaftliche Fußballfan Delius für seine Rolle als »kritischer Un-Ruheständler« auf die literarischen Fahnen geschrieben.

| PETER MOHR

Reinschauen
Friedrich Christian Delius: Als die Bücher noch geholfen haben
Biografische Skizzen
Berlin: Rowohlt 2012
304 Seiten. 18,95 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Wo hat man bloß diesen Text abgelegt?

Nächster Artikel

Kalt – sonst ohne Eigenschaften

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Begeistert von Macbeth

Menschen | Zum Tod des Booker-Preisträgers Ismail Kadare

»Ein Schriftsteller ist kein Zauberer. Er kann das Fehlverhalten eines Landes, das auf den Abgrund zusteuert, nicht wegzaubern. Er trägt allerdings Verantwortung für sein Werk, auch wenn dieses unter widrigen Verhältnissen entsteht. Ich habe nicht erst über den Kommunismus geschrieben, als man es tun konnte«, hatte der albanische Schriftsteller Ismail Kadare erklärt, der über Jahrzehnte hinweg vor allem als politischer Chronist seines Heimatlandes wahrgenommen wurde und oft als Nobelpreiskandidat gehandelt wurde. Von PETER MOHR

Die Erkenntnis meiner Dummheit

Menschen | Vor 125 Jahren wurde der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer geboren

»Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes, nicht aus Prosa oder Vers: sondern in der Erkenntnis meiner Dummheit«, hatte der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer in seinen autobiografischen Aufzeichnungen notiert. An seinem Leben und Werk scheiden sich noch immer die Geister.Von PETER MOHR

Prosa als fehlender Rest

Menschen | Zum 90. Geburtstag von Jürgen Becker

»Vielleicht ein Versuch, die Zeit aufzuhalten und geräumtes Gelände zurückzugewinnen. Weit kommst du nicht mehr, aber fang nicht damit an, deine Schritte zu zählen; allein dein Schatten, falls Sonne vorhanden, begleitet dich«, heißt es im neuen Band »Die Rückkehr der Gewohnheiten« aus der Feder des viele Jahrzehnte unterschätzten Schriftstellers Jürgen Becker. Als »eine maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie« wurde Becker 2014 völlig zu Recht bezeichnet, als ihm der Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands, verliehen wurde. Von PETER MOHR

The Search For A Positive Truth: An Interview With MANOID

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Every so often a record comes along which makes you stop what you are doing, prick up your ears, and pay rapt attention. One such album is the thoroughly excellent Truth by fast rising Polish producer MANOID. Out now on the always fresh Hafendisko imprint, Truth is a record which only needs a few moments to convince you that you and it are going to be good friends. By JOHN BITTLES

Ein Augenblick Frieden reicht nicht

Menschen | Leymah Roberta Gbowee: Wir sind die Macht In ihrer Autobiographie Wir sind die Macht schildert die Friedensnobelpreisträgerin Leymah R. Gbowee ihren Weg als Aktivistin in der Friedensbewegung und erzählt ihre einzigartige Geschichte, die uns in den Bann Liberias zieht. Wie sie in ihrem Vorwort deutlich macht, will sie sich von traditionellen Kriegsgeschichten abwenden, die Frauen in den Vordergrund stellen und deren Kriegserfahrungen beschreiben. Von MARITA BÜHRMANN