/

Kooperation bedeutet Niedergang

Gesellschaft | Frank Schirrmacher: Ego

Frank Schirrmacher zeichnet in Ego. Das Spiel des Lebens ein dystopisches Bild unserer Gesellschaft. Der Primat der Ökonomie hat Einzug erhalten in unseren Köpfen und folgt dabei einer kühlen rationalen Handlungsmaxime, die ausschließlich nach Profit giert und jedwede Moral vertilgt. Von MARC STROTMANN
Ego
Seit der Lehmann-Pleite taumeln die westlichen Industrienationen von einer Krise in die nächste, sowohl die Euroländer als auch die USA, die ihre eigene Nation mit immensen Budgetkürzungen geißeln. Die Ohnmacht der Politik vor den Märkten nimmt immer groteskere Züge an, das italienische Wahlfiasko scheint nur ein Sinnbild von vielen. In diesen Zeiten sind Kapitalismuskritiken bei der intellektuellen Avantgarde en vogue. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher heizt mit seiner Streitschrift Ego die Debatte weiter an. Bereits Marx postulierte, der Kapitalismus schaffe sich seine Totengräber. In diesem Sinne passt die Aussage des Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein, mit Schirrmachers Neuveröffentlichung sei die Kapitalismuskritik im Herzen des Kapitalismus angekommen.

Dabei wäre es verfehlt, den konservativen Feuilletonist nun als Prediger einer neuen linken Bewegung zu preisen. Schirrmachers Kritik richtet sich explizit auf die Gefahren der Ära des Informationskapitalismus, dessen Algorithmen den Menschen auf ein Minimum abstrahieren, um sein Verhalten und sein Denken zu berechnen.

Geburtsstunde des Homo oeconomicus

Als Schlüsselsituation, welche die verheerende Wende einleitet, definiert Schirrmacher das Ende des Kalten Krieges. Im ständigen Bewusstsein, ein Angriff des Feindes könnte den Endschlag bedeuten, standen sich die Großmächte USA und Sowjetunion Auge in Auge gegenüber. Jeder Schritt konnte der letzte sein, jeder Fehler den Untergang bedeuten. Um die Wachsamkeit der eigenen Truppen zu schärfen, wendeten amerikanische Physiker der »RAND Corporation« spieltheoretische Modelle an: Die Soldaten sollten im Rüstungswettkampf mit der sowjetischen Armee ein Spiel sehen, in dem es darum geht, jede Bewegung, jede Handlung des Gegners als einen Spielzug zu bewerten. Um nicht in die Falle des Mitspielers zu tappen, denn jeder Schritt konnte ein gewieftes Manöver bedeuten, um den Sieg davon zu tragen, gilt als oberste Handlungsprämisse, in jedem Fall das Schlimmste anzunehmen. Nur wer vernünftig, also rational ist, gleichbedeutend in höchstem Maße egoistisch und ausschließlich an sich selbst denkt, dem gelingt es, seinem Gegenüber nicht auf dem Leim zu gehen. Der moderne Homo oeconomicus war geboren, der als Entscheidungsmaxime nur seinem Eigennutz folgt. Jede Interaktion lässt sich gleich einer mathematischen Formel berechnen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion transportierten die Physiker die spieltheoretischen Modelle in die Sphäre der Ökonomie und die Logik des kühl, rationalen Homo oeconomicus fand Eingang in die Gesellschaft.

Darauf beruht die Basis für Schirrmachers Argumentationslinie. Die egoistische Handlungsmaxime eignete sich ideal für die Logik der ökonomischen Märkte. In Verbindung mit den digitalen Errungenschaften lässt sich das Verhalten des Gegenspielers minutiös berechnen. Ganze Abteilungen der Investmentbanken seien damit beschäftigt, die Absichten konkurrierender Händler aus einem riesigen Datenmaterial mithilfe von Computern und der Spieltheorie in atemberaubender Geschwindigkeit zu entschlüsseln und ihr eigenes Handeln danach auszurichten, schreibt Schirrmacher. Wer am Markt im Kampf bestehen will, hat nur sein eigenes Wohl im Sinn, Kooperation ist dem Niedergang gleichzusetzen.

Düstere Szenarien

Die Crux besteht nun darin, dass das Denken des Homo oeconomicus nicht in der Arena der Ökonomie verhaften bleibt, sondern in sämtliche gesellschaftlichen Sphären der Gesellschaft sickert. Das ist die Pointe, die Schirrmacher setzt und in halsbrecherischem Tempo serviert. Wir selbst entwickeln uns zunehmend zu rationalen Monstern, die sich egoistisch und misstrauisch gegenüber unseren Mitmenschen verhalten. Durch die Möglichkeiten der modernen Technik tröpfelt uns die Ökonomie diese Handlungsmaxime ein, damit sich unser Verhalten, Denken und Handeln vorhersagen, in Zukunft gar steuern lässt. Starker Tobak den Schirrmacher in reißerischer Sprache präsentiert. Es mangelt an empirischen Belegen und doch fällt es schwer, sich der Sprachgewalt des Journalisten zu entziehen. Er beleuchtet die Debatte nicht unter akademischen, vielmehr unter feuilletonistischen Aspekten und liefert dabei einige reizvolle Denkanstöße. Die Logik des Marktes breitet sich aus wie ein Virus, die Politik weiß sie schon längst nicht mehr zu bändigen, sondern ordnet sich ihr unter. »Die politischen Akteure sitzen in der Falle. Dass das so war, sagten sie selbst, sagten Medien, Analysen, sah jeder, der die Nachrichten anschaltete«, hält Schirrmacher fest. Die Irrungen und Wirrungen der Eurokrise haben mehr denn je verdeutlicht, dass die Parlamente sich in der Rolle der Getriebenen wiederfinden, statt als treibende Kraft zu agieren.

Bei Weitem nicht das einzige düstere Szenario, welches der Autor aufzeichnet. Das Verkommen des primären Bildungsideals macht Schirrmacher als weitere Folgeerscheinung aus. Es gehe nicht mehr darum, Wissen anzuhäufen, sondern Informationen, mit denen sich nach Marktregeln erfolgreich spielen lässt. Der rationale Spieler handelt nach der Logik des Homo oeconomicus keinesfalls primär mit ehrlichen Mitteln. Mit allen Mitteln soll ein künstliches Ich geschaffen werden, Lebensläufe werden poliert und modelliert, man denke nur an Facebook, damit sie sich gleich einer Ware mit hohem Profit verkaufen lassen. Diese Logik erfordert Eigenverantwortung, jeder ist seines Glückes Schmied oder wie in der Werbung propagiert: »Du kannst alles sein, was du sein willst!« Schirrmacher bedient sich für diese Diagnose noch stärker dem ökonomischen Vokabular, jeder Mensch müsse zum Mensch seines eigenen Ichs werden. Der Gedanke ist nicht neu – bereits Michel Foucault erkannte die wachsende Tendenz des unternehmerischen Selbst – und doch hat er aufgrund der schirrmacherischen Heftigkeit seine Geltung.

Aufregend zukunftsweisend

Es ist unzweifelhaft, dass Schirrmachers Thesen Kontroversen hervorrufen. Kritiker werden sie als antiamerikanistisch deuten oder als Verteufelung des modernen Fortschritts im Stile eines Erben Adornos. Wieder andere werden die mangelnde Beweislage anfechten. Dennoch bietet Ego genug Anknüpfungspunkte, die der Kapitalismusdebatte neue Anreize bieten. Wer sich auf Schirrmachers Werk einlässt, kann einige aufregende und zukunftsweisende Ansichten gewinnen.

| MARC STROTMANN

Titelangaben
Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens
München: Blessing 2013
352 Seiten. 19,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Nomen est omen

Nächster Artikel

Ein Augenblick Frieden reicht nicht

Weitere Artikel der Kategorie »Gesellschaft«

Einladung zur Toleranz

Jugendbuch | Julius Thesing: You don’t look gay

Vielleicht war ich lange sehr naiv. Schwule und Lesben in unserer Gesellschaft? Nicht wirklich ein Problem. Klar, es gab und gibt Menschen mit Vorurteilen, aber im 21. Jahrhundert ist das doch wohl eine verschwindende Minderheit. Von ANDREA WANNER

Was die Welt nicht braucht

Gesellschaft | Renée Schroeder: Von Menschen, Zellen und Waschmaschinen Überbevölkerung, Überproduktion, Konsumrausch, Konkurrenzdenken, digitale und religiöse Demenz, Krankheiten durch Falschernährung, der Welt geht es schlecht. Das konstatiert zumindest die österreichische Biochemikerin und Zellbiologin Renée Schroeder in ihrem neuen Buch Von Menschen, Zellen und Waschmaschinen. Eine Anstiftung zur Rettung der Welt und serviert gleich die wahre Lösung für alle Probleme. Die allerdings ist eine, die die Welt bestimmt nicht braucht, meint MAGALI HEISSLER.

Alle Wondrak-Kolumnen in einem Band

Gesellschaft | Janosch: Herr Wondrak, wie kommt man durchs Leben?

Das muss man eigentlich gar nicht erwähnen: es ist ein Muss für alle Janosch-Fans, diese 350 Janosch-Zeichnungen von Wondrak und dessen Ansicht zu allen wichtigen Lebensbereichen. Sie kennen doch Wondrak? Den »Held des Alltags«, diesen schnauzbärtigen, immer in gleicher Latzhose gekleideten, Pantoffel tragenden Mann, der irgendwie, so gestreift an Tiger und Bär erinnert. Der immer so leicht missmutig, zumindest desinteressiert schaut, dabei auch ein wenig an Ekel Alfred erinnert, der auch nie um eine Antwort oder Erklärung verlegen war. Ein wunderbarer Band – meint BARBARA WEGMANN

Öffnung westlicher Industriegesellschaften

Gesellschaft | Bonaventura de Sousa Santos: Epistemologien des Südens Der vorliegende Band diskutiert und präzisiert zentrale Themen der Weltsozialforen, einer seit 2001 jährlichen Veranstaltung internationaler Globalisierungskritiker, die sich als Alternative zu den Gipfeln der Welthandelsorganisation WTO und den jährlichen Zusammenkünften des Davoser Weltwirtschaftsforums und den G20-Gipfeln versteht. Von WOLF SENFF

Pamphlet im besten Sinne

Gesellschaft | Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand Seit einigen Monaten rauscht es gewaltig im deutschen Blätterwald. Die Schrift ›Der kommende Aufstand‹ eines namenlosen französischen Autorenkollektivs kritisiert ungeschminkt die Zivilisation westlicher Prägung, ausgehend von den Aufständen französischer Jugendlicher aus den Pariser Vorstädten. Seit seiner Veröffentlichung unterliegt das Werk einem heftigen Kampf um die ideologische Deutungshoheit: Linkes Politmanifest? Rechtes Ideologiekonzept? Terroristenhandbuch? Es ist an der Zeit, die weltanschauliche Voreingenommenheit über Bord zu werfen und den Blick auf die Inhalte zu lenken. Handelt es sich bei dieser Streitschrift tatsächlich um revolutionäre Gebrauchslyrik? Ist der Text eine Bestandsaufnahme westlicher Gesellschaften am Vorabend des Umsturzes?