Nomen est omen

in Comic

Comic | Pierre Wazem (Text) / Tom Tirabosco (Zeichnungen): Im Dunkeln

Im Dunkeln tappt in diesem Comic nicht nur die Protagonistin, sondern vermutlich auch der ein oder andere Leser. BORIS KUNZ war einer von ihnen.
Im Dunkeln
Mittlerweile ist es im Teilchenbeschleuniger des CERN wohl gelungen, das sagenumwobene Higgs-Teilchen nachzuweisen. Damit hätte der gigantische Apparat eine jener bahnbrechenden Erkenntnisse geliefert, auf die man gehofft hat. In jedem Fall hat er aber als Inspirationsquelle für so viele Filme, Romane und auch Comics gedient, so dass sich sein Bau schon gelohnt hat für die Menschheit. Doch mit Teilchenphysik haben viele dieser Storys nur am Rande zu tun. So auch im vorliegenden Comic. Hier steht die Kollision von Materie und Antimaterie in Wirklichkeit für etwas ganz anderes. Oder doch nicht?

Von der Beobachtung zur Lektüre

Die ersten Seiten von Im Dunkeln jedenfalls machen nicht den Eindruck, als würden sie auf eine Science-Fiction-Story wissenschaftlich-philosophischer Prägung abzielen. Stattdessen sind dort in bodenständigen, allein in Schwarz, Weiß und Blau gehaltenen Kreidezeichnungen genau beobachtete Impressionen aus dem Leben eines kleinen Mädchens zu einem ruhigen und faszinierenden Stimmungsbild montiert. »So lange ich denken kann, habe ich mich gelangweilt«, beginnt das Voice Over der Protagonistin, und die Illustrationen spüren diesem Gefühl meisterhaft nach, fangen Alltagsdetails in einer Weise ein, die dieses eigentümliche Lebensgefühl eines in einer Betonlandschaft verlorenen Mädchens lebendig werden lässt, ohne dabei die beschriebene Langweile in negativer Weise auf den Leser zu übertragen.

Ein Beispiel sei herausgegriffen: Als die Protagonistin sich an die Urlaubstage erinnert, die sie mit ihren Eltern früher am Strand verbracht hat, rückt Tirabosco in einem Panel eine Reihe vom im Sand ausgedrückten Zigarettenstummeln in den Vordergrund. Abgesehen davon, dass er hier ein später noch wiederkehrendes Motiv einführt, genügt dieses Detail, um an die Erfahrungswelt der Leser – an dieser Stelle des Albums sollte man sie jedoch eher »Beobachter« nennen – anzuknüpfen. Das zieht einen in das Album, lange, ehe das Wort »Teilchenbeschleuniger« irgendwo gefallen ist.

Dieses Wort fällt dann erst einige Seiten später, als wir in der Gegenwart unserer eigentümlichen Heldin angekommen sind. Diese lebt in einer Welt, in der es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht mehr gibt, weil sämtliches Tageslicht von einem schwarzen Loch aufgesogen wird, das vermutlich bei einem außer Kontrolle geratenen Experiment entstanden ist, eben im CERN bei Genf, wo die Geschichte spielt. Vor drei Wochen ist dieser Unfall geschehen, ungefähr zur gleichen Zeit als die Zwillingsschwester unserer Protagonistin in einen rätselhaften, komaartigen Schlaf versunken ist. Eine Reihe merkwürdiger Zufälle, in der ein misslungener Überfall und ein verlorenes Handy eine Rolle spielen, bringt unsere Heldin mit der resoluten Besitzerin einer Pfandleihe zusammen, die sich selbst als Hexe bezeichnet und die sofort ahnt, dass zwischen dem Komaschlaf der Schwester und dem Verschwinden des Lichts ein Zusammenhang bestehen muss.

Die Schwester dagegen, ebenfalls namenlos und ebenfalls von melancholischer Schönheit, erwacht gleichzeitig mitten in den Wartungsgängen des Bunkers, in dem der Teilchenbeschleuniger steht. Dort begegnet sie einem einsamen und verlorenen Techniker, der nicht von dieser Welt zu sein scheint, von dem wir ein paar ganz grundsätzliche Lektionen in Physik erhalten, und der ebenfalls der Meinung ist, dass das Schwarze Loch und das Schicksal der Zwillingsschwestern miteinander verbunden sind. Das klingt jetzt schwer nach Lost oder Morning Glories, ist aber eigentlich genauso wenig Science-Fiction oder Mystery wie Lars von Triers Melancholia oder der Film Another Earth.

Von der Lektüre zur Interpretation

Die Geschichte changiert seltsam ungreifbar zwischen modernem Märchen, psychoanalytischem Drama und philosophischer Science-Fiction hin und her. Erinnerungen und Realitätsebenen greifen auf eine Art und Weise ineinander, die dem Leser zwar bald das Gefühl gibt, es in jedem Bild mit einem Puzzleteil zu tun zu haben, ihn aber lange im Dunkeln darüber lässt, wie das Bild aussehen könnte, zu dem diese Teile sich zusammenfügen werden. Man weiß nie so ganz, wie die angebotenen Deutungsebenen sich zueinander verhalten, ob das Album ernsthaft als Parabel über die Kollision von zwei Welten oder doch als ein Traum gelesen werden will. Ob diese Konfusion einen als Leser irgendwann stört oder erst recht fasziniert, ist letztendlich wohl eine Geschmacksfrage – ob eine nachträgliche Deutung der Geschichte sich als ergiebig erweist oder ihren Zauber zerstört, ist während der Lektüre schwer zu sagen.

An mir selbst konnte ich zumindest das Phänomen beobachten, dass die Lesegeschwindigkeit sich mit voranschreitender Seitenzahl beträchtlich erhöht hat. Je mehr der Plot sich zusammenfügt, desto weniger laden die Bilder zum Verweilen und die Stimmungen zum Nachfühlen ein. Das liegt aber nicht daran, dass die Geschichte am Ende (trotz Verfolgungsjagden und der Konfrontation mit albtraumhaften Gestalten) eine rasante Thrillerspannung aufbaut, sondern eher daran, dass die Magie sich etwas verflüchtigt, je absehbarer wird, wie alles ausgeht. Erst ganz am Schluss findet die Geschichte dann wieder zu ihrer beobachtenden und poetischen Ruhe zurück.

Allein aus ästhetischen Gesichtspunkten ist Im Dunkeln ebenso sehr gelungen wie das ähnlich gelagerte Vorgängeralbum, Das Ende der Welt. Der avant-Verlag hat sich wieder einmal große Mühe gegeben, dem Album das Format und das Papier zu gönnen, in dem die Qualitäten der wunderschönen Zeichnungen am besten zum Tragen kommen. Autor Pierre Wazem scheint zu wissen, dass er sich auf die Fähigkeiten seines Zeichners verlassen kann und überlässt in diesem Album vieles den Bildern – der genauen Beobachtung und dem geschickten Umgang mit wiederkehrenden visuellen Elementen (bei denen auch das klassische weiße Kaninchen nicht fehlt). Seine Erzähltexte sind voller Poesie, und auch leise, humoristische Zwischentöne kommen zum Tragen. Nur bei der Frage, ob er die Geschichte mit einem offenen Mysterium oder einer kohärenten Auflösung beendet, hat Wazem sich leider für einen Mittelweg entschieden, mit dem er vermutlich nicht jeden Leser glücklich machen wird.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Pierre Wazem (Text) / Tom Tirabosco (Zeichnungen): Im Dunkeln (Sous-Sols)
Aus dem Französischen von Lorenz Hatt
Berlin: Aavant Verlag 2012
120 Seiten, 19,95 Euro

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