Profis am Werk

Comic | Zum Abschuss freigegeben/Dieb der Diebe

Wenn Meisterdiebe oder Profikiller die Hauptfiguren von Kriminalgeschichten sind, dann haben sie meistens nur einen Wunsch: Einen letzten, großen Job zu erledigen und sich anschließend zur Ruhe zu setzen. Daraus wird dann entweder ein glanzvolles Kabinettstückchen oder eine komplette Katastrophe, beides sehr zur Befriedigung des Lesers.

Zum Abschuss freigegeben
BORIS KUNZ hat dem Dieb der Diebe (von Robert Kirkman und Nick Spencer) sowie einem missmutigen Mörder mit Magengeschwür in Zum Abschuss freigegeben (von Tardi und Manchette) bei der Arbeit zugesehen.

Zum Abschuss freigegeben

Thompson ist Engländer und verdingt sich in Frankreich als Auftragskiller. Er verdient zwar eine Stange Geld, in letzter Zeit machen ihm aber seine Magenkrämpfe die Arbeit schwer, und er überlegt sich, den Job aufzugeben. Ein Angebot aber nimmt er noch an, in dem er Teil eines teuflischen Plans des Seifenmillionärs Michel Hartog wird. Gemeinsam mit ein paar Handlangern soll Thompson Hartogs Neffen Peter und dessen Kindermädchen Julie entführen. Dieses Kindermädchen hat Hartog nicht ohne Hintergedanken aus einer Nervenheilanstalt rekrutiert. Der kleine Peter soll beseitigt und die labile Julie zum Unterschreiben eines Geständnisses gezwungen und anschließend im Wald erhängt werden, als hätte sie sich nach dem im Wahn begangenen Mord an dem Knaben selbst umgebracht. Ein perfekter Plan, der Hartog zum Alleinerben des Vermögens seines Bruders und Thompson zu einem reichen Mann machen soll.

Doch dies wäre kein Comic nach einer Romanvorlage von Jean-Patrick Manchette, wenn ein so perfekter Plan auch so perfekt aufgehen würde. Hartog und Thompson haben nicht damit gerechnet, dass die gegen Medikamente immunisierte Julie unempfindlich auf das ihr verabreichte Schlafmittel reagiert, noch vor ihrem arrangierten Suizid wieder wach wird, sich befreien kann und auf sehr resolute Art und Weise die ganze Geschichte in die Hand nimmt. Es ist ein kleiner Fehler, ein winziger Moment der Unachtsamkeit, der alles ins Wanken bringt und eine unaufhaltsame Kettenreaktion eruptiver Gewalt in Gang setzt: Julie ist jetzt mit dem kleinen Peter auf der Flucht und dabei ganz auf sich gestellt. Von der Öffentlichkeit wird sie für eine irre Kidnapperin gehalten, von den Gangstern gnadenlos verfolgt, um sie zum Schweigen zu bringen.

Die Eleganz, mit der Manchette den Plan der Verbrecher erst ausbreitet und dann genüsslich sabotiert, bleibt leider nicht bis zum Ende der Story demselben düsteren Realismus verpflichtet, sondern gleitet nicht nur in ein paar Gewaltexzesse, sondern auch in ein paar eigentümliche Absurditäten ab, wenn Thompson beispielsweise bemerkt, dass sich seine Magenkrämpfe vor allem dann beruhigen, wenn er das rohe Fleisch eigenhändig getöteter Tiere zu sich nimmt.

Über Jacques Tardi, der Manchettes Krimivorlage aus den frühen Siebzigern gewohnt kongenial umsetzt, muss man an dieser Stelle wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Seine authentischen Zeichnungen sind wieder komplett schwarz-weiß belassen, die dicht gefüllten Seiten vermitteln in den Hintergründen jene chaotische Unruhe, die sowohl zur nervösen Konstitution von Juli, als auch zum immer weiter ausufernden Chaos der Situation passt. Man bekommt, was man erwartet, und wer an der wunderbaren Graphic Novel Im Visier aus gleicher Feder seine Freude hatte, der wird auch von Zum Abschuss freigegeben sicherlich bestens unterhalten.

Dieb der Diebe

»Beste Unterhaltung« ist auch ein gutes Stichwort, um über Dieb der Diebe zu berichten, eine Kriminalgeschichte, für die gleich zwei der momentan furiosesten Autoren der amerikanischen Comicszene verantwortlich zeichnen, nämlich Robert Kirkman, dessen großer Erfolg The Walking Dead sich mittlerweile auch sehr gut als Fernsehserie bewährt, und Nick Spencer, dessen kühne Plots aus sich auftürmenden Geheimnissen in seiner Serie Morning Glories den Verfasser dieser Zeilen Großes hoffen und Schlimmes befürchten lassen. Tatsächlich bietet Dieb der Diebe eine Kombination aus den Stärken beider Autoren: Kirkmans Gespür für stimmige Figuren und geschliffene Dialoge und Spencers furchtloser Umgang mit verschachtelten Zeit- und Handlungsebenen. Beides geht hier Hand in Hand, und man kann sich gut vorstellen, wie Spencer Kirkman in den Hintern tritt, um den Plot schneller voranzutreiben, während Kirkman Spencers Höheflüge immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt und in Figuren und Situationen verankert, die etwas mit Realismus zu tun haben.
Dieb der Diebe
Meisterdieb Redmond scheint – vor seiner gescheiterten Ehe einmal abgesehen – vor allen Dingen ein Luxusproblem zu haben: Er hat das Gefühl, langsam zu alt für seine Tätigkeit zu werden, die ihn nervlich und körperlich sehr beansprucht, und er hat sich inzwischen auch genug Vermögen beiseite geschafft, um auf den lange vorbereiteten letzten Job in Venedig zu verzichten, auch wenn einige seiner Komplizen ihm das übel nehmen werden. Doch ausgerechnet, nachdem er im Kreise seiner Freunde und Partner das Handtuch geworfen und sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat, erscheint FBI Agent Elisabeth Cohen, die ihm seit Jahren eines seiner Verbrechen nachweisen will, und informiert ihn darüber, dass sein Sohn Augustus im Knast gelandet ist – und dass er dort vermutlich lange Zeit bleiben wird, wenn der Vater nicht bereit ist, dem FBI im Austausch für seinen Sohn einen viel dickeren Fisch zu liefern… nämlich sich selbst!

Für einen Moment sieht es so aus, als stecke Redmond in einer Zwickmühle, hat er doch das Gefühl, als Vater einiges wieder gut zu machen zu haben. Aber ist er deswegen bereit, für Augustus den Rest seines Lebens im Knast zu verbringen? Doch dann entscheidet sich Redmond für eine dritte Lösung und versammelt ein weiteres Mal sein Team von Experten um sich…

Mehr sollte man nicht verraten, um dem Leser nicht die Freude an dieser wendungsreichen und clever eingefädelten Erzählung zu nehmen. Die Parallelen zu Ocean`s Eleven drängen sich natürlich auf, und das ist auch kein Wunder, denn Kirkman und Spencer bedienen hier gekonnt alle Genrevorgaben eines Heist-Movies: Vom sympathischen Gentlemen-Verbrecher als Hauptfigur, über das beliebte Team von exzentrischen Spezialisten, das in einer ausführlichen Rekrutierungs-Montage eingeführt wird, bis hin zur erotischen Spannung zwischen Jäger (FBI Agent Cohen) und Gejagtem (Redmond) oder dem Motiv, dass es am Ende nicht immer um die große Beute, sondern um möglicherweise wertvollere zwischenmenschliche Angelegenheiten geht. Obwohl die Geschichte voller Überraschungen steckt, hat man am Ende genau das bekommen, was man erwartet hat. Der Comic arbeitet sogar damit, dass einem der Ablauf und die Versatzstücke vertraut sind, um gekonnt mit Erwartungen und Klischees zu spielen und Abkürzungen in der Story nehmen zu können.

Auch der Zeichner Shawn Martinbrough orientiert sich an filmischen Vorbildern. Die meisten seiner klar aufgebauten Seiten bestehen aus breiten Panels gleicher Größe, deren Seitenverhältnis an das Cinemascope-Format großer Kinofilme erinnert. Inhaltlich stehen die Figuren im Vordergrund, die Nahaufnahme von Gesichtern ist die am meisten bediente Einstellung. Abgesehen von Verhör- oder Tresorräumen findet die Handlung überwiegend in schicken Penthäusern und noblen Lokalen statt, die dem Coloristen Felix Serrano viel Gelegenheit zum Einsatz einer gekonnt ausbalancierten Farbpalette zwischen dreckigem Grün, gedecktem Rot und strahlendem Blau geben, aus denen der Comic seine optische Eleganz gewinnt.

Entscheidend ist, dass der Leser in Dieb der Diebe über den Plan des Meisterdiebes immer ein Stück im Dunkeln gelassen wird. Man hat zwar eine Ahnung davon, was Redmond vor hat, wird aber auch immer wieder auf falsche Fährten gelockt, um am Ende überrascht werden zu können. Während man bei Tardi und Manchette sein Vergnügen damit hat, einem gemeinen Plan, den man kennt, beim Scheitern und Auseinanderfallen zuzusehen, darf man bei Dieb der Diebe einem Plan beim Gelingen zusehen, der sich erst Stück für Stück vor einem entfaltet. Beides ist spannend und dank des ironischen Erzähltons beider Alben dazu noch sehr amüsant.

| BORIS KUNZ

Titelangaben

Jaques Tardi (Text und Zeichnungen), nach einem Roman von Jean-Patrick Manchette: Zum Abschuss freigegeben (Ô Dingos, ô Châteaux!).
Aus dem Französischen von Wolfgang Bortlik und Marin Aeschbach.
Zürich: Edition Moderne 2012.
96 Seiten, 24 Euro.
Leseprobe

Robert Kirkman, Nick Spencer (Text) / Shawn Martinbrough (Zeichnungen), Felix Serrano (Farben): Dieb der Diebe Band 1: „Ich steige aus“ (Thief of Thieves 1-7). Aus dem Amerikanischen von Marc-Oliver Frisch. Stuttgart: Panini Verlag 2013. 156 Seiten, 16,95 Euro.
Leseprobe

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