Zwischen Harlekin und Prophet

Roman | Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen

Die zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Urs Widmer am 21. Mai erschienenen gesammelten Erzählungen. Vorgestellt von PETER MOHR

Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen
»Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi.« So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman ›Ein Leben als Zwerg‹ ein, der – aus der Perspektive des Lieblingsspielzeugs des Sohnes – eine Fortsetzung seiner beiden »Familien«-Romane ›Der Geliebte der Mutter‹ (2000) und ›Das Buch des Vaters‹ (2004) bildete und uns gleichzeitig diverse Facetten des Autors präsentierte: den ernsten nachdenklichen Schriftsteller und den märchenhaften, verspielten Fabulierer.

Urs Widmer gehört zu den wenigen zeitgenössischen Schriftstellern, für die Humor und Tiefsinn keinen unüberbrückbaren Gegensatz darstellen. Moderne Märchen, bizarre Theaterstücke, sprachartistische Hörspiele und kunterbunte Erzählwerke hat der in Zürich lebende Autor in den letzten 45 Jahren vorgelegt – stets darauf bedacht, die Waage zu halten zwischen Aufklärung und anspruchsvoller Unterhaltung.

Einen repräsentativen Querschnitt aus Widmers künstlerischem Schaffen hat der Diogenes Verlag nun mit einem opulenten, hochwertig ausgestatteten Band vorgelegt, der 32 Erzählungen enthält – angefangen mit Widmers Debütwerk Alois (1968) bis hin zu Reise nach Istanbul (2010).

»Ich lebe seit 1968 von dem, was ich schreibe. Das muss mir zunächst einmal einer nachmachen, das ist realistisches Schreiben. Am Anfang hatten wir null Geld. Aber ich kann mich an keine Sekunde des Leidens, an keine Armut erinnern«, erklärte Widmer, der heute* vor 75 Jahren als Sohn eines Gymnasiallehrers, Übersetzers und Literaturkritikers in Basel geboren wurde. Als er 1968 mit seiner Erzählung Alois debütierte, hatte er gerade sein Studium mit der Promotion abgeschlossen und arbeitete als Verlagslektor bei Suhrkamp.

Urs Widmer, der sich ausgiebig mit Nabokov und Joseph Conrad beschäftigt hat, beherrscht die gesamte Bandbreite der literarischen Genres und betreibt ein amüsantes Verwirrspiel mit den künstlerischen Formen. In den Erzählwerken Der blaue Siphon (1992) Liebesbrief für Mary (1993) und Im Kongo (1996/alle auch bei Diogenes erschienen) dominiert eine eigenwillige Mischung aus surrealistischen Sequenzen und knallhartem Realismus. Mit den wechselnden Schauplätzen (Australien, Zürich, Kongo) changiert auch Widmers Erzählduktus. Je exotischer das beschriebene Ambiente, umso farbenfroher, ausdrucksstärker und vitaler wird die Sprache, die in einigen Passagen beinahe expressionistische Sphären tangiert.

Trotz seiner formalen Verspieltheit ist Widmer, der sich auch erfolgreich als literarischer Übersetzer betätigte, niemals ein Elfenbeinturm-Poet gewesen. Sein erfolgreichstes Theaterstück Top Dogs, für das er 1997 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, ist das Ergebnis einer intensiven Recherche in Managementkreisen. In nur drei Monaten hat Widmer dieses Stück, das auf über 40 Bühnen gespielt wurde (und noch gespielt wird), in Zusammenarbeit mit dem damaligen Züricher Theaterintendanten Volker Hesse fertiggestellt. »Top Dogs ist zu keiner Sekunde langweilig«, urteilte der renommierte Regisseur und Intendant Volker Canaris.

Ob in dem skurrilen Geschichtenband Vor uns die Sintflut (1998), im weniger geglückten Theaterstück Bankgeheimnisse (2001 in Zürich uraufgeführt), im Essayband Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück oder in seinen diversen Zeitungskolumnen: Urs Widmer ist immer ein präziser Beobachter des Alltags, ein feinsinniger Analytiker, der vehement gegen das »Paradies des Vergessens« (so hieß eine 1990 erschienene Erzählung, die im neuen Sammelband ebenfalls enthalten ist) anschreibt.

Auch in seinem letzten Roman Herr Adamson (2009) treibt Widmer, der tiefsinnige Schelm unter den zeitgenössischen Autoren, wieder allerlei fantastischen Schabernack. Ein Greis erinnert sich an seinem 94. Geburtstag, den er am 20. Mai 2032 feiert (es wäre dies auch Widmers 94. Geburtstag), an eine Begegnung aus Kindheitstagen. Der alte Mann mit Schnauzbart und zotteligen Strähnen um den Glatzkopf herum ähnelt (wohl nicht zufällig) Widmers eigenem äußeren Erscheinungsbild. »Mein Lachen ist zur einen Hälfte Utopie und zur anderen Hälfte der verzweifelte Versuch, die Schrecken auszuhalten«, hatte der Autor einmal in einem Interview erklärt.

»Kann man denn nicht lachend auch sehr ernsthaft sein?«, heißt es in Lessings »Minna von Barnhelm«. Urs Widmer – mal spottender Harlekin, mal weiser Prophet, hat dies eindrucksvoll geschafft.

| PETER MOHR

Titelangaben
Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen
Zürich: Diogenes 2013
759 Seiten. 29,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kasse machen

Nächster Artikel

Profis am Werk

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Wenn der Zaunkönig singt

Kurzprosa | Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch »Wenn der Zaunkönig singt, dauert es nicht mehr lange bis zum Sonnenaufgang.« Diese kurze Phase will die Protagonistin in Hans-Ulrich Treichels neuer Erzählung Tagesanbruch nutzen, um sich von ihrem gerade verstorbenen Sohn zu verabschieden und gleichzeitig eine Lebensbeichte abzulegen. Von PETER MOHR

Wette

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Wette

Wette, sagte Annika, sie habe mit Wette gesprochen, er sei daran interessiert, Doppelkopf zu spielen, was nicht als Absage zu verstehen sei, aber sie möge gern auch Hüttmann fragen.

Schön, sagte Farb und tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne, die Farb auf der Pflaumenschnitte langsam und sorgfältig glattstrich.

Wette, sagte Farb, hatte Wette nicht Psoriasis, eine Zeitlang sogar im Gesicht, die Haut sei ein sensibles Organ.

So etwas grenze dich aus aus dem Alltag, sagte Tilman, du wirst nicht länger als zugehörig empfunden, doch allem Anschein nach sei das besser geworden.

Maschinenwesen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Maschinenwesen

Von wem das Wort stammt?

Maschinenwesen? Vom Goethe aus Europa.

Und, Thimbleman?

Es trifft.

Wie, es trifft.

Du siehst es überall, wirf einen Blick in den Hafen, der Windjammer werde vom maschinengetriebenen Dampfer abgelöst, und über Land werde der Schienenstrang der Eisenbahn bis hin zum Pazifik verlegt.

Das wäre das Maschinenwesen?

Es tickt die Zeit, das Jahr dreht sich im Kreise

Menschen | Literaturkalender 2018 Gleich nach den Sommerferien tauchen sie auf: die ersten Lebkuchen im Supermarkt, in den Buchhandlungen die Kalender für das nächste Jahr. Zu den lukullischen Vorboten folgen literarische. Wer sich noch nicht durch seinen Lieblingskalender geblättert hat, findet hier zur Einstimmung einen Ausblick auf alte Bekannte und neue Entdeckungen. Von INGEBORG JAISER

Von Rügen nach Rom

Kurzprosa | Hartmut Lange: An der Prorer Wiek und anderswo »In der Unheimlichkeit steht das Dasein ursprünglich mit sich selbst zusammen.« Dieser Heidegger-Satz, den Hartmut Lange 1994 seinen Erzählungen ›Schnitzlers Würgeengel‹ vorangestellt hatte, könnte auch als Leitmotiv für den neuen, zehn Novellen umfassenden Band des Berliner Autors fungieren. Von PETER MOHR