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Siebenundvierzig

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Siebenundvierzig

Meine Güte, Farb stöhnte, wie solle man das beschreiben.

Man möchte es nicht glauben, sagte Annika.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Da komme einiges zusammen, konstatierte Wette

Farb strich die Sahne auf seinem Kuchen langsam und sorgfältig glatt.

Ein Medienspektakel, sagte Wette, der Moderator präsentiere sich dem Publikum, bei ihm tanze der Bär, täglich würden Neuigkeiten angekündigt, breaking news, Aufgeregtheiten, sensationell aufgebrezelte Ansagen, Sprüche, fake news, Schockeffekte, Beleidigungen, nur daß keine Pause entstehe, einen nüchternen Gedanken zu fassen, sondern es müsse etwas geschehen, unbedingt, und zwar sofort.

Farb lachte. Ob das nicht eh zu den grundlegenden Regeln der Medienwelt gehöre, frage er sich, ein lärmendes, heilloses Durcheinander zu erzeugen, Räuberpistolen, Mord und Totschlag, auf daß man sich mittendrin fühle, aber trotzdem keine Ahnung davon habe, was wirklich geschehe.

Amüsant, sagte Wette, doch daß er den Moderator verkörpere, lärmend, schrill, verrückt, das sei ein kleiner Teil seines Spiels, es habe viele Facetten.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte und dachte darüber nach, ob er dazu nicht doch lieber eine Tasse Kaffee tränke, genieße man Yin Zhen nicht sowieso besser ohne Pflaumenschnitte.

Maskulin, ergänzte Wette, in vielerlei Hinsicht maskulin, er lasse sich als Held feiern, ein Autokrat, Weiblichkeit betrachte er als sexuell verfügbar.

Nur noch peinlich, sagte Farb.

Er lasse nichts aus, sagte Wette, Gott, so prahle er, stehe ihm zur Seite, und er erinnere an das Attentat, wie könne es angehen, daß so jemand von einer Mehrheit gewählt werde, gelte der Mensch doch gemeinhin als vernünftig.

Farb stöhnte gequält. Es nehme kein Ende, sagte er, sei aber kein Spiel, weiß Gott nicht, sondern brandgefährlich, er breche mit den vertrauten Abläufen einer kontinuierlich gewachsenen Zivilisation, die Barbarei halte triumphalen Einzug.

Stets auf der Höhe der Zeit und Hand in Hand mit den neuesten Errungenschaften der Moderne, spottete Wette.

Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, es handle sich um eine Meute halbstarker Männer, die eine Gelegenheit gefunden hätten, sich auszutoben, sagte Farb, man fahre Harley, das Alphamännchen führe die Meute an, doch das sei kein Spiel, im Gegenteil, sie würden Übereinkünfte verlassen, USAID, und von einem Tag auf den anderen die medizinische Versorgung von Millionen Menschen in Afrika aufkündigen, sie wollten Millionen von Migranten aussiedeln, Grönland käuflich erwerben, ihre Vorstellungen für eine politische Ordnung im Nahen Osten seien abenteuerlich, nein, sagte Farb, eine Meute Halbstarker sei das sicher nicht, sie würden das Land von der Gemeinschaft der Völker isolieren, es an den Abgrund führen.

Ob das der Kulminationspunkt sei, an dem ebenso die Moderne ihren Gipfel überschreite und nun steil abstürze, frage er sich, sagte Wette, das Land habe einige Jahrhunderte westlicher Zivilisation geprägt, seine Zeit als einzige Weltmacht sei jedoch offenkundig seit längerem vorüber, eine multipolare Welt bilde sich aus, und man werde über kurz oder lang feststellen, daß die verwegenen politischen Eskapaden ins Leere liefen.

Und wie stehe es im Land selbst, fragte Farb, wie werde dort der Konflikt ausgetragen zwischen einem selbstherrlich agierenden Präsidenten und den geschwächten staatlichen Instanzen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wette hätte gern noch Doppelkopf gespielt.

Tilman warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Farb tat sich eine zweite Pflaumenschnitte auf und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Schwierig, sagte Wette, die Bevölkerung sei zutiefst gespalten, der Politik werde mißtraut, die amtierende Regierung aus politischen Dilettanten, eine bunt zusammengewürfelte Truppe, erweise sich mehr und mehr als den realen Problemen nicht gewachsen, Maßnahmen gegen die Erderwärmung würden zurückgenommen, die Stimmung im Land sei aggressiv, und was an selbstgefälligen Reden verbreitet werde, was an Rassismus wiederauflebe, sei dem inneren Frieden keineswegs förderlich, nein, im Gegenteil, sagte Wette, auch werde das aggressive Auftreten nach außen dem Autokraten letztlich auf die Füße fallen, und wer es trotz allem noch gut meine mit dem Land, der müsse sich ernsthaft sorgen.

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Und, fragte Farb.

Er sei gespannt zu hören, sagte Wette, wie ein Außenstehender die Welt der Moderne wahrnehme.

Er habe sich während der vergangenen Tage umgetan, sagte Ramses, und nein, er sei erschrocken, die Zustände seien nicht erfreulich.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Wette nahm sich einen Marmorkeks.

Nicht erfreulich, wiederholte Ramses, das beginne mit dem herrschenden Personal.

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