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Stromausfall

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Stromausfall

Wenig vielversprechend, nein, vorbei, gute Laune war gestern.

Wie meinst du das, Wette?

Für gute Laune gibt es keinen Grund, nirgends.

Weshalb?

Sieh dich einmal um, Farb.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Das Gespräch stockte.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Die überkommene Ordnung bricht ein, sagte Wette, unausweichlich.

Eine Panne, beschwichtigte Farb, der Stromausfall auf der iberischen Halbinsel kürzlich sei eine Panne gewesen.

Wenn schon, sagte Wette, in den Medien werde das auf die leichte Schulter genommen, doch so könne man damit nicht umgehen, nein, so etwas dürfe gar nicht geschehen.

Tilman gab ihm recht. Das sei als eine Nachricht wahrgenommen worden wie alle anderen Nachrichten, sagte er, als eine Panne eben, und Reifenwechsel, und wieder alles gut, doch das sei falsch.

Farb aß von der Pflaumenschnitte.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Energieversorgung, sagte Tilman, sei existenziell, ohne Energie sei Matthäi am letzten, und nichts gehe mehr, das sei, sagte er, dem Mann vor der Mattscheibe vermutlich nicht bewußt, es sei denn er sei selbst einmal einem Stromausfall ausgesetzt gewesen und habe die Situation am eigenen Leib erlebt, nämlich daß nichts mehr funktioniere, weder das Netz noch das Mobiltelefon, vom Haushalt gar nicht zu reden, es sei alles auf Null zurück, gut, sagte er, vermutlich reichten die Lebensmittel für einige Tage aus, und der eine oder andere habe sogar einen Camping-Kocher in der Garage.

Damit könne man durchhalten, sagte Farb, zumindest einige Tage lang.

Tilman lachte. Das sei nicht das Problem, sagte er, denn es breche ja die gesamte Infrastruktur zusammen, der Ausfall der Ampeln werde den Verkehr lahmlegen, gar nicht auszudenken, was die Versorgung der Krankenhäuser angehe, den öffentlichen Nahverkehr, Schulen, Arbeitsplätze, und gut, sagte er, man habe Artikel über Nachbarschaftshilfe gelesen und neu erlebte Solidarität, aber das gehöre nicht zu den ernsthaften Nachrichten.

Länger anhaltend, sagte Farb, werde ein Stromausfall zum Problem, aber was könne man tun.

Nichts, sagte Wette, und Tschüß.

Das werde schwierig, sagte Tilman, Notstromaggregate etwa in Krankenhäusern seien in einem solchen Fall eine Hilfe, aber es komme eben eines zum anderen, und was geschähe, wenn die Ärzte ihre Krankenhäuser nicht erreichen würden, weil der Verkehr zusammenbräche, und nein, nicht einmal unsere milliardenschweren Mitbürger, die ihre opulenten Villen kostspielig gegen diverse Risiken gesichert und längst mit Notstromaggregaten ausgestattet hätten, könnten einen länger andauernden Stromausfall schadlos überstehen, nein, im Grunde könne niemand etwas tun, aus, vorbei, jeder sei dieser Situation hilflos ausgeliefert, notfalls werde man die Villa verlassen, unter Tränen, keine Frage, aber selbst der Privatflieger biete keine Überlebensgarantie.

Wette lachte. Die Lösung sei ja hinlänglich bekannt, sagte er, und es langweile ihn, immer wieder darauf hinzuweisen, daß bestimmte Abläufe von Grund auf gewandelt werden müßten, doch offensichtlich sei dieser Wandel keine Frage der Vernunft, sondern eine von Macht und Mammon, und Speichellecker in der Politik machten sich zu Handlangern der Krösusse, die Zerstörung staatlicher Instanzen und Kontrollabläufe sei Kern der gegenwärtig propagierten Politik, und ebenso bahne sich eine Gleichschaltung der Medien an.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Tilman rückte näher an den Couchtisch, um eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

| WOLF SENFF

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