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Gefühl

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gefühl

Das Rauschen des Ozeans klang wie von ferne zur Ojo de Liebre herüber.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Keine Ahnung, sagte Gramner, der Mensch der Moderne habe keine Ahnung, null, er stehe sprachlos vor einem Abgrund, man finde kaum eine andere Epoche, während der der Mensch dermaßen blind gewesen sei.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte, löste sich in die Dunkelheit auf und schlug einen Salto.

Crockeye lachte. Im Zählen und Messen sei er aber spitze.

In allem, was darüber hinausgehe, sagte Pirelli, erweise er sich als Versager.

LaBelle nickte. Eine Null, was Gefühle betreffe, er erlebe, daß seine Gefühle ihn überwältigen und mitreißen, und er wisse nicht ein noch aus.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich.

Was hatte der immer mit seinem Salto, fragte sich Crockeye.

Der Mensch erfahre seine Gefühle sehr intensiv, sagte Gramner, aber habe nicht die geringste Idee, wo er sie lokalisieren könne, im Herzen, im Kopf, und seit neuestem gebe es die Vorstellung, sie konzentrierten sich außerhalb seines physischen Körpers, würden sich gleichsam in Atmosphären ballen und, wie auch immer stimuliert, übergriffig werden, ein naheliegendes Beispiel sei etwa die Stimmung, die von einer Landschaft ausgehe und von der er ergriffen werde, oder er werde durch andere Impulse etwa von einer friedfertigen oder feindseligen Stimmung erfaßt.

Immerhin, sagte LaBelle, also doch.

Solch eine Stimmung könne sich hochschaukeln, sich auf große Menschenmengen ausdehnen, überhandnehmen, daß man den Eindruck habe, die Stimmung herrsche über die Abläufe, etwa in Fangemeinden, das sei einleuchtend, aber auch in der Politik, in einem Krieg oder im Vorlauf eines Krieges, und das Geschehen, wie es dann heißt, sei erhitzt, sei außer Kontrolle, und der Mensch tue sich schwer, damit umzugehen.

Im Grunde sei er hilflos, sagte Thimbleman, er sei dem ausgeliefert und könne nichts tun als darauf zu warten, daß sich die Hitze abkühle, oder er müsse mit Gewalt einschreiten.

Er könne einen Anlaß herausfinden, sobald es sich zuspitze, sagte Bildoon, vor allem müsse er Ruhe bewahren.

Wie er sich das vorstellen solle, fragte Harmat.

Schwierig, sagte Gramner, doch das zentrale Moment liege darin, daß diese Atmosphären sich weder zählen noch messen ließen, also von den Methoden naturwissenschaftlicher Forschung nicht erfaßt würden, gar nicht wahrgenommen, der Zugang zur Wissenschaft bleibe ihnen verwehrt, sie würden ein Sektendasein führen, gälten auch in der Philosophie, wo sie als Neue Phänomenologie firmierten, wenngleich sie etabliert seien, dennoch als eher exotisch und würden nicht ernstgenommen, seien aber ein vielseitiges Fachgebiet, und man müsse sich wundern, sobald man im Umkehrschluß darauf stoße, in welch bemerkenswertem Ausmaß die Naturwissenschaften sich gegen jegliche äußeren Einflüsse verschlössen, traurig aber wahr, man möchte das nicht glauben, sie würden sich lupenrein abschotten, ein Biotop gewissermaßen, unzugänglich für Außenstehende, bedrohlich, ein Sumpf, der vor sich hin brüte, heimlich, leise.

Ob wir umdenken müßten, fragte der Ausguck.

Unsere Naturwissenschaften seien eine Parallelgesellschaft, sagte LaBelle, ein Eigengewächs, ein Charakteristikum der Moderne, herangewachsen im Lauf einiger Jahrhunderte, eigene Rituale, eigene Zulassungsvoraussetzungen, territoriale Geltungsbereiche, Praktiken der Ausgrenzung, Sonderzonen.

Gepanzert, sagte Pirelli, und, fragte er, haben sie das nötig, weshalb, und ob das als eine besondere Symptomatik der Angststörung zu gelten habe.

Homo sapiens, spottete Bildoon: unsere Naturwissenschaften.

Mit ihren Spitzenerzeugnissen wie der Atombombe, sagte Pirelli, der Nukleartechnologie in der Medizin, mit Robotwaffen zwecks effektiver Kriegführung.

Oh ja, sagte LaBelle, sie haben es nötig, sie haben es bitter nötig, im Verborgenen zu arbeiten.

Touste schlug einige Akkorde an.

Man möchte das lieber nicht wissen, sagte Bildoon.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ozean rauschte von fern.

| WOLF SENFF

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