Ein kleines Wunder

Kinderbuch | Will Gmehling: Der Sternsee

Wer einem See die Titelrolle in einem Kinderbuch zutraut, ist ganz schön mutig. Aber es ist auch wirklich ein besonderer See. Er hat die Form eines Sterns und hält noch eine andere Überraschung bereit, freut sich ANDREA WANNER.

Eine nächtliche Stadt an einem See.Sissi, Anastasia, Mo und der Ich-Erzähler wohnen in der Hochhaussiedlung, die an dem See liegt. Sie sind Freunde, halten zusammen und gehen alle vier in die Kurt-Tucholsky-Schule in der Nähe. Der See gehört zu ihrem Leben und aus dem 11. Stock, in dem Anastasia lebt, sieht man den See besonders gut, vor allem auch seine besondere Form. Früher sei er im Winter zugefroren, aber das ist lange her

Und dann passiert es. Im Januar wirr es richtig kalt und auf dem See bildet sich eine erste Eisschicht. Die wird dicker und dicker und bald kann man tatsächlich darauf Schlittschuh laufen. Es wird Frühling – und das Eis bleibt. Es wird Sommer und richtig warm, aber das Eis schmilzt nicht. Es kommen Forscherinnen und Forscher, neugierige Touristinnen und Touristen, der See wird eine berühmte Attraktion. Die vier Kids leben an und mit dem See, beobachten der Reiher, der dort lebt und erleben, wie alles gleich bleibt und sich alles ändert.

Will Gmehling hat das Talent, aus Alltäglichem etwas Besonderes zu machen. Seine Geschichten sind leise, voller genauer Beobachtungen. An dem Leben der vier Kinder ist nichts spektakulär – und trotzdem lohnt es sich, dem Ich-Erzähler genau zuzuhören und zu staunen, was man dann alles erfährt. Und sieht. Denn als weiteren Höhepunkt hat Jens Rassmus den kleinen Band illustriert. Meisterhaft greift er die Stimmung auf, färbt seine skizzenhaften Zeichnungen mit zarten Blautönen. Manchmal reduziert auf wenige Striche, dann wieder mit Details aus dem Alltag gefüllt, wird jede neue Seite zur Überraschung.

Es ist eine Geschichte, die lange im Gedächtnis bleibt, weil sie irgendwie geheimnisvoll wirkt. Und doch eben so wunderbar und alltäglich, als ob sie jedem und jeder von uns passieren könnte.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Will Gmehling: Der Sternsee
Illustriert von Jens Rassmus
Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2025
56 Seiten, 14 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Stromausfall

Nächster Artikel

Perspektiv-Wechsel

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Sozialverhalten will gelernt sein

Kinderbuch | Olivier Tallec: Das ist mein Baum

Eichhörnchen erobern erfahrungsgemäß schnell das Herz von kleinen Lesern, aber, zugegeben, dieses hat auch mein Herz erobert. Seine Lebendigkeit, seine fast trotzige Art auf etwas zu bestehen, sein Einsatz für etwas und schließlich eine ganz unerwartete Erkenntnis. Von BARBARA WEGMANN

Glückliche Kindheit

Kinderbuch | Judith Allert: Risottostraße 7

Was das Leben im Haus Nummer sieben in der Risottostraße in erster Linie auszeichnet, ist eine tolle Gemeinschaft zwischen Alt und Jung, Jungs und Mädchen, ganz unterschiedlichen Menschen. Wer mag, kann sie durch das Jahr begleiten, schlägt ANDREA WANNER vor

Nicht ganz der Papa …

kinderbuch | Xavier-Laurent Petit: Nicht ganz der Papa »Die Nase hat er vom Papa, die Augen von der Frau Mama?« Bemerkungen über ihr Aussehen hören Kinder von ihren frühesten Lebenstagen an. Augen, Ohren, Stimme, Haltung, einfach alles von Kopf bis Fuß wird kommentiert. Das Hervorheben von Ähnlichkeiten soll die Bindung an die jeweilige Familie bestärken. Bloß sind Familienähnlichkeiten nicht immer auf den ersten Blick sichtbar. Die vielfach freundlich gemeinte Bemerkung kann sich so unversehens ins Gegenteil verkehren. Statt Sicherheit zu geben, stürzt sie das angesprochene Kind in eine Identitätskrise. Xavier-Laurent Petit hat mit Nicht ganz der Papa einen ungewöhnlichen Blick

Wenn Mama lacht, hört es sich an wie das Klingeln einer Fahrradglocke

Kinderbuch | Danny Ramadan, Ana Bron: Salma, die syrische Köchin

In der Fremde kann man vieles vermissen: die vertraute Umgebung, die Freunde und Verwandte. Aber auch das Essen. Und manchmal kann das heimatliche Essen in Fremde auch Wunden heilen und Menschen dabei helfen, in einer fremden Kultur anzukommen. Danny Ramdan hat so ein Kinderbuch geschrieben. Von GEORG PATZER

Verlusterfahrung

Kinderbücher | Als die Namen verloren gingen / Eissterne im Sommer Krisen sind immer gute Themen, längst auch in Büchern für sehr junges Publikum. Der Mannheimer Kunstanstifter Verlag hat sich für zwei Neuerscheinungen etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um von Verlustängsten, Verlusten – und Hoffnung zu erzählen. Von MAGALI HEIẞLER