Verlusterfahrung

in Kinderbuch

Kinderbücher | Als die Namen verloren gingen / Eissterne im Sommer

Krisen sind immer gute Themen, längst auch in Büchern für sehr junges Publikum. Der Mannheimer Kunstanstifter Verlag hat sich für zwei Neuerscheinungen etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um von Verlustängsten, Verlusten – und Hoffnung zu erzählen. Von MAGALI HEIẞLER

Um es gleich zu sagen: Diese beiden Bücher sind schön auf die Art, die wahre Harmonie zu Schönheit macht. Ausstattung, Covergestaltung, Illustrationen, Text, alles ist schön. Dass dieses ideale Ergebnis erreicht wurde, liegt daran, dass sich hier niemand gescheut hat, Kompliziertes komplex wiederzugeben.

Andrea Katzenberger erzählt von einem sehr traurigen Geschehnis im Leben des kleinen Jakob. Nach glücklichen Familienzeiten verstehen sich die Eltern auf einmal nicht mehr. Missstimmung herrscht bald dort, wo vorher Wärme und Vertrauen herrschten. Jakob bleibt sich selbst überlassen, sein einziger Ausweg scheint der völlige Rückzug. Die selbst gewählte Isolation macht aber nicht glücklich. Da hilft nur ein Wunder.

Gleichnis, Fabel, explosiv Fantastisches

Als-die-Namen-verloren-gingenKatzenberger hat für dies einfache Geschichte ein überzeugendes Gleichnis, geradezu eine Allegorie gefunden. Was Jakob vom elterlichen Zerwürfnis am ehesten wahrnimmt, ist der Umstand, dass sie einander statt Kosenamen Schimpfnamen geben und darüber sogar Jakobs Name in Vergessenheit gerät.

Die Beunruhigung wird so groß, dass der Junge dabei sogar selbst seinen Namen vergisst. Das ist der Höhepunkt der inneren Angst dieses Kindes und der erschreckendste Moment in der Geschichte, nicht nur für Kleine. Auch die überwältigende Fantasie, die Jakob gegen die Bedrängnis einsetzt, kann diesen Schreckensmoment nicht auslöschen.

Es wird nicht viel erklärt und schon gar nicht gedeutet in der Geschichte, es wird nur erzählt. Katzenberger vertraut der Kraft klarer Bezeichnungen und gut gebauter Sätze mit Alltags-Wortgebrauch. Man findet sich umgehend wieder und bleibt zugleich gebannt vom Geschehen, weil nichts vom linearen Handlungsverlauf ablenkt. Die Lösung birgt eine Überraschung und die feine Lehre, dass man keineswegs so allein dasteht mit Problemen, wie es auf den ersten Blick aussehen mag.

Leseprobe

Was die gut durchdachte Geschichte geradezu zur Explosion bringt, sind ihre Illustrationen. Jana Walczyk holt aus den knapp beschrieben Fantasiewelten Jakobs heraus, was es nur herauszuholen gibt. Sein fiktives gepanzertes Flugobjekt-Rettungsboot, das gleichermaßen weltraum- wie unterwassertauglich ist, bringt ihn in jede Welt, die er sich nur vorstellen kann.

Walczyks Bilder machen sie für die Leserinnen und Leser sichtbar. Gezeichnet, teilweise als Collage gestaltet, verzaubern sie nicht nur mit wunderlichen, verrückten, märchenhaften und liebevoll ausgedachten Details, sondern spiegeln in der Farbgebung auch die jeweils herrschende Stimmung wieder. Jakobs Fantasiewelt ist herrlich bunt, die Familienszenen sind zunächst warm rosenrot getönt, verlieren aber rasch ihre Farben und werden immer grauer.

Auch die Proportionen verändern sich, je lauter die Eltern schimpfen, desto größer werden ihre Köpfe. Dass es Tierköpfe sind, macht das Ganze nur beängstigender. Um so schöner ist das Ende. Jakobs Welt findet die rechten Farben und die Proportionen wieder. Was nicht bedeutet, dass man von nun an auf Fantasie verzichten muss. Die gibt es immer noch, sagen die Bilder.

Purismus und viel Liebe

Eissterne im Sommer Eine ganz andere Art von Verlusterfahrung macht Klara durch. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester verbringt sie den Sommer in einer Almhütte. Aber dieser Sommer ist anders. Es hat angefangen zu schneien und die kleine Schwester ist krank. Die Mutter macht sich auf den Weg zur Bergstation, um Lebensmittel und Medikamente zu holen. Klara muss in der Almhütte bleiben. Während sie wartet, wachsen die Ängste. Der Schnee, der dunkle Wald, die Einsamkeit. Was, wenn die Trolle kommen? Neblig ist es schon.
Rottensteiner konzentriert sich strikt auf Klaras Gedanken. Die ungewohnte Lage ist verwirrend für das Mädchen, die Krankheit der Schwester beunruhigend und das Warten steigert das Gefühl des Verlassenseins. Dass das Fenster mit Eisblumen bedeckt ist und jenseits der Hütte Nebel steigen, vergrößert nur das Gefühl von Isolation und weckt regelrechte Urängste, die ihren Ausdruck in der Vorstellung von Trollgeistern finden.

Doch da ist auch die Stimme der Vernunft samt den Gedanken an den Sommer, der da unter dem Schnee immer noch vorhanden ist. In Klaras zähem Bemühen, ihre Ängste unter Kontrolle zu halten, zeigt sich schon das Heranwachsen einer starken Persönlichkeit. Kinderängste und Bemühen, den Herausforderungen zu begegnen halten sich die Waage. Diese Charakterisierung eines kleinen Mädchens noch dazu in höchst sparsamen Worten gehört zu den gelungensten, die man derzeit finden kann.

Eissterne im Sommer

Ist der Text schon schlicht gehalten, so sind die Illustrationen geradezu puristisch. Figuren, Interieur, Farbgebung sind zurückgenommen, zart. Weiches Braun für den Innenraum, alles eher verschattet, es ist später Nachmittag, das Wetter hat umgeschlagen. Die Außenwelt ist kaum wahrnehmbar durch die frostbedeckten Scheiben, das sommerliche Grün verschwindet langsam unter dem Weiß des Schnees. Zudem schleicht sich der Abend heran, blaue Dunkelheit breitet sich aus. Putzig und zugleich beängstigend sind die Trollgestalten, die durch Klaras Fantasie geistern. Sie bringen, obwohl nicht farbig, etwas Munterkeit in diese Welt der fast vollkommenen Stille, die Wolfsgruber geschaffen hat. Raffiniert dargestellt sind die Eisblumen des Vorsatzes, eine märchenhafte Mischung, die gleichermaßen an grüne Pflanzen wie an Frostkristalle erinnern. Das eigens gestaltete Cover von Yi Meng Wu rundet das Ganze perfekt ab.

Das Ende ist voller Liebe und mit einem Mal kommt einer das bisschen Licht, das aus dem Hüttenfensterchen dringt, geradezu hell vor. Alles ist gut.
Während Jakobs Geschichte für Kinder recht leicht zugänglich ist, fordert Klaras Geschichte etwas mehr vom Publikum und gehört auch zu den bebilderten Büchern, die Erwachsene schätzen können.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Jana Walczyk, Andrea Katzenberger. Als die Namen verloren gingen
Mannheim: Kunstanstifter Verlag 2018
40 Seiten, 22 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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Linda Wolfsgruber, Anna Rottensteiner: Eissterne im Sommer
Mannheim: Kunstanstifter Verlag 2018
32 Seiten, 22 Euro.
Kinderbuch ab 7 Jahren
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