Das Verwandeln der Welt durch genaues Gucken

Bilderbuch | Alexandra Helmig / Stefanie Harjes: Der Stein und das Meer

Wenn man nicht zufrieden ist, will man etwas anderes. So will Sören endlich wissen, wo all die seltsamen Dinge herkommen. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, aber zum Schluss kommt er doch wieder da hin, wo er hergekommen ist. Und die Welt hat sich verwandelt. Aber sie war es schon vorher, Sören hat das nur nicht gesehen. Von GEORG PATZER

Der arme Sören. Jahrelang lebt er »auf einem großen grauen Felsen inmitten der Brandung, in einem Meer, wo die Wellen hohe Purzelbäume schlagen. An einem Strand, wo der Wind mit den Sandkörnern spielt.« Seit Jahrtausenden umfließt ihn das Wasser. Sören ist ein kleiner grüner Stein, der auf dem grauen Felsen liegt.

Der Stein und das MeerEine Möwe setzt flatternd zur Landung an, schwarzes Wasser gischt um den Felsen, ein seltsames Quallengetier mit dünnen Tentakeln, einem schwebend durchsichtigen Flatterkleid und zwei Köpfen lässt sich in den Wellen treiben. Still liegt Sören auf dem Felsen.

Jeden Tag schaut Sören aufs Meer: Die Wellen kommen und gehen, Ebbe und Flut wechseln sich ab. »Manchmal wird ein Ast ans Ufer gespült, der seinen Baum verloren hat.« Eine leere Flasche treibt ziellos umher, eine Tasse, ein Schuh und eine Flaschenpost, die sich verschwommen hat. »Fundstücke, die niemand findet.« Eine Brille, ein rotes Spielzeugauto, zwei rotbeschuhte Frauenbeine ragen aus dem Sand, zwei Vögel picken sich Fische und Tang aus dem Wasser. Und dort liegt eine Tasse mit zwei aufmerksam blickenden Augen und einem abgebrochenen Henkel, der so aussieht, als wenn eine Frau hilfesuchend ihre kleinen Ärmchen ausstreckt.

»Sören würde gern wissen, wo all die sonderbaren Dinge herkommen. Doch er kann nicht mit ihnen sprechen. Er ist zu weit oben – hoch auf dem großen Felsen inmitten der Brandung.« Er sieht den Vögeln zu, wie sie durch die Luft gleiten, und bekommt Sehnsucht nach Bewegung. Er wünscht sich, ins Wasser gehen zu können. Und er fragt den großen, grauen Felsen, wie er denn ins Meer kommen kann. Es dauert lange, sehr lange, bis der große Fels antwortet: »Sören sieht dreihundertfünfundsechzigtausend Sonnenuntergänge und eine Milliarde Regentropfen vom Himmel fallen. Als er den vierhundertsiebenundzwanzigsten Regenbogen zählt, sagt der Fels: Du musst warten, bis das Meer zu dir kommt.«

Eine über- und nebennatürliche Welt

Eine seltsame, verzauberte, traumdurchdrungene Welt haben Alexandra Helmig und Stefanie Harjes erfunden. Ein Stein, der Sören heißt und sich nach etwas anderem sehnt als dem Leben, das er hat. Dabei ist die Welt, in der er ist, schon märchenhaft genug: Tassen mit Augen, Quallen mit zwei Köpfen, ein grauer Stein, der sich in eine sprechende Frau mit wissend geschlossenen Augen verwandelt, mit Sören bildet sie einen Kreis auf dem Bild. Vervielfältigte Badegäste, eine Frau mit einem kleinen Buben, Schäufelchen und Eimer, ein korrekt gekleideter Herr und eine Dame in langem Kleid mit Sonnenschirm – die Zeit vergeht im immergleichen Einerlei, während eine halbnackte Frau auf dem Mond schaukelt.

Die Bilder von Stefanie Harjes entwerfen eine surreale, über- und nebennatürliche Welt, wie sie nur ihr einfällt. Mit hartem Strich erfindet sie Fische, die »zu Hülf« rufen, Zebras, die vor der Flut davongaloppieren, ein Haus im Meer und ein in die Tiefe stürzendes Männchen in roter Hose und roter Jacke, über all dem und der schwarzen Flut thront ein Hirsch. Am Rand schwebt eine Frau ruhig und sanft davon, und überall sind Arme zu sehen, die davonfliegen. Traum oder Alptraum? Wirklichkeit oder Phantasie? In dem Buch »Der Stein und das Meer« ist das alles eins, denn alles passt zueinander, schon gleich gar, als Sören dann wirklich den Weg in das Meer gefunden hat, in das Dunkel der Tiefe geglitten ist, um ihn herum die bizarrsten Gegenstände und Lebewesen: eine Hausfassade, aus der das Wort »Glück« ragt, Seepferchen und eine Qualle, die einen Leuchter und eine Flamme auf dem Kopf trägt, eine Seejungfrau mit Fischschwanz und Flügeln, ein Straßenmast mit den Schildern »Riegelmann Boardwalk« und »W 12 St«, zwei Wolkenkratzer und ein Riesenrad.

Da liegt nun Sören »auf dem Grund des Meeres, wo Miesmuscheln Liebesfäden spinnen.« Das Meer umspült ihn, und er verliert jeden Tag ein klitzekleines Stück von sich. »Er wird kleiner und kleiner, seine Ecken und Kanten werden glatter und glatter«, längst mag er die Geschichten der Meeresbewohner nicht mehr hören. »Er möchte nach Hause.« Er hat Glück, eine Mutter und ihre Tochter tauchen am Stand auf: »Das Mädchen hat eine besondere Gabe. Es findet Stücke, die gefunden werden wollen.« Es findet Sören. »Den kleinen grünen Stein. Über die Jahre hat ihn das Wasser glatt geschliffen und poliert.« Aber die Mutter sagt: »Wir können ihn nicht mitnehmen. Weil das ein Glücksstein ist. Du musst ihn wegwerfen, damit das Glück zu dir fliegt.« Und so wirft das Mädchen, und Sören landet auf dem großen, grauen Stein. »In einem Meer, wo die Wellen hohe Purzelbäume schlagen. An einem Strand, wo der Wind mit den Sandkörnern spielt.«

Genaues Sehen verwandelt die Welt

»Genaues Gucken« hat Stefanie Harjes studiert, und sie verwandelt das genaue Sehen, die Welt in ein Wunderwerk, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt, auch wenn man immer nur das scheinbar Gleiche sieht. Es gibt kaum einen anderen Illustrator, der das vermag: Die Welt verwandelt sich vor unseren Augen, Harjes verwandelt sie mit schillernder und nie nachlassender Phantasie und strengem Realismus in eine neue Welt. In eine Welt der Veränderungen, der Skurrilitäten, die keine mehr sind, weil sie plötzlich normal scheinen. Das Abstruse ist genau das, was man zu erwarten hat. Mit Alexandra Helmig hat sie eine kongeniale Partnerin gefunden, die den fliegenden Träumen eine traumsichere Bodenhaftung verleiht. Harjes‘ Illustrationen sind keine Illustrationen, es sind weitere Geschichten, die sie über der erzählten ausbreitet.

So erzählt dieses wunderschöne Bilderbuch die Geschichte von Veränderung und Ruhe, von der Sehnsucht nach Wechsel und nach Innehalten, von der Macht der Phantasie und dem Loslassen (bzw. hier dem »Wegwerfen«), durch das sich das Wunder erst ereignet. Und so muss man manche besonders schönen Steine oder Muscheln, die man findet, sorgsam wieder an ihren Platz legen, weil erst dadurch die Welt wieder in Ordnung kommt.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Alexandra Helmig: Der Stein und das Meer
Illustriert von Stefanie Harjes
München, Mixtvision Verlag, 2020
32 Seiten, 18 Euro
Kinderbuch ab 3 Jahren
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