//

Ein X oder ein U

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ein X oder ein U

Wenn nichts sonst, sagte Gramner, so müsse man doch das Ausmaß an Selbsttäuschung schätzen, zu dem der Mensch fähig sei.

Ein Scherz, sagte der Ausguck und lachte lauthals, er war guter Stimmung und hatte Lust, einen Salto zu schlagen.

Harmat blickte verständnislos.

Interessant, sagte LaBelle, beugte sich über die Reling und blickte hinaus auf die Lagune und die Einöde, die sie umgab und sich bis zum Horizont erstreckte, ein trostloser Ort.

Touste hielt die Augen geschlossen und träumte.

Eldin spürte leichte Schmerzen in der Schulter, sobald er den Arm bewegte. Wann werde die erzwungene Fangpause ein Ende finden? Er zählte schon die Tage nicht mehr.

Die Lebensweise der industriellen Zivilisation richte den Menschen zugrunde, sagte Gramner, absehbar, sagte er, nur daß der Mensch das nicht wahrhaben wolle, versteht ihr, er verschließe seine Augen vor der eigenen Ausrottung, die sich über einige Jahrhunderte hin anbahne.

Wovon er rede, fragte sich London.

Eldin bewegte vorsichtig den Arm, der Schmerz schien nachzulassen, oder bildete er sich das nur ein.

Von unserer Zukunft, sagte Sanctus.

Die wir nicht erleben werden, sagte Thimbleman, so weit entfernt liegt sie vor uns.

Der Ausguck lachte. Sie meint es gut mit dir.

Gramner sorgt sich, sagte Bildoon.

LaBelle blickte ihn erstaunt an.

Die schleichende Vergiftung der Atmosphäre schädige die Konstitution des Menschen, sagte Gramner, so daß sich geringfügige Infektionen mit verheerenden Konsequenzen ausbreiten würden, und der Brandstifter, so müsse man sagen, rufe dazu auf, das Feuer zu löschen. Denn er vergifte ja nicht nur die Atmosphäre, sondern die einst fruchtbaren Äcker und die Meere, und er lasse nicht ab davon, nicht einmal die Seuchen des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts brächten ihn zur Einsicht.

Er nenne sich Homo sapiens, spottete LaBelle, und hause schlimmer als einst die Barbaren.

Sternhagelvoll, sagte Pirelli: jahrhundertelang im Rausch bis zur Besinnungslosigkeit.

Er schließe die Augen vor dem Unheil, das er unter seinesgleichen anrichte, sagte Thimbleman, und es sei seine Zivilisation, die einen gastfreundlichen Planeten plündere und die Lebewesen ausrotte.

Er präsentiert sich als ein Modernisierer, der die herkömmlichen Strukturen reformiert, sagte Pirelli, es ist die Sprache selbst, mit der sich die Menschen hintergehen, ihre gefällig geschliffene Sprache.

Gramner macht wieder Streß, wandte Crockeye verärgert ein.

Irgendeiner muß es ja tun, sagte London, er habe nicht vernommen, daß jemand anders den Mut dazu aufgebracht hätte.

Die Lage ist aussichtslos, sagte Gramner, was für ein Trauerspiel, der Kosmos der herrschenden Lehre ist eine Echokammer, von außerhalb nicht zugänglich, es sei denn, fügte er hinzu, der Planet selbst zertrümmere die Mauern, und wer aufmerksam hinsehe, erkenne die Anfänge, sei es die Explosion von Deepwater Horizon 2010, das Tohaku-Erdbeben und die Havarie der Reaktoren vor Fukushima 2011, seien es die jährlich wiederkehrenden Feuersbrünste in Kalifornien und Australien, die Orkane der Ostküste, der Planet ziehe seine rote Linie gegen die Eingriffe des Menschen, doch der zeige sich resistent, blind gegenüber der Not des Planeten und unbeirrbar in seinem Wahn.

Gramner macht Streß, wiederholte Crockeye.

London sah ihn verwundert an.

Der Ausguck rückte ein Stück zur Seite.

Thimbleman rümpfte die Nase.

Pirelli schwieg.

Eldin faßte sich an die Schulter. Nein, so schnell würde ihn der Schmerz nicht verlassen, insgeheim begann er die langen Tage der Fangpause zu verfluchen, Nichtstun war eine Folter, er hatte den Wal am ersten Fangtag perfekt getroffen, zweimal, und brannte darauf, endlich wieder eine Harpune zu werfen.

Der Planet werde es ihm zeigen wie einem trotzigen Kind, versteht ihr, die Seuche werde die Beschleunigung ausbremsen, die Abläufe verlangsamen und den Menschen zwingen, über die irdischen Güter neu nachzudenken und die Versorgung neu zu organisieren, das werde keine einfache Prozedur für ihn, er werde stolpern, sich eine blutige Nase holen, und ob er überleben werde, das stehe in den Sternen.

Der Ausguck schmunzelte. Hatte nicht Gramner noch vor wenigen Tagen gesagt, die Überlebenschancen für den Menschen stünden gleich null, unerschütterlich felsenfest null? Selbst Gramner schwankte.

Was an Gramners Worten so lustig sei, fragte Thimbleman.

Der Ausguck schüttelte den Kopf.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Superantihelden

Nächster Artikel

Das Verwandeln der Welt durch genaues Gucken

Neu in »Kurzprosa«

Erzähler und Zuhörer

Kurzprosa | Uwe Timm: Montaignes Turm »Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Seele einen besonderen Teil haben, der einem anderen vorbehalten ist. Dort sehen wir die Idee unserer anderen Hälfte, wir suchen nach dem Vollkommenen im anderen«, erklärte der männliche Protagonist Eschenbach in Uwe Timms letztem Roman Vogelweide (2013). Mit diesem äußerst anspielungsreichen Buch hatte Timm nicht nur einmal mehr seine immense Vielseitigkeit unter Beweis gestellt, sondern den Gipfel seines bisherigen künstlerischen Schaffens erklommen. Jetzt ist sein Essayband Montaignes Turm zu seinem 75. Geburtstag am 30. März erschienen. Von PETER MOHR PDF erstellen

Den Atem verschlagen

Kurzprosa | Armin T. Wegner: Der Knabe Hüssein und andere Erzählungen Die Vergessenen dem Vergessen zu entreißen, das war das erklärte Ziel von Volker Weidermann mit seinem Buch der verbrannten Bücher. Es wurde vor fünf Jahren schnell zum Bestseller und rief Namen ins kollektive Gedächtnis zurück, die von den Nazis im Mai 1933 ein für alle Mal aus der Erinnerung ausgelöscht werden sollten. Und für eine sehr lange Zeit tatsächlich auch wurden. Unter den über hundert Autoren, die der Feuilletonchef der FAS damals porträtierte, war auch Armin T. Wegner, einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Weimarer Republik. Seine Erzählungen Der Knabe

Märchenhafter Frauenversteher

Kurzprosa | J.M.G. Le Clézio: Der Yama-Baum und andere Geschichten Der Yama-Baum – neue Erzählungen von Nobelpreisträger J.M.G. Le Clézio. Von PETER MOHR PDF erstellen

Das Gesicht eines Rächers

Kurzprosa | Peter Handke: Das zweite Schwert

»Das ist also das Gesicht eines Rächers.« Welch ein Einstieg in diese, als Maigeschichte etikettierte Erzählung Das zweite Schwert. Man kann inzwischen sicher sein: Wo Handke draufsteht, ist auch Handke drin. Von PETER MOHR

Robert

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Robert

Halb zehn war seine Zeit gewesen, anzurufen, am Freitag, am Donnerstag oder bereits am Mittwoch, ich hatte gefrühstückt, sagte Tilman, und wir verabredeten uns für den Sonnabend oder den Sonntag zu Kaffee und Kuchen, wir hatten ein gediegenes Stamm-Café aufgetan, nein, nicht das Gnosa, ich ging, du weißt es, Susanne, sonst gern auch ins Gnosa, manchmal bestellte er eine Kleinigkeit zu essen, das war uns zur festen Gewohnheit geworden, nicht jedes Wochenende, aber in regelmäßigen Abständen, das Leben basiert auf unverrückbaren Gewohnheiten, Robert hatte sich auch um seine Enkel zu kümmern, der Zehnjährige spielte im Fußballverein und sang im Schülerchor, wir hatten stets ein Menge Gesprächsstoff.