Superantihelden

Comic | Batman: Der Weiße Ritter / Superman: Das erste Jahr, Bd. 1

Superman und Batman sind weiterhin old, but gold unter den Comic-Superhelden. Zig Mal wurden sie in ihrer langen Geschichte schon neu erfunden – häufig auch zum Schlechten. Doch zwei neue Comics gehen in eine erwähnenswerte Entwicklung und bereiten beide Helden auch für Neueinsteiger mit allerlei neuen Drehungen auf. PHILIP J. DINGELDEY hat sich durch diese Comics gearbeitet.

Batman Der Weisse RitterSean Murphy hat für das Black Label von DC die Geschichte zwischen Batman und seinem Erzfeind Joker neu aufgearbeitet und fundamental gewendet: in ›Batman: Der Weiße Ritter‹. Hier gerät ein gealterter Dunkler Ritter, der die Selbstjustiz wohl schon etwas zu lang betreibt, vollends außer Kontrolle, wird immer brutaler, skrupelloser und rachsüchtiger. Etwa foltert er den Joker vor laufender Kamera. Der Joker dagegen erhält schließlich eine Heilung und tritt nun als Jack Napier (also der Name, den der Joker in Tim Burtons Film ›The Batman‹ trug) auf, um Gotham politisch und karitativ zu retten. Natürlich spielt er dabei auch nicht mit fairen Mitteln, ist also alles andere als ein Held.

So treffen in diesem Graphic Novel mit Batman und Exjoker Napier zwei Antihelden aufeinander, die sich erbittert bekämpfen. Doch als wäre das nicht genug, ist die aktuelle Harley Quinn schwer enttäuscht von dem Wandel ihres Partners und wird zum Neo-Joker. Als solche versucht sie Napiers Pläne zu durchkreuzen und im Sinne des Wahnsinns und des Bösen zu wenden, indem sie schließlich die Kontrolle über Gotham Citys Superschurken übernimmt. Die frühere Harley Quinn (alias die Expsychiaterin Harleen Quinzel), die sich schon lange vom Joker abgewendet hat, findet derweil zurück zu Napier und versucht zwischen Batman und Napier zu vermitteln.

So haben wir Batman noch nie gelesen: Ein geheilter Joker soll einen wahnsinnigen Batman retten. Murphy präsentiert uns einen abhackten und düster gezeichneten Comic, der ohne große Spielerein auskommt und gleichzeitig tatsächlich einmal eine innovative Handlung präsentiert. Nicht nur ist es spannend (und das passiert im Superheldengenre viel zu selten), einmal die Rollen zu verdrehen; sondern damit hinterfragt Murphy auch das typische Narrativ, dass der dunkle Ritter für das Gute kämpft und dabei durchaus brutal und furchteinflößend, aber eben ein Held ist, und die meisten seiner Gegner zwar eine nachvollziehbare Ursprungsgeschichte haben, aber zusehends für das pure Böse stehen.

Bei Murphy sind fast alle Hauptfiguren eher eine fragwürdige Grauzone von Protagonisten, die sich selbst dazu ermächtigen, die Kontrolle über Gotham City zu erringen, und in ihrer Rohheit von hehren Idealen beseelt sind, während sie die Stadt anzünden. Und nicht zuletzt bringt Murphy mit Neo-Joker eine neue (wenn auch inhaltlich etwas flach gestaltete) Schurkin auf den Plan, die sich aber nicht durchsetzen wird, da diese Geschichte außerhalb der Reihe angesiedelt ist und der Joker regulär der Clownprinz des Verbrechens bleiben wird.

Soldat Superman

Doch auch der edle Superman, der fast allmächtige Pfadfinder unter den Helden (und damit potenziell langweiligste unter ihnen) erhält neuerdings eine spannende Wendung. Frank Miller hat sich, zusammen mit dem Zeichner John Romita Jr., dem Helden angenommen: in »Superman: Das erste Jahr«, von dem nun der erste Band auf Deutsch vorliegt. Hier schreibt Miller eine neue Origin-Story von Superman. Ganz konventionell wird Kal-El von seinen Eltern in einem Raumschiff zur Erde geschickt, als ihr Heimatplanet Krypton explodiert. Und immer noch wird der übermenschliche Kal-El in der US-amerikanischen Kleinstadt Smallville von den Kents als das Findelkind Clark großgezogen. Und immer noch verliebt er sich als Teenager in die rothaarige, couragierte Lana Lang.

Doch ab hier geht Miller einen anderen Weg. Während Clark Kent sukzessive seine Kräfte entdeckt (und immerhin gegen Ende des Bandes fliegen lernt, zunächst als Fortsetzung des hohen Springens, wie in den ganz alten Superman-Geschichten, später als überirdische Kraft), deutet sich schon an, dass er auch von der Zerstörung Kryptons und der Reise zur Erde traumatisiert ist. Zwar nimmt er seine Kräfte im Umgang mit seinen Mitmenschen oft zurück, aber er wird doch mal emotional aufbrausend, etwa beim Football oder wenn er seine Freunde vor kriminellen Mobbern physisch verteidigt, ohne sonderlich über Konsequenzen nachzudenken. Und anders als in früheren Geschichten, in denen sich Clark seinen Eltern gegenüber (wahlweise am Sterbebett) verpflichtet, Menschen zu helfen oder (schon faschistoider) das vermeintlich Böse zu bekämpfen, entschließt er sich bei Miller lieber dazu, zu den US-Marines zu gehen.

Superman - Das erste Jahr Bd1Zwar wird angedeutet, dass Clark dort oft negativ auffallen wird. Dennoch zeigt sich hier die Verbindungslinie von Millers Superman-Darstellung. Denn schon in ›Batman: Der Dunkle Ritter kehrt zurück‹, in dem sich unter anderem ein gealterter Batman und Superman prügeln, und seinen Fortsetzungen ist der Mann aus Stahl ein braves Faktotum der imperialistischen US-Politik und in seinem Eichmannschen Gehorsam nahezu willen- und charakterlos. Ein junger Kent, der seine Talente dem Militär unterordnet und ein Soldat werden will, ist der erste Schritt in diese Richtung eines am Ende amoralischen Übermenschen ohne Persönlichkeit.

Dem entsprechen auch Romita Jr.s Zeichnungen. Sie sind konventionell gehalten und kontrastieren häufig die Idylle Smallvilles mit der feurigen Zerstörung Kryptons. Sie dienen optisch aber weniger der Glorifizierung der Übermenschlichkeit des jungen Clark.

Beide Werke wenden also das typische Superheldennarrativ und kritisieren dabei entweder explizit (wie Murphy) oder implizit (wie Miller und Romita Jr.) die Idee der (oft rücksichtslosen) Selbstjustiz vermeintlicher Übermenschen, die womöglich gar nicht das Gute bewirken, auch wenn dies ihre Intention war. Aus den Helden, die in einer einfachen Welt nach klaren Kriterien kämpfen, werden so moderne und charakterlich menschlichere, also widersprüchlichere Antihelden in komplexen und moralisch grauen Welten. ›Der Weiße Ritter‹ ist eine abgeschlossene Story, die Comicgeschichte schreiben dürfte; ›Superman: Das erste Jahr‹ dagegen ist der Beginn einer neuen Reihe, auf deren Fortsetzung man gespannt sein darf.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Sean Murphy (Texte und Zeichnungen): Batman: Der Weiße Ritter
Stuttgart: Panini 2019
220 Seiten, 22,00 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Frank Miller (Texte) und John Romita Jr. (Zeichnungen): Superman: Das erste Jahr, Bd. 1
Stuttgart: Panini 2020
76 Seiten, 16,99 Euro
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