Wenn die Landschaft Trauer trägt

Roman | Esther Kinsky: Hain

»Jeden Morgen wache ich in einer Fremde auf«, heißt es in Esther Kinskys viertem Roman Hain, und das ist nicht nur geografisch gemeint. Eine Frau begibt sich an drei unterschiedlichen Orten in Italien auf Spurensuche. Als »Geländeroman« hat die 61-jährige Autorin und Übersetzerin ihr Werk bezeichnet. Man könnte es auch Landschaftsroman nennen, doch Gelände klingt wilder, ungezügelter – und so ähnlich geriert sich auch der Roman, der uns durch unwegsame Territorien führt. Von PETER MOHR

 Kinsky: HainDer Titel Hain weckt gleich Assoziationen zum Totenhain, und tatsächlich erkundet Esther Kinsky ein Zwischenreich, sie vermisst poetisch zugespitzt die Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits. Erinnerungen an den verstorbenen Lebensgefährten und an ihren Vater, der ein großer Italien-Liebhaber war und sich oft und gern allein in die Natur zurückzog und daraus so etwas wie spirituelle Energie schöpfte, verknüpft die Erzählerin, die Esther Kinsky nicht unähnlich ist, mit eigenen Wanderungen und Eindrücken in einem östlich von Rom gelegenen Dorf, in Chiavenna in der Lombardei und im Po-Delta und im nahen Ferrara.

So entstehen viele detaillierte, beinahe fotografisch exakte Beschreibungen der Natur, die mit großer sprachlicher Finesse zu Papier gebracht wurden. Friedhofsbesuche erhalten durch Kinskys Sprachkraft einen eigenwilligen, beängstigenden morbiden Charme. Die persönliche Trauer korrespondiert fortwährend mit den Naturbeobachtungen. Orte, die Gefühle widerspiegeln, Landschaften, die Erinnerungen wachrufen, das Wasser der Flüsse und Bäche, das nicht versiegt und für ewige Existenz steht.

Passend zur diffusen inneren Befindlichkeit der Hauptfigur, einer emotionalen Melange aus Trauer und Trost, begleiten wir sie in der dunklen Jahreszeit auf ihrer Erinnerungswanderung. Nicht das strahlende, mediterrane Licht, sondern grau-braune Töne prägen die Landschaft – nicht die gepriesene italienische Lebensfreude, sondern eine mysteriöse Schwermut hallt als Echo aus der Landschaft wider.

Und dann gibt es wieder wunderbare, geradezu pittoreske Spaziergänge durch Ferrara, die Stadt des großen Schriftstellers Giorgio Bassani (1916-2000), und idyllische Schilderungen des naturbelassenen Po-Delta, das nahtlos in die unendliche Weite der Adria überzugehen scheint.

Hain ist auch ein Buch der permanenten Grenzerkundung und Grenzüberschreitung, der Aneignung fremder Biografien ebenso wie fremder Kulturen. So ist es kein Zufall, dass das letzte Treffen der Erzählerin mit ihrem Vater, dem enthusiastischen Italien-Liebhaber, ausgerechnet in Triest stattfand – an der Nahtstelle zwischen italienischer, slawischer und österreichisch-ungarischer Kultur.

»Es ist ein Bild der Trauer.« So beginnt der letzte Satz des Romans, der sich beinahe wie ein Resumee der Handlung lesen lässt. »Er gereicht zu keinem Trost in der Hinterlassenschaft«, heißt es schließlich final. Genau zwischen diesen beiden Polen, zwischen Trost und Trauer, kreist dieser feingesponnene Roman mit seinem absolut singulären Tonfall.

Esther Kinsky ist eine Poetin, die mit dem Auge schreibt. So genau, so detailliert und so präzise formuliert – wohlklingend, empathisch und hoch empfindsam. Vielleicht ist sie damit der »Geheimsprache« ganz nahe gekommen, die im Wittgenstein-Zitat gemeint ist, das dem Roman vorangestellt ist.

| PETER MOHR

Titelangaben
Esther Kinsky: Hain
Berlin : Suhrkamp Verlag 2018
281 Seiten, 24 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Verlusterfahrung

Nächster Artikel

Liebe als Experiment

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Einmal London und zurück

Roman | Judith Kuckart: Wünsche Judith Kuckarts Roman ›Wünsche‹ steckt voller Sehnsüchte und Wünsche, ist allerdings kaum ein sentimentales »Wunschkonzert« – findet PETER MOHR PDF erstellen

Hinter Gittern die Welt

Roman | Peter Zingler: Im Tunnel Kamen Freunde von Gerichtsreportagen sowie Berichten aus Gefängniszellen in letzter Zeit durchaus auf ihre Kosten – der eifrige Beobachter blickte in Untiefen national organisierter Terrorzellen oder in den Edelknast einer bayerischen Fußballlegende (mit Nebenjob Würstchenfabrikant) –, so komplettiert der Frankfurter Journalist, Filmemacher und ehemalige Knastinsasse Peter Zingler in seinem autobiografischen Roman ›Im Tunnel‹ das Bild der bundesrepublikanischen Halb- und Unterwelt. Ein Lesevergnügen auf über 500 Seiten über das turbulente Leben eines Mannes der Nachkriegszeit mit heißen »Schlitten«, dickem Goldkettchen und – von Zeit zu Zeit – mit massig Zaster in der Tasche. Der passende

Kettenspiele

Roman | Adrian McKinty: The Chain Der heute in New York lebende Nordire Adrian McKinty (Jahrgang 1968) hat sich als Thrillerautor vor allem einen Namen mit der bis dato siebenbändigen Reihe um den in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als »katholischer Bulle« in der Nähe von Belfast lebenden Mordermittler Sean Duffy gemacht. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Das gedruckte Buch lebt

Thema| Frankfurter Buchmesse 2015 Eigentlich war es wie immer. Frankfurter Buchmesse – das bedeutet wie jedes Jahr eine Unmenge von Menschen, Besuchern, Ausstellern, Autorinnen und Autoren, Presseleuten, die sich vor allem am Wochenende durch die verschiedenen Ausstellungshallen schoben. Und 2015 wurde wieder eine steigende Zahl von Besuchern verzeichnet. Eine Nachlese von HUBERT HOLZMANN PDF erstellen