»Meine Naivität war mein Glück«

in Porträt & Interview/Thema

Portrait

Zum Tod der Georg-Büchner-Preisträgerin Sarah Kirsch. Von PETER MOHR

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R0531-0325 / Stark (geb. Katscherowski), Vera / CC-BY-SA
Sarah Kirsch
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R0531-0325 / Stark (geb. Katscherowski), Vera / CC-BY-SA

»Ich habe einfach so, aus freiem Impetus, zu schreiben angefangen, ich hatte bis dahin sehr wenig Gedichte gelesen. Meine Naivität war eigentlich mein Glück, denn ich meinte, das muss ja ganz leicht sein, das könnte ich viel besser!« So beschrieb die später mit vielen bedeutenden Preisen dekorierte Schriftstellerin Sarah Kirsch ihre lyrischen Anfänge aus den frühen 1960er Jahren in der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren in Halle an der Saale.

Ihren Ruhm verdankte Sarah Kirsch, die schon »als Klassikerin zu Lebzeiten« bezeichnet wurde, zweifellos ihrer Lyrik. Eine im Jahr 2000 erschienene Werkausgabe in fünf Bänden unterstreicht ihren Sonderstatus unter den zeitgenössischen Lyrikerinnen. Es sind vor allem die poetischen Versuche, Mensch und Natur in einer Zeit der wachsenden Technisierung und Umweltzerstörung Harmonie zu verleihen, die den Reiz ihrer Werke ausmachen und ihnen einen beinahe unverwechselbaren Tonfall in der Gegenwartslyrik verleihen.

Zum 75. Geburtstag der Georg-Büchner-Preisträgerin des Jahres 1996 war das schmale Bändchen Krähengeschwätz erschienen, das Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1985 bis 1987 sowie einige Gedichte aus dieser Zeit enthält und offene Liebeserklärungen an ihre neue Heimat in Schleswig-Holstein präsentiert.

Sarah Kirsch, die am 16. April 1935 in Limlingerode (Südharz) als Tochter eines Fernmeldehandwerkers geboren wurde, schloss 1958 ihr Biologiestudium in Halle mit dem Diplom ab, durchlief später die Ausbildung am Leipziger Literaturinstitut und machte schon in den frühen 60er Jahren in der DDR mit ihren Gedichten auf sich aufmerksam. Der Durchbruch gelang 1965 mit den Gesprächen mit dem Saurier, die sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Rainer verfasste. Schon lange vor ihrer Ausreise aus der DDR wurden ihre Werke argwöhnisch beäugt und »melancholische« und »kulturpessimistische« Tendenzen kritisiert.

»Sich durchgehauen zu haben, ohne in den Dreck zu geraten.« So beschrieb die Schriftstellerin Sarah Kirsch im Rückblick ihre Erfahrungen mit der DDR, die sie 1977 aus Protest nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann verlassen hatte.

Sarah Kirsch hatte sich in vielerlei Hinsicht als Grenzgängerin entpuppt: politisch einst zwischen den beiden deutschen Staaten, künstlerisch zwischen Lyrik und Prosa, immer mehr sogar zwischen Literatur und Malerei, und privat zwischen hektischem Großstadttreiben und ländlicher Ruhe. »Ihr Atelier hat eine fast meditative Atmosphäre, das Aquarellieren wird von ihr zelebriert, wie eine chinesische Tee-Zeremonie«, beschrieb vor einigen Jahren der Maler und Galerist Jens Rusch Sarah Kirschs »neue Heimat«.

Seit fast 30 Jahren lebte sie in der Abgeschiedenheit des 200-Seelen-Dorfes Tielenhemme – dort, wo sich die Eider in unendlichen Biegungen zwischen den Landkreisen Dithmarschen, Rendsburg-Eckenförde und Schleswig-Flensburg durch das nördlichste Bundesland schlängelt. Hier suchte sie den Einklang zwischen Mensch und Natur, den sie in ihrem 1988 erschienenen Prosaband Allerlei-Rauh beschrieb – ein malerischer, leicht idyllischer Alltag fernab von der urbanen Unruhe, die die Autorin aus ihrer Zeit in einem Ost-Berliner Hochhaus bestens kennt.

Sarah Kirschs Texte konnten jedoch auch bissig und widerspenstig sein, wie etwa in dem Gedicht Nachricht aus Lesbos: »Ich weiche ab und kann mich den Gesetzen/ die hierorts walten länger nicht ergeben.« Ähnlich nonkonformistisch wie diese Gedanken ist auch Sarah Kirschs dichterischer Duktus, der sich allen klassischen Vorbildern entzieht. Grammatische, syntaktische und orthografische Konventionen werden gebrochen; kurze, stakkatohafte Zeilen stehen nicht selten neben prosaisch ausholenden Versen. Die Grenzen zwischen Lyrik und Prosa waren bei Sarah Kirsch ohnehin stets fließend. Auch als Erzählerin hat sie schon früh ihre Meisterschaft unter Beweis gestellt: im 1980 erschienenen Bändchen La Pagerie, das bezaubernde Landschaftsbeschreibungen aus der Provence enthält.

Sarah Kirsch, die 2006 vom Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein mit dem Ehrentitel der Professorin ausgezeichnet wurde, ist bereits am 5. Mai nach langer schwerer Krankheit in Heide gestorben. Mit ihr verliert die deutschsprachige Gegenwartsliteratur eine der bedeutendsten Lyrikerinnen, eine absolut singuläre Stimme ist von uns gegangen.

| PETER MOHR

LESETIPPS:
Sarah Kirsch: Krähengeschwätz.
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2010
175 Seiten, 17,95 Euro

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R0531-0325 / Stark (geb. Katscherowski), Vera / CC-BY-SA

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