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Schöpfer der fiktiven Chronik

Menschen | Zum 85. Geburtstag des Regisseurs Edgar Reitz am 1. November

Edgar Reitz ist sich heute bewusst, dass der Begriff »Heimat« ambivalente Gefühle und kontroverse Diskussionen auslöst. »Die traumhafte Geborgenheit, die ist in der Erinnerung irgendwo noch vorhanden, und das wird auch bei Heimat suggeriert oder im Unbewussten aufgerufen«, hatte Reitz im letzten Sommer in einem Interview erklärt. Ein Porträt von PETER MOHR

Harald Bischoff, Edgar Reitz und Werner Herzog 6306, CC BY-SA 3.0»Reitz hat dem Hunsrück und seinen Bewohnern weltweit einen Platz in der Filmgeschichte gesichert und den vorbelasteten Begriff Heimat ästhetisch wie inhaltlich neu definiert«, hieß es im Jahr 2000 in der Jurybegründung, als ihm der Staatskunstpreis Rheinland-Pfalz verliehen wurde. Seine Heimatgemeinde Simmern verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft und gewährte ihm ein lebenslanges Wohnrecht im Schinderhannes-Turm.

Edgar Reitz, der am 1. November 1932 im Hunsrückdorf Morbach als Sohn eines Arztes geboren wurde und später Theater- und Kunstgeschichte studierte, ist als Regisseur ein überaus erfolgreicher »Geschichtenerzähler«, dem es am Herzen liegt, Geschichte verständlich zu machen – aus dem Blick von unten, aus der Perspektive der einfachen Leute.

Mit seinem filmischen Monumentalepos ›Heimat‹, das an Fassbinders ›Berlin Alexanderplatz‹ erinnert, schaffte er 1984 den großen Durchbruch. Reitz begleitet die Bewohner eines Hunsrückdorfes, vor allem aber die Familie des Kriegsheimkehrers Paul Simon, durch ihr Leben. Die für heutige TV-Zuschauer langatmige, aber dennoch fesselnde Handlung setzt nach dem Ersten Weltkrieg ein und endet nach der 11. Folge in der Gegenwart der 80er Jahre. Die Verflechtung des individuellen Leids mit den zeitgeschichtlichen Zäsuren, Reitz‘ subtiles Gespür für Details, und das sorgfältige Wechselspiel zwischen Schwarz-Weiß- und Farbbildern fand sowohl beim Publikum (weltweit über 100 Millionen Zuschauer) als auch bei der Kritik (u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet) ein nachhaltiges Echo.

Begonnen hatte der Wahl-Münchener, der mit seiner dritten Ehefrau, der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer in Schwabing lebt, mit anspruchsvollen Werbefilmen, die ihm früh die materielle Unabhängigkeit für seine filmische Pionierarbeit verschafften.

Im Gegensatz zum Publikum war die internationale Filmkritik schon früh auf Reitz aufmerksam geworden. Sein erster Spielfilm ›Mahlzeiten‹ (1966) wurde in Venedig einst als »bester Debütfilm« ausgezeichnet.

Die intellektuell anspruchsvollere Fortsetzung der Jahrhundert-Chronik (›Die zweite Heimat‹, u.a. mit Veronica Ferres und Hannelore Hoger), in der die Musik eine zentrale Rolle einnimmt, wurde 1992 im Ausland hymnisch gefeiert, aber in Deutschland war sie ein Bildschirm-Flop.

Doch Edgar Reitz ließ sich von derlei Rückschlägen nicht unterkriegen und inszenierte 2004 eine dritte ›Heimat‹-Staffel – mit dem Arbeitstitel ›Chronik einer Zeitenwende‹. Deutsche Biografien kreuzen sich darin unweit der Loreley, wo das Gros des Films gedreht wurde. Die geografische Nähe zum Hunsrück war alles andere als Zufall. Als Co-Autor hatte Reitz den in der ehemaligen DDR aufgewachsenen Schriftsteller Thomas Brussig (›Helden wie wir‹, ›Am kürzeren Ende der Sonnenallee‹) gewinnen können. Der »Ostexperte«, immerhin 33 Jahre jünger als Reitz, war begeistert von der Zusammenarbeit. »Ich denke, dass Edgar Reitz mit seinem Feuereifer und seiner geistigen Beweglichkeit zu den jüngsten Filmemachern Deutschlands gehört«, so Brussigs Kompliment an den Jubilar.

Edgar Reitz Heimat

Und er arbeitete mit ungebrochenem Elan weiter. 2013 erschien ein rund dreistündiger Spielfilm über die Auswandererwelle aus dem Hunsrück nach Brasilien mit dem Titel ›Die andere Heimat‹.

»Es gibt etwas, von dem ich behaupte, es erfunden zu haben: Das ist diese Form der fiktiven Chronik«, erklärte Reitz. Diese unkonventionelle Mischung macht wahrscheinlich seinen großen Erfolg aus. 

| PETER MOHR
| Titelfoto: Harald Bischoff, Edgar Reitz und Werner Herzog 6306, CC BY-SA 3.0

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