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Kinder, Kinder

Film | Tatort – Angezählt (ORF), 15. September

Angezählt breitet die Odyssee eines Zwölfjährigen aus. »Ich bin Ivo. Ich bin zwölf Jahre alt. Im Sinn §64 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen.« Da hat er zweifellos recht. »Er hat niemanden auf der Welt«, so Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Da hat sie ebenfalls recht, schon sind wir mittendrin. In Wien wird eine Prostituierte ermordet, die mit Versprechungen aus den verarmten Regionen Osteuropas herbeigelockt wurde. Menschenhandel. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Von WOLF SENFF


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Testosterondesignte, unverwüstliche Mannsbilder trainieren in einem Boxclub, Prostituierte bieten in einem von denselben Kerlen kontrollierten Café ihre Dienste an. Alles im Griff. Disziplin muss sein und Gehorsam auch. Die Damen haben hohe Schulden abzuarbeiten. Ilhan Aziz (Murathan Muzlu), vorzeitig aus der Haft entlassen, steht im Verdacht, den kleinen Ivo Radneva (Abdul Kadir Tuncel) zur Tat angestiftet zu haben. Dieser TATORT zeichnet Bilder eines modernen Wien, vor denen man erschrickt (Drehbuch: Martin Ambrosch).

Familie ja, Familie nein

Das Konzept, den Zwölfjährigen so dominant in die Handlung zu positionieren, ist mutig, sein stilles Spiel transportiert grenzenlose Verzweiflung (Regie: Sabine Derflinger). Familie ja? Familie nein? Der Vater nennt sein Kind verächtlich eine Mißgeburt, meine Güte was müssen unsere Zwerge ertragen.

Sogar Bibi Fellner bringt diesmal eigene Vergangenheit ein. Familie ja? Familie nein? Sie sucht nach der nicht vorhandenen Beziehung zu ihrem Vater. »Wir Kinder können unseren Eltern nicht verzeihen. Das wär‘ anmaßend.«

Nein, Angezählt ist nicht sentimental, das wäre falsch. Man kann auch nicht sagen, das Thema Familie wäre zu dick aufgetragen. Es ist eine heikle Balance, und der Film hält das auch deshalb aus, weil er erfreulich zurückhaltend inszeniert ist und es an keiner Stelle darauf anlegt, Tränendrüsen zu stimulieren. Das ist eng angelehnt an den überzeugend kargen Gestus des zwölfjährigen Ivo.

Die mafiosen Halbweltkreise wehren sich mit aggressiver Härte gegen äußere Eingriffe. Dummheit und Stolz, man weiß es längst, wachsen auf einem Holz. Staatliche Ordnung wird, sobald sie die eigenen Kreise stört, als feindlich empfunden. Das ist offenbar der bittere Alltag in Kerneuropa. Danke dem ORF für ein Thema, das in der Politik als nicht wirklich dringlich empfunden wird. Und für einen mitreißenden Krimi.

Rückblick: Geburtstagskind (18. August, SRF)

Wenn man die Sonntagabende Revue passieren lässt, fällt auf, dass sehr häufig Kinder involviert sind. Der TATORT Geburtstagskind aus der Schweiz war ja in gewisser Weise ähnlich, auch da stand ein Kind im Mittelpunkt. Hinzu kam dann der völlig irregeleitete Vater, klischeehaft gezeichnet, Anführer einer religiösen Sekte in Luzern. Dessen minderjährige Tochter Amina war schwanger, die Hausbesetzerszene war involviert, es ging um Drogenkarrieren, Gefängnisaufenthalte, eine kleine Schwester wurde entführt – das war letztlich entschieden zu viel an Zutaten.

Die Dramaturgie in Angezählt dagegen orientiert unmissverständlich auf den zwölfjährigen Jungen, und Angezählt verzichtet – anders als Geburtstagskind – auf aufdringliche Emotionen, es gibt selten verzweifelte Mienen, gibt kein ohnmächtiges Weinen, nur sehr reduzierte Wutausbrüche, keine unheilschwanger lastende Stimmung, und dieser Verzicht erzielt intensive Wirkung, weil er dem Zuschauer eine konzentrierte Haltung abverlangt. Der Schluss wird nicht breit ausgespielt, sondern in knappen Bildern gezeigt.

Rückblick: Gegen den Kopf (8. September, RBB)

Auch die Berliner nehmen sich unseren Nachwuchs zum Thema und suchen »zwei männliche Täter zwischen sechzehn und zwanzig, beide flüchtig – auch als der Mann schon am Boden lag, haben sie noch weitergemacht«. Jugendliche männliche Übeltäter sind jedesmal neu eine ergiebige Blaupause für das Drehbuch.

Die Berliner machen gern ein wenig Yellow-Press-Niveau, mal ging es da um eine Zusammenrottung vor der Wohnung eines entlassenen Sexualstraftäters, und Kommissar Ritter rief den entrüsteten Herrschaften aufmunternde Worte zu. Der Fall diesmal wird minutiös rekonstruiert, auch das hatten wir unlängst in Berlin – das Bemühen um originalgetreue Polizeiarbeit geht oft quälend langweilig aus. Man fragt sich auch, weshalb Gegen den Kopf einzelne Rückblenden doppelt einspielt. Gedächtnisstütze und höfliches Entgegenkommen für ein vergessliches, in die Jahre gekommenes Publikum?

Ratzfatz ist alles Pulver verschossen (Kinderparadies, 29. September, BR)

Weil es zum Thema passt, werfen wir einen Blick nach vorn auf den Polizeiruf 110, der am 29. September läuft, nach dem aufregenden Wahlsonntag: Kinderparadies, mit Hanns von Meuffels (Matthias Brandt); das Drehbuch schrieb Leander Haußmann, einst der Shooting Star unter den Theaterregisseuren, zuletzt in Bochum, dessen Intendant er 1995-2000 war, dort lief zuletzt ein, wie die Presse schrieb, mit allerlei Maschinentheater-Geklimper inszenierter Peter Pan, dann war Haußmann Regisseur von Sonnenallee (2000) und führte aktuell Regie im comedy-ambitionierten Hai-Alarm am Müggelsee (2013).

Gleich die ersten Minuten von Kinderparadies sind hochdramatisch inszeniert, wir sehen ein liebliches Kindergesicht, dann den blutigen Kopf einer Leiche. Unscharfe Bilder einer Vergewaltigung hinter Fenstern. Aparte Mütter im Elternabend-Disput über den widerspenstigen Bruno, der andere Kinder beißt. Ein Liebhaber wird des Bettes verwiesen, wie zuvor unscharf durchs Fenster gefilmt. Schlüssellocheffekte, ein Haschen nach Wind. Zieht etwa jemand aus? War eine Geschichte zu Ende erzählt? Wechsel zurück in die Elternabend-Runde. Eingestreute Freiluftszenen, wir hören dichtesten Sommerregen auf Dächer prasseln. Ach, diese arrangierte, smarte Ästhetik des Abstoßenden kommt zu massiv daher.

Bemühte Ästhetik

Diese letzten Endes affektiert dargebotene Atmosphäre verdirbt den Filmgenuss. Als nach dem Elternabend eine Frau im Regen überfahren wird, tritt Kommissar Hanns von Meuffels auf, beugt sich über die unansehnlich zugerichtete tote Dame und flüstert: »Mit dieser Wut hat sie nicht gerechnet«, er hat, scheint’s, das Drehbuch gelesen, er weiß mehr als der Zuschauer, fügt noch, ganz Philosoph, ganz sinnfrei hinzu: »In diesem Regen bleibt das Blut ewig frisch«.

Das sind knapp zehn Minuten, und Sie sollten daran denken, abzuschalten. Dieser bemüht ästhetisch angerichtete Kitsch ist schwer zu ertragen; wir sehen snobistische Auftritte, dandyhaftes Gewese, Frauen werden zu Furien, dass es schmerzt bis in die Zehenspitzen. Wir hören ungewöhnlich viel begleitende Musik, wir sehen zahllose Rückblenden, die Zusammenhang stiften sollen und doch nur verwirren.

Weihnacht ante portas

Innerhalb weniger Wochen wird Kinderparadies nun der dritte bzw. sogar vierte Film über Kinder, Kinderelend, Kindesmisshandlung sein. Zwar ist erst September, doch jeder ahnt, es soll Weihnachten werden, und wer weiß, was uns noch erwartet. In den aus Köln für den Dezember angekündigten TATORT-Fall Franziska wird dem Vernehmen nach ein kleines Mädchen verwickelt sein. Die Szenen werden den Zuschauer vor den Kopf stoßen, und die ARD sendet diesen Film fürsorglich erst um 22:00 Uhr, um zu vermeiden, dass Kinder vor dem Bildschirm sitzen.

Nein, es sollte nicht nur vermieden werden, dass Kinder vor dem Bildschirm sitzen. Unsere Drehbücher sollten den hohen Mitgefühl-Effekt, die große Anteilnahme, die kindliche Opfer hervorrufen, nicht leichtfertig für Kriminalfälle instrumentalisieren.
(Fotos: ARD/ORF/RBB)

| WOLF SENFF

Titelangaben:

TATORT: Gegen den Kopf (RBB)
Regie: Stephan Wagner
Ermittler: Dominic Raake, Boris Aljinovic
So., 8.09.13. ARD, 20:15 Uhr

TATORT: Angezählt (ORF)
Regie: Sabine Derflinger
Ermittler: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser
So., 15. 9., ARD, 20:15 Uhr

TATORT Geburtstagskind (SRF)
18. August

Polizeiruf 110 – Kinderparadies (BR)
29. September

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