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Radikales Konzept der Sexualität

Kulturbuch / Film | Georg Seeßlen: Lars von Trier goes Porno / Lars von Trier: Nymphomaniac II

›Nymphomaniac‹ ist ein viereinhalbstündiger Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier, der die Kinos in zwei annähernd gleich langen Teilen erreicht, sein Thema ist eine Entwicklung von Sexualität. Im Februar schon lief der erste Teil in Deutschland an, knapp zweistündig. Kaum jemand hat es bemerkt, dieser Tage folgt ›Nymphomaniac II‹, gut zweistündig, zur »Lebensbeichte einer Nymphomanin« aufgehübscht beim Deutschlandfunk. Er wäre – ein hardcore-Porno ist ehrlicher – kaum der Rede wert, wenn nicht der kluge Kulturkritiker Georg Seeßlen passend zum Filmstart einen Essay zum filmischen Schaffen des Lars von Trier geschrieben hätte. Von WOLF SENFF

Die Protagonistin Joe hat im ersten Teil von ›Nymphomaniac‹ gegenüber Jerome Seligman eine Beichte ihrer bisherigen sexuellen Erfahrungen abgelegt und nun für den zweiten Teil des Films das natürliche Verhältnis zur eigenen Sexualität verloren. Sie begibt sich deshalb in den inszenierten Kontext einer SM-Erfahrung, hat Sex mit zwei Afrikanern u.a. m. »Das Ganze ist ein Film über das Fleisch, und das muss man sehen – unzensiert. Unsere Welt ist scheinheilig und versucht, den Sex zu verbannen, aber ich finde, wir sollten viel ehrlicher damit umgehen.« (Charlotte Gainsbourg, Darstellerin der Joe).

Hochgejazzt bis zur Groteske

Wir müssen diesen eher harmlos klingenden Satz in all seiner Radikalität lesen. Joe setzt sich einer SM-Therapie aus, die Szene ist in ihrer Brutalität geradezu grotesk, sie verliert darüber die bürgerliche Familie: ihren Mann und ihr Kind. Ebenso radikal dann ihre Konsequenz, sich von ihrer Sexualität loszusagen, sie besucht eine Therapiegruppe, sie wendet sich gegen die Gesellschaft und – es gibt diverse Lösungsversuche, alle scheitern sie – Joe wird nie endgültig ›frei‹.

Georg Seeßlen: Lars von Trier goes Porno Seeßlen sieht in ›Nymphomaniac‹ weniger einen Film als einen Essay, einen Essay über die Unmöglichkeit, Widersprüche aufzulösen, den Widerspruch von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Fleisch und Wort, von Begehren und Wissen, von Sexualität und Ästhetik. Und weitergehend noch als einen Film der Paradoxien; denn je mehr sich die Unmöglichkeit der ›Liebe‹ offenbare, desto verlangender äußere sich das Begehren. Je gieriger aber das Verlangen, desto vollständiger löse sich sein Objekt auf.

Joe finde sich am Ende so ganz bei sich, dass sie zugleich vollkommen allein sei. Seeßlen wiederholt seine bereits eingangs geäußerte subversive Vermutung, dass sich Lars von Trier mit diesem Film über uns lustig mache, »und über den Sex, das Filmen, das Sehen, das Sprechen, über sich selbst und, nun eben: Über Gott und die Welt. Was wäre eigentlich so schlimm daran?«. Ehrlich, man weiß es nicht.

Ach die wilden jungen Männer

Lars von Trier händelt den Umgang mit Medien professionell, er weiß die Hebel subtil zu bedienen. Schon die dänische Gruppe ›Dogma 95‹, der er angehörte, verkündete vor Jahren unter gewaltigem Bohei ein ›Manifest‹, das bald nur Schnee von gestern war. ›Die Idioten‹ (1998), zweiter Film von ›Dogma 95‹, provozierte durch pornographische Darstellungen sowie durch die dogmatypisch wackelnde Kamera. Die wilden jungen Männer, zum soundsovielten, und nie werden sie alt, nie im Leben!

Triers ›Dogville‹ (2003) war Teil einer USA-Trilogie, wenngleich er aufgrund seiner legendären Flugangst die USA nie aus eigener Erfahrung kennenlernte. Dass ›Dogville‹ mit Verfremdung à la Brecht arbeite, wurde vorweg angekündigt, auf dass es bitte niemand übersehe.

Empathie vs. Porno

Seeßlen beschreibt die Entwicklung von Sexualität im filmischen Schaffen Lars von Triers, dem es um die Integration pornographischer Sequenzen in erzählerische Abläufe gehe bzw., genauer, darum, »den empathischen und den pornographischen Blick miteinander zu verbinden«, und es ist eine spannende, wechselnde Darstellung, Seeßlen geht auch auf ›Antichrist‹ (2009) ein. Er bewegt sich strikt innerhalb des Trierschen Universums, das einen wenig erfreulichen Beigeschmack von Rastlosigkeit hat, von Getriebenheit, von Obsession.

Der Regisseur Lars von Trier  Foto: Casper Sejersen/Zentropa
Der Regisseur Lars von Trier
Foto: Casper Sejersen/Zentropa
Seeßlen lässt erkennen, dass er dem Regisseur Geniestatus zubilligt. Trier bekenne sich »zu seinen Phobien, Angstzuständen und Depressionen« und lebe in seinem »Lars-von-Trier-Kosmos«, genährt und getrieben vom Motiv einer »Rache an der Mutter«. Seeßlen sieht diese Ungereimtheiten, hält sich bezüglich Triers aber letztlich mit einem eigenen Urteil zurück; er erwähnt Willi Winkler, für den die Auftritte Lars von Triers schlicht und einfach unter »prätentiösen Quatsch« fallen.

Ihm kommt nicht in den Sinn, dass diese ewig zornigen jungen Männer mit ihrem ewig gleichen provozierenden Gestus todlangweilig werden können – wir kennen dieses Format seit den Zeiten von Alfred Jarry und Oscar Wilde bis hin zu Pop-Größen der Gegenwart, die wilden jungen Männer eben, Kurt Cobain, der so zornig sang, »it’s better to burn out than to fade away«, er warf seine Goldenen Schallplatten in die Toilette – und dass sich fragen ließe, aufgrund welcher Mechanismen, Karrieremechanismen, Marktmechanismen, dieser Typus mit solch nervtötendem Getöse hofiert wird, doch möglicherweise ist das ebenfalls bereits Schnee von gestern.

Georg Seeßlens Buch liest man mit Gewinn, jedoch der Film des dänischen Regisseurs ist wenig empfehlenswert. Und vielleicht ist auch mal gut mit Pornographie, wir hatten neulich erst die ›Feuchtgebiete‹, wir hatten ›Shades of Grey‹, und auch die beiden wurden uns medial mit überbordendem Hallodri aufgetischt.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Nymphomaniac II, 2013, (Dk/F/S/D), 130 Min
Regie: Lars von Trier
Kinostart: 3. April

Georg Seeßlen: Lars von Trier goes Porno. (Nicht nur) über Nymphomaniac
(Sexual Politics 7)
Berlin: Bertz + Fischer 2014
224 Seiten. 12,90 Euro

Reinschauen
Philosophie der Liebe – Filmkritik beim Deutschlandfunk
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