Made in Europe

Musik | Toms Plattencheck

Chris Franck und Patrick Forge, die Gründer der Londoner Formation Da Lata sind nun auch schon 20 Jahre gemeinsam musikalisch tätig. Neben Da Lata (zu Deutsch: Aus der Dose) sind da noch die Bands Zeep und Smoke City zu erwähnen. Von TOM ASAM

dalata
Letztere hatten auf ihrem Debüt aus dem Jahre 1997 mit dem für einen Spot einer sehr bekannten Jeansmarke verwendeten Underwater Love gar einen internationalen Tophit aufzuweisen. An derartige kommerzielle Erfolge konnten die Musiker mit Da Lata nicht anschließen. Die bisherigen Veröffentlichungen (zwei Studioalben und ein Remix-Werk) blieben eher Geheimtipps. Seit 10 Jahren war es nun still um die Londoner Band, die jetzt mit Fabiola zurückkehrt. Nach wie vor spielen Einflüsse brasilianischer Musik eine gewichtige Rolle, die triphopeligen, elektronischen Elemente aus Smoke City spielen kaum noch eine Rolle. Dafür kommen afrikanische Rhythmen ins Spiel, die weitgehend handgemachten Songs vereinen Einflüsse aus Folk, Pop , Soul und Psychedelic-Rock. Eine bunte Gästeschar, u.a. mit Mayra Andrade (Kapverden), Marcelo Janeci, Luisa Maita, Fabricio FBC (alle Brasilien) oder Diabel Cissokho (Mali) sorgt für Abwechslung. Dennoch ist Fabiola wie aus einem Guss. Die vitale Dance/World-Fusion verzichtet auf spektakuläre Momente und zeitgeistige Elemente. Eindeutig hören wir hier Musiker, die einfach ihr Ding bestmöglich durchziehen und dabei niemanden mehr groß etwas zu beweisen haben.
excitementsÄußerst traditionsbewusst zeigen sich The Excitements auch auf ihrem zweiten Album Sometimes too much ain´t enough. R&B erfährt ja derzeit eine deutliche Belebung durch frische Ideen auf der einen und dem Reiten auf der retro-Welle auf der anderen Seite. The Excitements können deutlich dem letztgenannten Phänomen zugerechnet werden. Überraschend ist dabei zum einen ihre spanische Herkunft, zum anderen die Energie und Authentizität, mit der die Band zu Werke geht. In bester 60s Tradition wird hier mit tighter Rhythmussektion und nach vorne weisenden Sax-Stößen losgewirbelt, die raue Stimme von Sängerin Koko-Jean Davis und die Riffs der beiden Gitarristen tun ein Übriges. Perfekte Unterhaltung an der Grenze von Oldschoool Rhythm and Blues zu Soul für Fans von Ike and Tina Turner und Etta James. Diversen Berichten nach verständlicherweise live noch mal eine ganz eigene Liga!
xinHypo & EDH? Das klingt nach einer Mischung aus zweifelhaften Finanzgeschäften und einem neuen Virus. Hinter dem rätselhaften Namen stecken zwei französische Musiker (Insiderinformationen nach nicht die beiden Wesen auf dem Cover des neuen Werkes Xin). Xin hin EDH her, Songtitel wie Oshiri 4, Deprox 70 oder Mahi Hoy machen es auch nicht leichter. Doch zur Musik: Die ist nämlich äußerst hörenswert. Pop und Experiment werden auf Xin in großer Geste im Gleichgewicht gehalten. Das Duo schafft das Kunststück, Gegensätze zu vereinen und Zitate kunstvoll zu verarbeiten. Die eher minimalistisch produzierten Tracks erweisen sich als wahre musikalische Füllhörner. New Wave und Postpunk hallen hier nach, wobei Hypo & EDH dieser Ära deutlich mehr gerecht werden, als so mancher Topact dieser Tage, der einzelne Künstler vergangener Tage einfach mehr oder weniger platt plagiiert. Hier scheinen zwar auch etwa The Cure irgendwie aus dem Nebel auf, die Songs bleiben aber immer eigenständig und geheimnisvoll. Elektronisches verschmilzt mit Organischem, Melancholie widerspricht einer gewissen Beschwingtheit nicht. Xin ist ein kleines Meisterwerk, das – veröffentlicht auf einem angesagten Label mit entsprechendem Marketing – sicher gute Chancen hätte, in gängigen Jahresbestenlisten aufzutauchen!
huntAuch The Lonesome Southern Comfort Company steht auf Viecher; die sind aber von der Katze auf den Hund gekommen. The big hunt heißt das Album. Was 2006 als Solo-Projekt von John Robbiani begann, hat sich längst zu einer auch live schlagkräftigen Band entwickelt. Sänger und Gitarrist Robbiani gibt mit seiner Begeisterung für historische Begebenheiten auch thematisch den Ton an. Das Album ist inspiriert von Charles le Témeréraire (Deutsch: Karl der Kühne, Englisch: charles the bold – zu Deutsch wiederum: Karl, der Kahle – auch schön!), Herzog von Burgund und Luxemburg, der sich 1477 im Kampf gegen die eidgenössische Infanterie geschlagen geben musste und sein Leben ließ. Sein Leichnam wurde auf dem Schlachtfeld von Wölfen geschändet, es ging ihm also nicht besser als den Tieren auf dem Cover, das ein Gemälde von Walter Hunt (sic!) aus dem Jahre 1884 zeigt. So viel zur europäischen Kunst- und Kriegsgeschichte. Vielleicht auch ganz interessant: The Lonesome Southern Comfort Company setzt die Thematik musikalisch äußerst gelungen um. Ihre Mischung aus Country-Folk und Psychedelic Rock ist getränkt von fein abgehangenen Einflüssen wie das Schlachtfeld vom Blut des Feindes. Klingt manchmal wie die famose deutsch-amerikanische Freundschaft Pothead auf dem Americana-Trip. Ach ja: Robbiani spielt auch noch Banjo und Pedal Steel, was neben dem Einsatz von Viola (Boris) für eine Verfeinerung des Klangbildes sorgt. Tolle Platte! Achtung. Zwei Deutschland-Live-Termine: 18.10. Mannheim + 20.10. Nürnberg.

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