/

Charismatische Wanderer zwischen den Welten

Musik | Ausstellung | Benjamin Sainte-Clementine: I Tell A Fly / Basquiat: Boom For Real

Benjamin Sainte-Clementine baut auf seine Intuition. Unberechenbare Freiheit kann erfolgreich sein. Einst schwarzer Underdog gründete Clementine als Musiker, nachdem er bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes einen Auftritt hatte, sein eigenes Label und konnte so unabhängig arbeiten bis zu einem größeren Plattendeal. Von TINA KAROLINA STAUNER

»…Woman, the truth is here / They ought to see it clear / Excuse-me, I’m in a middle of a song…« (›The People And I‹ aus ›At Least For Now‹)

Benjamin Sainte-Clementine "I Tell A Fly"Clemente ist Charismatiker. Seine Ausstrahlung vermittelt good vibes. Und das trotz politischem und sozialkritischem Bewusstsein. In seinem Songwriting literarisch-surrealer Brit-Chansons mit Klassik-, Beat- und Jazzbereichen ist sogar eine Verbindung von Erik Satie und Soul möglich. Eine nicht ganz leicht ergründlich seltsame und faszinierende Mischung aus rauen und schönen Momenten. Ein hybrides Destillat aus Clementines künstlerischer Welt der Erfahrungen, Beobachtungen, Empfindungen, Literaturrecherchen und Musik. Wie in ›Ode From Joyce‹ über Künstlerleben und American Soul.

›I Tell A Fly‹ von Benjamin Clementine

Vom Obdachlosen in Paris zum Weltbürger und Erfolgsmusiker mit Londoner Mercury Prize für ›At Least For Now‹ im Jahr 2015. Das ist das, was vor Jahrzehnten auch als »American Dream« bekannt war. Und dem Briten Benjamin Clementine mit ghanaischer Abstammung jetzt gelang. Von dem 29-Jährigen gibt es nun die vierte Veröffentlichung ›I Tell A Fly‹. Clementine machte mit seiner Lebensgeschichte auf sich neugierig, denn er hat sich als Außenseiter nicht ausgrenzen und ruinieren lassen.

Als Dropout von der Straße in den Konzertsaal und in die Oper und nicht nur in Nightmares. Das hat er in Aufnahmestudios reflektiert und dokumentiert. Leben in Hotels, Songs in der Werbebranche, von Paris nach New York ziehen und das Leben als Dschungel. C’est la vie.

In seiner schwierigen Jugendzeit war er Straßenmusiker. Heute spielt er Synthesizer, Cembalo und Piano auf elitären Konzertbühnen und ist mit seiner bezwingenden Sängerstimme international bekannt geworden. Nicht mehr nur wie anfangs Privates und Introspektives, sondern auch Gesellschaftsbeobachtung und Sozialrecherche hat er sich mittlerweile als Themen zu eigen gemacht. Die er zukünftig auch in Theaterstücke umsetzen möchte.

»An album is a carte blanche in disguise«, meint Clementine. Und im November wird er das auch live in Deutschland auf der Bühne verwirklichen.

Jean-Michel Basquiats verrätseltes Künstlerleben

Der Musiker Benjamin Clemente erinnert mich an den Maler Jean-Michel Basquiat. Der in der Kulturszene um Andy Warhol in der gesamten Kunstszene als Nicht-Akademiker Karriere machte und von 1960 bis 1988 lebte. Für manche ist Jean-Michel Basquiat und die Factory immer noch unergründlicher Underground. Manchen muss man diese Szene erst bekannt machen. Dabei ist Warhols Klüngel längst in Europa und Deutschland auch mit in der Hochkultur präsent. So war Basquiat auch bei der ›Documenta‹ in Kassel. Sein Werk wird nun ab Februar in Frankfurt in der Schirn ausgestellt und ist derzeit in der Londoner Barbican Art Gallery zu sehen.

 
 

Ausstellungswelt ›Boom For Real‹

Jean-Michel Basquiat; Untitled, 1981. Acryl und Ölkreide auf Leinwand, 207 x 175.8 cm. The Eli and Edythe L. Broad Collection, Los Angeles. Foto: Douglas M. Parker Studio, Los Angeles. © 2010 Jean-Michel Basquiat / ProLitteris, Zürich
Jean-Michel Basquiat; Untitled, 1981. Acryl und Ölkreide auf Leinwand, 207 x 175.8 cm. The Eli and Edythe L. Broad Collection, Los Angeles. Foto: Douglas M. Parker Studio, Los Angeles. © 2010 Jean-Michel Basquiat / ProLitteris, Zürich
Jean-Michel Basquiat begann als Graffiti-Künstler und schuf eine künstlerische Malerwelt aus Zeichen, Symbolen, Figuren, Schriften, Bildern und Collagen auch auf Leinwänden. Mit Basquiat kann gleichzeitig eine jahrzehntelang lebendige unkommerzielle Independentszene der Musik-, Film- und Kunstszene New Yorks wieder erlebt werden. Die bei jedem Insider und Kulturschaffenden in der Kunstszene sowieso nicht vergessen war.

Basquiat realisierte immer seine eigentümliche Arbeit aus Primitivismus und Intellektualität umgeben von Literatur, Musik und Kunst. Und ließ sich nicht von engstirnigen Lehren bändigen und in Schulen zwängen. Er setzte seine afroamerikanische Lebens- und Kunstweise in Verbindung mit Amerika und Europa auch als Musiker durch. Die Unmittelbarkeit seines Neoexpressionismus ist längst Teil der Kunstgeschichte und nicht mehr nur Subkultur. Seine experimentelle Kunst, die Tradition und Avantgarde vereinte und seine Musikexperimente, Art Noise ohne Grenzen zwischen Rock, Pop, Jazz und Klassik, waren zwar anfangs konservativen Kreisen fremd, sind aber nicht erst jetzt in der etablierten Kunstszene präsent.

Basquiats versponnene, verrätselte, raue Gemälde und seine schwer einschätzbare persönliche und kulturelle Lebensweise ist gerade wieder mal als etwas Besonderes zu entdecken. Basquiat war voll exzentrischen Lebens wie ein Bastard, Bohemien und Baron in einer Persönlichkeit und wurde tragischerweise nur 28 Jahre alt.

In diesem Alter scheint Benjamin Clementine nun erst anzufangen. Basquiat ist als Kunstretrospektive zu erleben und Clementine wird gerade in Charts und Konzerten bekannt.

| TINA KAROLINA STAUNER

Titelangaben
Benjamin Sainte-Clementine: ›I Tell A Fly‹
(Caroline/Universal, 2017)

Basquiat. Boom For Real
Barbi­can Art Gallery, London
21.09.17 bis 28.01.18
Schirn Kunst­halle Frank­furt
16.02.18 bis 27.05.18

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Showdown in Providence?

Nächster Artikel

Unsere Polit-Strategen

Weitere Artikel der Kategorie »Ausstellung«

»Vorne einen Russlandwimpel und hinten Stars and Stripes«

Ausstellung | Interview mit Jonathan Fischer zur Ausstellung ›Merci Maman‹

Was die Dandys für Kinshasa sind, sind die Sotramas für Bamako. Schrille, grellbunte, übermütige Selbstinszenierungen. Wild entschlossen trotzen sie Chaos, Armut und Staub und ziehen eine Spur des Lächelns durch die Straßen der malischen Hauptstadt. Die rollenden Dandys von Bamako sind private Mercedes-Kleinbusse für den öffentlichen Nahverkehr. Ihre Besitzer lassen sie von Busmalern zu exzentrischen Gesamtkunstwerken gestalten, voller Bilder und Botschaften, die Geschmack und Charakter der Chauffeure spiegeln und den Zeitgeist von Bamako. Das malische Foto-Kollektiv »Yamarou« hat dieses Kulturphänomen über ein Jahr lang für die Ausstellung ›Merci Maman. Straßenfotografie in Mali‹ porträtiert. Im Münchner ›Museum Fünf Kontinente‹ werden etwa 60 Arbeiten von fünf Mitgliedern der Gruppe präsentiert – atmosphärisch wie ein Marktplatz inszeniert und vom Rhythmus malischer Songs in Schwingung versetzt. Von SABINE MATTHES

Der Schrei einer neuen Nation

Ausstellung | Nigerian Modernism (London)

Im Zuge nationaler Unabhängigkeit muss sich auch die Kunst befreien und neu erfinden. Die Ausstellung »Nigerian Modernism« in der Londoner Tate zeigt, wie sich traditionelle indigene Kunstformen, Religionen und Perspektiven mit europäischen Techniken zu einem modernen Stil synthetisieren. Von SABINE MATTHES

Purpurne Wolken und eine Armee von Raben

Kulturbuch | Heike Gfrereis: Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie

Purpurne Wolken und eine Armee von Raben. Das neue Marbacher Magazin begleitet klug, spannend und aufschlussreich eine Ausstellung über Friedrich Hölderlin, auf den sich wohl fast alle deutschen Dichter irgendwie und irgendwann bezogen haben, vor allem Paul Celan. Von GEORG PATZER

Mir graut vor euch

Ausstellung | Rembrandt Bugatti: Alte Nationalgalerie Berlin, 28. März bis 27. Juli 2014   Was immer du unternimmst, du kommst zu spät, so ist das Leben. Mit dieser Ausstellung hatte ich Glück, sie lief noch, nur der Name des Museums war mir nicht mehr geläufig, die Museen verwechselt man schon mal, sie heißen auf der Insel alle gleich: Altes Museum, Neues Museum, Neue Nationalgalerie, Bode-Museum, Alte Nationalgalerie – wer soll sich da zurechtfinden? Von WOLF SENFF [Titelfoto:Rembrandt Bugatti, Großer Ameisenbär (Le grand fourmilier), Detail, 1909, Bronze, 36 x 41 x 21,5 cm, Privatsammlung, Foto: privat]

Der andere Janssen

Ausstellung | Hamburger Kunsthalle: Der andere Janssen Um den genialischen und leicht verlotterten Zeichner Horst Janssen ist in gewissen Hamburger Kreisen geradezu eine Art Kult getrieben worden. Den wenigsten dürfte dabei bewusst gewesen sein, dass es in der Hansestadt einen anderen Janssen gegeben hatte, der von der Kunstgeschichtsschreibung längst sanktioniert worden war und dessen ungewöhnliches Selbstbildnis ein Glanzstück der örtlichen Kunsthalle ist. Diese Selbstdarstellung von Victor Emil Janssen (1807-1845) ist denn auch nicht zufällig für den Umschlag des voluminösen Katalogs zur Ausstellung ›Hamburger Schule‹ gewählt worden, er ziert auch das Plakat der Schau und ist ein Leitbild der ganzen Unternehmung.