Romantik, Zigaretten und andere Kicks

Musik | Toms Plattencheck

Wed 21 von Juana Molina hören. Von TOM ASAM

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Es ist bereits ihr sechstes Album – und es ist in seiner Fusion aus Experiment und großen Popmomenten, im Zusammenspiel von Folk und Dance, der Verschmelzung von akustisch und elektronisch einfach großartig. Die Argentinierin bringt zusammen, was oft nicht recht zusammenkommen will und wirkt dabei völlig unbemüht – von björkschen Kunst- und Avantgardeverrenkungen ist da nichts zu spüren. Man denke dabei an Meister des kleinteiligen, aber melodiösen Pop wie etwa Ben Cooper aka Radical Face bzw. Electric President oder besser die völlig unterschätzten Grasscut, da letztere organischer und mit einem gewissen Folk-Einschlag arbeiten. Dazu noch das Ungestüme einer experimentierfreudigen Micatchu – allerdings mit mehr Hang zum Perfektionismus. Besser noch man höre sich das Album einfach möglichst umgehend selbst an und helfe mit, diese Künstlerin vom Kritiker und Musiker-Liebling (u.a. Kollabos mit Vetiver, Vashti Bunyan und ein Mitwirken an den Alternative Takes on Congotronics zeugen hiervon) zum Fanliebling zu machen. Ein absolutes Highlight im ohnehin tollen Katalog von Crammed Disc!

_pereraVon Juana zu Perera, Sasha Perera aka Perera Elsewhere, einem weiteren Namen aus dem unübersichtlichen Ozean begabter junger, weiblicher Künstlerinnen, den es zu notieren lohnt. Die gebürtige Londonerin lebt mittlerweile in Berlin und veröffentlicht ihr Debütalbum Everlast auf dem amerikanischen Label Friends of Friends. Einigen dürfte sie schon als Sängerin/Songwriterin von Jahcoozi bekannt sein. Auf Everlast agiert Perera im Bereich eines Updates des 90er-Jahre Trip Hops. Wer sich eine smoothe, stellenweise leicht spooky Mischung aus Portishead und einer gedachten Schwester von Gonja Sufi (der auf einem Track tatsächlich beteiligt ist) vorstellen kann, sollte sich die diese Tracks, die sich mit Religions- und Gender-Problematiken oder der allseits beliebten Korruption auseinandersetzen, zu Gemüte führen.

_avengerSimon Delacroix hat sich nach einem Horror-B-Movie von 1985 benannt. So wurde aus dem eher schüchternen Franzosen der monsterhafte Superheld Toxic Avenger. Ja, Delacroix mag die Gegensätze. Sozialisiert mit Metal und Hardcore wurde er dennoch zum angesagten Künstler der elektronischen Szene. Der Titel seines zweiten Albums verrät den neuesten Auftrag des Superhelden: Aufs Hoverboard steigen und die guten Dinge von Anno Dunnebums einzufangen. Dinge, die es früher mal gab: Romance & Cigarettes zum Beispiel. Oder Synth-Pop mit großem Massenpotential. Delacroix ist Teil einer Generation, die älteren Säcken schnell mal auf selbigen geht, weil man stets denkt, dass alles geht. Auch ein Album mit voll so 80´s-Stuff, wie er damals im Autoradio lief, als man mit den Alten ans Meer gefahren ist, bloß halt fett die IDM-Fetzen und Electro-Knalleffekte dazwischen. Aber: es geht heutzutage halt wirklich vieles, und manches davon macht auch wirklich Spaß (dafür lieben dann einige alte Säcke die nicht ganz so alten wiederum). Zum Beispiel für Romance & Cigarettes; nach Jackson and his Computer Band stellt der Avenger das zweite großartige Scheibchen hintereinander aus diesem romantischen, verrauchten Nachbarland Frooonkreisch, aus dem man hierzulande in den ganzen 80er Jahren nicht mehr hörbaren Pop mitbekam als heute innerhalb von sechs Wochen.

_talabotVon der französischen zur spanischen Szene. Wie viele ernstzunehmende Popstücke aus Spanien hat man den in den 80ern vernommen? Tja, die Dinge haben sich wirklich geändert, und so muss man auch keine Angst haben, wenn der spanische DJ und Produzent John Talabot im Rahmen der renommierten DJ-Kicks-Reihe für seinen Mix unter anderem auf Stücke zurückgreift, die ihn beeinflusst haben. Ihn, der ja außerhalb Barcelonas erst seit seinem sensationell gefeierten eigenen Album bekannt ist. Talabots DJ-Kick Beitrag will nicht unbedingt ein Tanz-Mix sein. Es sind zwar Tanzstücke vertreten, aber es geht auch langsam und düster-ambient zur Sache. Ein stellenweise stranger Mix, der den aufmerksamen Hörer belohnt. Kommt eher wie ein gutes altes Mixtape, das mit viel Liebe erstellt wurde. Und es sind teilweise auch schon ältere Stücke im Mix, die allerdings keinerlei Staub angesetzt haben, wie etwa Jürgen Paape Remix von Krons Silikon. Rätsel geben allerdings die vorab angekündigten Tracks I love, ein Deep House Track von Paradises Deep Groove aus dem Jahre 1992 sowie der Italo-Klassiker Mind games von Jo Jo auf. Letzteren kann ich in der mir vorliegenden Tracklist gar nicht finden, von Paradise… hingegen findet sich der Track Innermind wieder. Never mind! Trotzdem ein Juwel im unübersichtlichen Haufen der DJ-Mixes. Ob I heard them say von Maps (Andy Stott Remix) oder Axel Bomans Klinsman, die Höhepunkte sind zahlreich. Deep House, sphärische Disco-Tracks, Cosmic-Anklänge und mehr finden hier zusammen.

| TOM ASAM

Titelangaben
Juana Molina: Wed 21 – Crammed disc
Perera Elsewhere: Everlast – !7/ Alive
The Toxic Avenger: Romance & Cigartettes – Roy Music/ Alive
John Talabot: Dj-Kicks – !K7 / Alive

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