Crumb sei Dank

Comic | Robert-Crumb-Special

Comic-Heroe Robert Crumb hat dieses Jahr seinen 70. Geburtstag gefeiert – ein Anlass, der Comic-Deutschland eine Neuauflage bereits erschienener Werke und einen schönen Tribut-Band bescherte. CHRISTIAN NEUBERT hat sich zwischen die massigen Schenkel des Crumb’schen Figurenkosmos gezwängt – und viel mehr entdeckt als skandalträchtiges nacktes Fleisch.crumb1Robert Crumb ist das, was man eine lebende Legende nennt. Man findet schwerlich einen Comic-Schaffenden, für den er nicht in irgendeiner Form als Vorbild oder Inspiration herhält – egal ob dieser nun willentlich die Trash-Schublade bedient, Genre-Verfechter ist oder Schöpfer jener Werke, die neuerdings als Graphic Novel firmieren. Sein Einfluss ragt jedoch weit über die Comicszene hinaus. Nur wenige Künstler haben die Kulturlandschaft der letzten 40 Jahre dermaßen umfassend geprägt und mitgestaltet wie der in Philadelphia geborene Zeichner. Seine viel zitierten Comics, die Plattencover-Artworks, die er kreierte (und, wie im Falle der Rolling Stones, nicht kreierte), die Illustrationen für Werke von Autoren wie Bukowski, die Verfilmung seines Fritz The Cat, ein Doku-Film über seine Person und seine späte Musikerlaufbahn belegen dies.

In diesem Jahr hat Crumb seinen 70. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass gönnte der Altmeister, der inzwischen in Frankreich lebt, dem Comic Festival München einen Besuch – und der Reprodukt Verlag gönnt uns eine Auswahl thematisch ausgerichteter Sammelbände, die im halbjährigen Turnus herausgebracht werden. Wer sich nicht unbedingt die ebenfalls frisch im Taschen Verlag veröffentlichte Gesamtausgabe leisten kann oder will, findet in diesen eine umfangreiche Werkschau.

Ein Großteil der von Reprodukt kompilierten Geschichten und Zeichnungen sind in deutscher Übersetzung bereits zwischen 1986 und 1992 beim Verlag Zweitausendeins erschienen. Diese sind jedoch nur noch antiquarisch erhältlich, weswegen die Neuauflage sehr willkommen ist – zumal die versammelten Stories wieder in den großartigen Übersetzungen Harry Rowohlts vorliegen.

Sein Geburtstag, unser Geschenk

Der erste dieser schön editierten Halbleinenbände trägt den Titel Nausea – Crumb hat Sartres La Nausée als Comic adaptiert. Neben der Titelgeschichte enthält der Band weitere Adaptionen literarischer Werke, die Crumb in den Jahren 1981 bis 1989 herausbrachte. Die Kompilation macht deutlich, dass Crumb genau weiß, welche Stoffe er in ein Comic-Gewand zu packen imstande ist – und gewährleistet dadurch das, woran nicht wenige seiner Kollegen scheitern: Adaptionen, die sich losgelöst von ihrer Vorlage eigenständig behaupten können.
crumb2Egal, ob er Philip K. Dick zwischen religiösem Wahn und Schizophrenie irrlichtern oder die unrühmliche, anmaßende Ära früher psychiatrischer Einrichtungen anhand von Auszügen aus Dr. R. von Krafft-Ebings Aufzeichnungen aufleben lässt: Crumbs Zeichenstil, der gleichermaßen karikiert und stilisiert, erweist sich als sehr zweckdienlich, um die zugrunde liegenden Texte zu illustrieren. Dem Skurillen, Aufwühlenden und eventuell Verstörenden der jeweiligen Inhalte begegnet Crumb mit dem Blick eines Voyeurs, der hinter der drastischen Deutlichkeit der Zeichnungen viel Wahrheit erkennen lässt. Abgerundet wird Nausea von einer ätzenden Persiflage auf Omaha The Cat Dancer und einem Auftritt seiner berühmten Figur Mr. Natural. Damit überführt einen der Band zu jener Disziplin, in der Crumb eine frühe Meisterschaft erlangte: Dem autobiographischen Erzählen.

Der Autor als Thema

Sich selbst zum Thema seiner Comics zu erheben ist – neben seiner unverwechselbaren Schraffurtechnik, an der sich nach wie vor ganze Zeichner-Generationen abmühen – das große Geschenk, das Crumb dem Medium Comic zuteilwerden ließ. Und auch der Umstand, dass Sex, Gedanken an Sex und Dinge und Eigenschaften, die aus Sex oder keinem Sex resultieren, wieder comic-relevant wurden. Seine Underground Comix pfiffen auf den Comics-Code, der ab 1954 für eine klinisch saubere, unbedenkliche US-Comic-Landschaft sorgte. Crumb zeigte alles. Vor allem dralle Damen mit ausladenden Gesäßen haben ihm angetan.

Wer Crumbs Frauenbild ankreidet, hat Recht: Ja, er urteilt häufig respektlos, unfair und pauschal. Allerdings sind davon beileibe nicht nur Frauen betroffen – und mit sich selbst geht er noch viel schonungsloser ins Gericht. Den Nachweis dafür liefern jene schönen Geschichten, die sein Leben schrieb und die er nachträglich zu Comics werden ließ: Crumb als Schüler beim Fußeln, sein erster LSD-Trip, die traurige Erkenntnis: Man kann sie nicht alle haben – all dies findet man in Reprodukts zweitem Sammelband Mein Ärger mit den Frauen, der Crumbs herrlichen Schweinekram kompiliert.

Grobe Stoffe, feinfühlig erzählt

Wenn Crumb über sein Leben sinniert, ist das ein Erlebnis, dem man bei aller Spleenigkeit und Explizität der Bilder einen existenzphilosophischen Gehalt nicht absprechen kann. Humor wächst bei Crumb aus Bitterem und umgekehrt, und dank seiner schonungslosen Haltung und seines Lebenslaufs, der Stationen als Loser und Popstar kennt, bewegen sich seine Comics näher an Nietzsches Zur Genealogie Der Moral als viele Werke, die dieses Anliegen auf dem Banner tragen.
crumb3Auch Andreas Eikenroth hat das erkannt: Sein zweiseitiger Beitrag für A Tribute To Crumb. 80 Künstler Ehren Den Meister Der Comix schlägt mit feinem Humor in diese Presche. Der bei Edition 52 erschienene Band bietet anlässlich des runden Geburtstags des Meisters auf 100 Seiten viele gelungene Beiträge, die Crumbs Erbe in Ehren halten. Von der ganzseitigen Illustration über mehrseitige Comic-Strips ist hier so manches Kleinod, ganz viel Kurzweiliges und glücklicherweise kaum ein Ausfall vertreten. Wenn es um Crumb geht, geben sich scheinbar alle viel Mühe – egal, ob sie nun Charles Burns, Calle Claus, Nicolas Mahler, Lars Fiske oder Jamiri heißen.

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Robert Crumb: Nausea
Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohl.
Berlin: Reprodukt 2013
112 Seiten, 29 Euro.

Robert Crumb: Mein Ärger Mit Den Frauen
Aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt
Berlin: Reprodukt 2013
96 Seiten, 29 Euro.

VA: A Tribute To Robert Crumb: 80 Künstler Ehren Den Meister Der Comix
Wuppertal: Edition 52 2013
100 Seiten, 20 Euro.

Reinschauen
Comic-Festival München – Webseite

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