Katzenjammer, Affensound und Fuzz Crooner

Musik | Toms Plattencheck

Bevor David Del Conte den Song of a gypsy zu singen imstande war, hatte er bereits einiges erlebt. Der Sohn italienischstämmiger US-Migranten schwängerte als Teenager seine noch jüngere Freundin, die er mit 18 heiratete – zwei weitere Kinder das Ende des jungen Familienglücks folgten, als bürgerlicher Lebensentwurf und erste Gehversuche als Musiker/Entertainer aufeinanderprallten. Familien- und Musikgeschichten – von TOM ASAM.01
Die Geschichte, wie Del Conte zu Damon wurde und in den Jahren 1967/1968 einen Schwung Songs aufnahm, die unter Kennern zur Legende wurden, klingt teilweise absolut filmreif – wer weiß, vielleicht haben wir hier die Vorlage zur Rodriguez– Wiederentdeckungs-Nachfolgestory. Auf alle Fälle landete unser Mann auf der Suche nach Sinn und Glück Ende der 60er im noblen Esalen Institute an der kalifornischen Küste, nahe dem legendären Big Sur. Er hatte durch einen Freund die Möglichkeit dort etwas abzuhängen und Kräfte wie Inspiration zu sammeln. Was er tat beim Whirlpool-Planschen mit jungen Hippie-Mädels unter Sternenhimmel – bis George Harrison und Ravi Shankar für eine Session einflogen, bei der Del Conte mit seiner momentan nur fünfseitgien, eigenartig gestimmten Gitarre einsprang. Daraus entstand die Songidee zu Song of a Gypsy, bald wurde unter professionellen Bedingungen ein ganzes Album eingespielt; unter den Musikern, die ihn dabei unterstützten, fallen vor allem der tighte Drummer Carl Zarcone und der Fuzz-Gitarrist Charlie Carey auf. Die in kleiner Auflage erschienene Platte blieb ein Geheimtipp, der unter Sammlern längst als Goldschatz gilt. Die Kennerplattform für Psychedelic-Platten Sammler Acid Archives nannte das ganze mal »tranced out gypsy arabien acid fuzz crooner with deep mysterious vocals, an amazing soundscape and excellent songwriting.« Naheliegendste Vergleiche sind Jefferson Airplane und The Doors – aber auch Funk und die indische Tonalität Shankars haben hier ihren Einfluss geübt. Die Originalbänder der Aufnahmen sind verschollen, über die Jahre gab es diverse legale wie illegale Wiederveröffentlichungen, teils in unwürdiger Qualität. Die nun vorliegende Veröffentlichung auf Now-Again Record weist zwei große Vorteile auf: Erstmals erfolgte hier eine speed/pitch Korrektur, die ursprüngliche Veröffentlichung wies mit Ausnahme des Titelstückes nämlich nicht die korrekte Geschwindigkeit auf. Zudem gibt es auf einer zweiten CD jede Menge unveröffentlichter Stücke zu entdecken.

02Twomonkeys is one word. Die Gebrüder Bornati sind ja auch Brüder. Die italienischen Künstler trieben sich zwischen Berlin und Amsterdam rum, bevor sie als Perpendicular Guitar Ensemble eine Oper für acht Gitarren, Percussion und weibliche Stimme aufführten – und zwar beim Musical ZOO Festival in Brescia 2011 – da passen sie hin, die Monkeys. Es folgte eine EP namens Marshmellows. Nun folgt die affengeile Platte Psychobabe. Hier treffen Freak Folk auf Analog-Daddelautomatensounds und Psychedelic Rock auf Kinderchöre. Songtitel wie Fuckfolk, More Space und Psycho sollten eine kleine Warnung sein. Ebenso der Name des Produzenten: Asso Stefana, der auch schon mit Mike Patton himself zusammenarbeitete. Weiteres Puzzleteil: Nicht nur der Name des openers Moon erinnert mich an die legendäre Space-Metal Scheibe Of the Sun and Moon von Sacred Blade aus dem Jahre 1986, auch diverse Stimmungen und Gitarrensounds. Ein Schmankerl-Tipp für Suchende.

03Nein, das ist kein neues Album der norwegischen Multi-Instrumental-Mädels Katzenjammer, das da Kultur heißt. Vielmehr ist Kultur Katzen Jammer der etwas eigenartige Titel von Pajero Sunrise – was natürlich ein Künstlername ist. Dahinter versteckt sich ein Spanier, der klassischen Singer-/Songwriter-Stoff mit Folkeinschlag mit modernen Electronica-Elementen vermischt. Cat Stevens oder Simon and Garfunkel kommen einem zwischendrin in den Sinn, bevor Mr. Sunrise wieder flugs eigene Impulse einsetzt. Kultureller Katzenjammer im Sinne eines im Überfluss vorhandenen Kultur-/ Unterhaltungsangebotes, das der Sänger thematisiert, bedroht natürlich auch sein eigenes Werk, auch wenn er – mitunter unfreiwillig – für individuelle Momente sorgt. So mit seinem südeuropäisch geprägtem Englisch, das besonders auffällt, wenn das I mal wieder länger dauert. Da werden die passing by cities zu »CDs,« das little girl zum »Lidl Girl« – und die Phantasie geht mit dem Hörer durch: Lidl Girl trifft Aldi Boy. Eine CD nach der anderen rauscht durch und sie zeugen ein süßes Baby, das sie ganz im Sinne des sozialen Aufstiegs Edeka taufen und in zärtlichen Momenten gar Käferle rufen – Hauptsache kein »I«!

04Das Trio Kosheen aus Bristol ruft – wie auch ihre Heimatstadt – automatisch die Musik der 90er in Erinnerung. Mit einer breitbeinig aufgestellten Mischung aus Drum and Bass-Einflüssen und jeder Menge Popappeal erspielte sich die Formation um Sängerin Slan Evans eine große Fanschar, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sie neben eingängigen Songs auch mit eher an klassischen Rockkonzerten angelehnten Shows punkteten und somit den schnellen Wechseln im Bereich des Dance eher aus dem Weg gingen. Nach längerer Verschnaufpause kehrten Kosheen letztes Jahr mit einem stilistisch angenehm breit angelegten Album namens Independence zurück – das natürlich auch den Wechsel vom Major- zum Indie-Label verdeutlichte (ob der wirklich so selbst gewählt erfolgte, bleibt offen). Nun sind sie schon wieder mit einem neuen Werk am Start. Solitude steht für das Gefühl alleine zu sein, sich dabei aber keineswegs einsam zu fühlen, sondern die Muße zu besitzen, die Dinge auf sich wirken zu lassen und Kräfte zu sammeln. Und das trifft die Situation von Kosheen durchaus. Sie können immer noch Songs schreiben. Und auch wenn die teilweise an der Grenze zur Beliebigkeit entlangschrammen, stimmt das Ergebnis aufgrund der kompositorischen Raffinesse und ausgefeilten Produktionstechnik – und natürlich der immer noch tollen Stimme Evans letztlich doch wieder. Solitude ist insgesamt etwas düsterer eingefärbt und weist eine gewisse atmosphärische Dichte auf.

| TOM ASAM

Titelangaben
Damon: Song of a gypsy – Now again Records
Two Monkeys: Psychobabe – Kandinsky Records / Audioglobe
Pajaro Sunrise: Kultur Katzen Jammer – Lovemonk / Kudos / Believe
Kosheen: Solitude – Kosheen Records / Membran / Sony

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